Neue Frauen braucht das Theater – Unbeschreiblich weiblich in Kiel

Noch bevor ich wieder nach Reims, resp. Flensburg auf die Spruren von Didier Eribon zurückkehre, wird in Kiel die Komödie Unbeschreiblich Weiblich von Petra Wintersteller Premiere haben.

Der Theaterfrachter Lore&Lay wird zeitnah in bespielbarem Zustand sein, ist aber zur Stund noch work in progress, und so fand die erste Leseprobe an Land statt.

Wie der Titel schon nahelegt, befinden wir uns in einem fast ausschliesslich aus Frauen bestehenden Ensemble. Der junge Josh Riese ist der metaphorische Quotenmann in einem ansonten mit Weibern besetzten Team, inklusive Regie und Regieassistenz. Im Übrigen handelt es sich um ein, wie ich finde, ausnahmslos sympathisches Ensemble mit einer Regisseurin, die die richtigen Töne trifft. Tina Wagner wird das Oeuvre inszenieren, und mich ergriff sofort vollumfängliche Begeisterung, als sich abzeichnete, dass da jemand über die gleichen Stellen im Stück gestolpert ist wie ich und ich mit den Einwänden und Änderungsvorschlägen zu hundert Prozent einverstanden bin – hat man ja auch nicht alle Tage.

Das Setting: Vier Frauen mit auffällig unterschiedlichem Naturell begegnen sich auf der Suche nach einem erfüllteren Leben in einem VHS-Kurs des sehr schönen Titels „Unbeschreiblich Weiblich“. Sie durchlaufen, angeleitet von Frauenversteher Erich Schuler, einen – teils drolligen, teils dramatischen- gruppentherapeutischen Prozess, entdecken sich neu und feiern in einem genregerechten Happy End das Leben und sich selbst. Der Humor dieser Liebe-Dich-selbst-Komödie entsteht vor allem durch die Kombi der Charaktere, in denen jede von uns zweifelsohne die ein oder andere Bekannte – uns selbst eingeschlossen – wiedererkennt und die im Zusammenspiel einfach putzig daher kommen. Ein bisschen schwierig finde ich, gerade im Zusammenhang mit Frauen, die Botschaft, dass ein glückliches, erfülltes Leben, sich in erster Linie durch eine möglichst enge Bindung an einen Mann herstellt. Jedenfalls könnte man die Schlußszene dahingehend interpretieren. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass unsere Regisseurin eine schöne Lösung bereit hält, um diese Interpretationsmöglichkeit nicht so sehr als Kernthese ins Zentrum der Inszenierung zu rücken.

Gute sechs Wochen Probenarbeit liegen vor uns, dann wird Lore&Lay das Ergebnis präsentieren. Wer teilhaben möchte:

Unbeschreiblich Weiblich
Premiere am 26. September um 20 Uhr auf dem Theaterfrachter Lore&Lay
mit Jule Nero, Oleksandra Zapolska, Josh Riese, Martina Riese und alternierend Esther Barth/Heidi Klein
Regie: Tina Wagner

Tickets

Rückkehr nach Reims – Theater trifft Soziologie

67795699_2284205241656266_5498730896880041984_oIch habe lange kein Stück mehr gearbeitet, das ein so hohes Maß an Suchen und Verwerfen, an Textanalyse und der Arbeit am Bühnentauglichmachen erfordert hat.

Rückkehr nach Reims (Retour à Reims) ist ein Sachbuch mit autobiographischem Hintergrund. Ein Buch ohne Dialoge, geschrieben in einem, sagen wir, analytisch-intellektuellen Duktus – auch wenn die sehr persönlichen, autobiographischen Schilderungen zum Teil sehr anrührend sind, wenn man das Buch liest. Meine Regisseurin Gabriele Schelle hat ein Bühnenstück daraus gemacht. Ich war und bin erstaunt, wie gut es gelungen ist, aus verschwurbelten Analysen -über Fragen wie die Existenz der Klassengesellschaft, das Wahlverhalten bestimmter Milieus oder die Prägung des Menschen durch Herkunft und Zugehörigkeit zu verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen-  plastische Dialoge zu kreieren. Und doch haben mein Kollege Christian Nisslmüller, die Regisseurin und ich in den letzten Wochen intensiv daran geackert, diese Texte zu unseren zu machen, haben gestrichen, geöffnet, verändert, Bilder ausprobiert, um einzelne Worte, Gesten oder Gänge gerungen und versucht, Didier Eribon, den Autor, zu verstehen.

Gleichzeitig setzte diese Beschäftigung bei uns allen eine Reise in die eigenen Familienstrukturen frei. Rückkehr nach Reims beschreibt die Rückkehr Eribons in seine Heimatstadt und zugleich ins soziale Milieu seiner Herkunft, die „Arbeiterwelt“, wie er sie selbst nennt. Fast dreißig Jahre lang hatte der inzwischen in Paris lebende Intellektuelle seine Eltern und Geschwister nicht besucht. Zu groß erschien ihm die Entfremdung von der Welt, in der er aufgewachsen ist. Erst die Alzheimererkrankung seines Vaters treibt ihn zurück und damit auf die Suche nach seiner Identität. Anders gesagt erkennt er, dass gerade die radikale Abgrenzung von seiner Familie, ja, die Vertuschung seiner Herkunft, die er bislang betrieben hat, eine Befreiung von sozialen Zwängen verhindert. Unwillkürlich entdeckt man als LeserIn – und insbesondere, wenn man sich, wie wir, dem Text künstlerisch nähern und ihn in ein Bühnenstück verwandeln will – Parallelen zu eigenen Kindheitserfahrungen, rekapituliert das eigene Verhältnis zu den Eltern, den Großeltern, den eigenen Abnabelungsprozeß und sein Dasein als Teilchen im Bildungssystem. Bilder, Gedanken und Erinnerungen poppen auf. Und die Frage, was davon wir wohl nach Jahrzehnten eher verklärt wahrnehmen.

Im Grunde liegt mir die Arbeit an intellektuellen Texten. Nachdem ich mein Verkopftsein während der Schauspielausbildung und auch noch danach eher als hinderlich empfand und daran arbeitete, mich zum reinen Emotionsmenschen umzuerziehen, verstehe ich es in letzter Zeit wieder als sinnvolle Begabung, komplizierte Gedanken in verschachtelte Sätze packen und jene Gedankengänge entschlüsseln zu können, die andere in Schachtelsätze transferiert haben. Selbst im französischen Original gelang mir das mit Eribon ganz gut. Und doch ist die Transferarbeit hin zur Emotionalität und Verbildlichung der Bühne, die wir in den letzten Wochen geleistet haben, eine anstrengende. Vier Wochen sind seit der ersten Probe vergangen, und ich habe mir einen Hühnerrhythmus angeeignet. Ich stehe mit den Hühnern auf und schlafe auch meist mit ihnen ein. So erschöpft bin ich oft nach der Arbeit.

Übrigens habe ich tatsächlich seit vier Wochen Hühner um mich. Meine Unterkunft hier ist ein Hof mit sechs Hühnern und einer Katze. Ländliche Idylle also am Abend. Und am Tage konzentrierte Probenatmosphäre in der im Moment quasi ausgestorbenen Pilkentafel, die uns für die Vorproben ganz alleine zur Verfügung steht.

Im Oktober sind Endproben. Und wenn wir Glück haben, hat sich nicht nur die Bemühung der Gehirnwindungen gelohnt, sondern Monsieur Eribon wird sich das Ergebnis unseres Schaffens persönlich in Flensburg ansehen.

10. Oktober | 20.00 h PREMIERE

Rückkehr nach Reims nach Didier Eribon

Bühnenfassung und Regie: Gabriele Schelle

Schauspiel: Christian Nisslmüller und Esther Barth

Theaterwerkstatt Pilkentafel

Pilkentafel 2
24937 Flensburg
T: +49 (0) 461 24901
info@pilkentafel.de

Tickets VVK >>

Der echte Schauspieler ist überall Schauspieler, sogar auf der Bühne …

Wie sagte schon Oscar Wilde: Die Bühne scheint mir der Treffpunkt von Kunst und Leben zu sein

Wie gut, dass noch drei Premieren die zweite Halbzeit 2019 bereichern:

19.9. : „Unbeschreiblich Weiblich“ auf dem Lore & Lay Theater Schiff in der Kieler Hörn
Zur Stund wird der Spielort im Akkordtempo vorbereitet, um bald anlegen zu können.

10.10. : „Rückkehr nach Reims“ in der Theaterwerkstatt Pilkentafel in Flensburg. Die Vorproben beginnen bereits in wenigen Wochen.

Und im Laufe des Oktobers: „Eine Leiche im Louvre“, das neue Kriminaldinner im Auftrag von engesser marketing gmbh

Kurz vor den Vorproben in Flensburg nochmal Fotosession in Berlin mit Thorsten Junge

Kindheitstraum Schlamm

Ich bin Kind von 68er Eltern, und so hatten wir natürlich die Videoausgabe des Woodstock Festivals. Am meisten beeindruckt haben mich stets die Bilder von nackten Körpern, die da durch den Schlamm rutschten.
Gut, ich hatte was an und das Event war unpolitisch und kommerzieller als Woodstock. Aber hey, Schlammparcours sind einfach nur großartig! Messy fun … un truc de ouff … Jedenfalls bei 27 Grad, die uns an dem Tag beglückten.

Neue, alte Perlen

Zurück in Hamburg. Seit Monaten inzwischen.
Ich habe ihn wieder, meinen geliebten Beruf, die vermisste Unvorhersehbarkeit des Daseins, das übliche Chaos und die Grundregel: Wenn ich nur drei Monate lang sehnsüchtig darauf hinarbeite, dass sich IRGENDEIN Kunstschaffender meiner zuwendet, kommt garantiert ein Berg von schönen Aufgaben – die leider in der Kürze der Zeit – wenn überhaupt – nur unter Hochdruck zu bewältigen sind und ein Privatleben überflüssig machen.

Kleiner Abriss meiner letzten Wochen:
1. August: Vorsprechen für ein Kriminalstück. (Massencasting … ich verlasse den Raum ohne besondere Hoffnung auf ein positives Ergebnis)
8. August: Testtour für eine neue Altstadttour
9. August: Zusage für das Kriminalstück
10. August: Aufnahme der Vorbereitung
20. August: Anruf aus Cottbus: „Können Sie morgen zum Proben kommen, ich brauche dringend eine Umbesetzung“ – am selben Abend der Versuch, meine Termine so umzuschaufeln, dass ich das machen kann. Ergebnis: Gescheitert.
24. August: Der Text für das Kriminalstück kommt an.
25. August: Anrufe für mehrere Synchronprojekte, die nun die Zeitfenster blocken, die ich am Vortag fürs Text lernen reserviert hatte
29. August: Man informiert mich darüber, dass 2 Tage später Mangel an englischen Guides herrscht. Ob ich denn nicht … na gut, denke ich, bevor es gar niemand macht …
30. und 31. August: Ich arbeite ganztägig und denke, meine Güte, mit der englischen Tour hat man mit mir den Bock zum Gärtner gemacht … zudem muss ich ja noch den Flohmarkt für das anstehende Strassenfest vorbereiten … wie soll das zu schaffen sein?  schlaflose Nächte und Überstunden für die Vorbereitung von Flohmarkt und Altstadttour
1. September: Ich baue früh morgens mit meiner Freundin den Flohmarktstand auf, lasse sie dann dort allein zurück und begebe mich zur englischssprachigen Altstadtführung. Danach zurück zum Flohmarkt und von dort aus ins Synchronatelier …

Business as usual … heute erstmal zur Erholung und Abreaktion Muddy Angel Run!

Jahrestag

Heute vor einem Jahr kam ich an.
In „Grand Paris“, der Stadt des Savoir Vivre, der Hausmann’schen Ästhetik, des Louis XIV’schen Pomp, der Street Art und der zauberhaften Brücken. Der Stadt, wo man sich liebend an der Seine entlang flanieren, gepfegten Café trinken, Kunst betrachten, in Bobo-Boutiquen kramen, auf Flohmärkten abgefahrenes Zeug -das kein Mensch braucht, aber jeder gerne hätte- kaufen, Austern schlürfen und auf exzessiven Künstlerpartys französisch parlieren sieht, wenn man als Schauspielerin einen dahingehenden Auslandsaufenthalt plant.

Ich hatte mir vorgestellt, in irgendeiner Weise meinen kreativen Kram fortsetzen und in relativ kurzer Zeit die Sprache wie die Landsleute sprechen … ja, und vor allem verstehen zu können. Ich spüre noch diese surreale, irgendwie unwirkliche und aufgeregte Stimmung, in der ich am ersten Tag im Garten meiner Quasi-Tante (die mich in der ersten Zeit dankenswerterweise beherbergt hat) stand, mit nur 5 Kartons ausgestattet, den Rest meiner Habseligkeiten eingekellert in Hamburg, dieses vergleichsweise mediterrane Ambiente einsaugend und mich einfach freuend, dass plötzlich alles anders und alles zur Routine gewordene unterbrochen ist.

Es ist eine drollige Sache mit der Routine. Sie ereilt uns so rasant, dass wir eigentlich alle sechs Monate komplett das Umfeld wechseln müßten, um ihr zu entgehen. Inzwischen ist die Rückkehr nach Hause, die in drei Monaten ansteht, das große Versprechen, eine Routine zu stoppen, die mittlerweile hier eingetreten ist. Und das, obwohl im Laufe dieses letzten Jahres immer wieder viel und Neues passiert ist … der Umzug von der Tante in die WG und von dort aus in die eigene Wohnung, die Orte und Menschen, die neu in mein Leben kamen, der Besuch aus Deutschland, die Ausflüge, Feiern und Alltäglichkeiten, die mich diese neue Stadt immer wieder anders erleben ließen, all das. Und trotzdem ist schnell ein Gefühl der Unfreiheit eingetreten, welches der extremen Vorhersehbarkeit, Fremdbestimmung und Unflexibilität eines Jobs geschuldet ist, der nunmal zu ganz bestimmten Zeiten an ein und dem selben Ort mit einem sich immer wiederholenden Ablauf einen großen Teil der Lebenszeit hier bestimmt hat und immernoch bestimmt. Schnell wurde mir auch klar, dass für den Aufbau einer neuen künstlerischen Existenz in Frankreich die Aufenthaltsdauer zu kurz ist und ein projektbezogenes Arbeiten nebenbei durch die Unflexibliltät meines Hauptjobs verhindert wird. Auch bin ich keineswegs eine Quasifranzösin geworden, weder was die Sprache, noch was den Heimischkeitsfaktor betrifft. Es erstaunt mich, wie fremd ich mich in einem so nahe gelegenen Land immernoch fühle, wie anders die Uhren hier trotz relativer Nähe und EU und so weiter doch ticken. Es ist kein Fremdheitsgefühl im Sinne eines nicht willkommen Seins. Im Gegenteil, ich empfinde die Menschen und die Mentalität, die mir hier begegnet als sehr warmherzig. Und dennoch bin ich kein Teil davon, jedenfalls nie vollumfänglich.

Et tout ça pour dire … auch wenn ich hier und jetzt, also im derzeitigen Alltag in Grand Paris nicht das Gefühl von „woooow“ in mir trage, das ich vielleicht bei meiner Ankunft vor genau einem Jahr erwartet hätte, ist dieses Jahr retrospektiv ein Wow-Erlebnis und das, was ich hier erleben durfte, unersetzlich.

Highlights waren zum Beispiel:

Ein Drehtag mit Eichhörnchen

Die erste Shisha meines Lebens

Der Color-Run vom Hotel de Ville an der Seine entlang bis zum Eiffelturm

Grand Poetry Slam mit meinem texterischen Lieblingsfranzosen und Freund Philippe Thilliez in Belleville

Die Fête des couleurs in der Cité Universitaire

Das Spielen der loups garous de Thiercelieux (zu Deutsch „Die Werwölfe von Düsterwald) auf französisch

Bestes Couscous ever bei Zerda im 10eme

Immer wieder unverhoffte Strassenkunst auf superhohem Niveau. Hier: Ein echt witziger Comedy-Pantomime vor dem Centre Pompidou

Der Umzug nach ganz oben bei bester Wetterlage. Wie man sieht: Terrasse mit Swimmingpool

Der 14 juillet mit Feuerwerk auf ebendieser wunderbaren Dachterrasse

Besuch vom Filius

Meine Gästeführungen …

… in deren Verlauf das Begrabbeln von Dalidas Brüsten Glück in der Liebe verspricht.

Sommerliche Ausflüge mit internationalem Trüppchen

 

Ein Abstecher nach Bordeaux

Der Besuch der One Mad Show auf der Nouvelle Scène (einem Schiff mit Bühne im Bauch)

Der Aufstieg auf den zweithöchsten Pariser Aussichtspunkt nach dem Eiffelturm

Swing an der Seine bei Paris Plages

Ein Paddelausflug in die Peripherique …

Das Bezwingen französischer Behörden, hier: Organisation einer Carte Vitale

Picknick draussen in französischer Besetzung

Sommer-Atmo am Canal St Martin (im Hintergrund eine Street-Art-Wand, die gelegentlich wieder weiss gestrichen und dann zur neuen Gestaltung freigegeben wird)

Böllerfreies Silvester auf der Anhöhe des parc de Belleville mit Blick auf den beleuchteten Eiffelturm

Fin bref, Paris est une fête – malgré tout!

Zwei Seelen, ach, in meiner Brust

10 Monate in Paris.

Ich bin nochimmer keine Französin geworden. Aber auf eine bestimmte Art angekommen im Ausland. Hamburg rückt immer weiter weg in meiner Erinnerung, was sich seltsam anfühlt, immerhin komme ich ja im April wieder zurück in mein altes Leben.

Tage wie heute kommen realtiv selten vor. Denn ich habe frei – also so frei, dass kein einziger Termin beachtet werden muss und auch keine Behördengänge oder andere Erledigungen irgendwelcher Bürgerpflichten anstehen. Es ist Anfang November, und ich habe den kompletten Tag ohne Jacke auf meiner Terrasse verbracht (die ich übrigens abgöttisch liebe!). Das ist schon Lebensqualität!

Zu Paris habe ich inzwischen eine Art Hassliebe entwickelt. Die Stadt ist unglaublich reich und liefert ein, wie soll man sagen, weltstädtisches Lebensgefühl. Auf den Strassen ist immer was los. Oft läuft man zufällig an Plätzen vorbei, wo entweder demonstriert wird oder kulturelle Ereignisse stattfinden. Es gibt großartige Künstler(gruppen), die auf der Strasse auftreten, besonders zur warmen Jahreszeit. Man kommt vorbei, reiht sich ein in die Zuschauermenge und erlebt unverhofft ein Konzert, eine Pantomine-Show oder akrobatische Höchstleistungen. Das ein oder andere Mal bin ich dank Freunden und Bekannten auf Veranstaltungen und an Orten gelandet, die durch ihre Atmosphäre, ihr Publikum und/oder ihr Anliegen zu begeistern vermochten. Dazu gehört die REcyclérie an der Porte de Clignacourt, eine kleine Oase alternativ-heimeliger Atmosphäre inmitten einer ungemütlichen Kreuzung, die sich durch MacDo, KFC und eine riesige Baustelle auszeichnet. Betritt man die REcyclérie erlebt man (je nach Veranstaltungstag) zum Beispiel einen kleinen Literatursalon, Gratismassage, einen kleinen biobegärtnerten Innenhof, wo man gemütlich sitzen und Wein trinken kann. Man kann sich Bücher ausleihen, die Karten legen oder schminken lassen und begegnet sympatischen, offenen Menschen.
Ein anderer erlebenswerter Ort, den ich kennengelernt habe, sind die Grands voisins, eine Art Gängeviertel im Süden von Paris. Da ist in einem ehemaligen Krankenhaus ein sogennater „squat“ entstanden (einer der wenigen Anglizismen, die es nach Frankreich geschafft haben). Ähnlich wie im Hamburger Gängeviertel ist das ganze Anwesen irgendwie Kunst. Es gibt Künstler, die dort wohnen und andere, die dort arbeiten. Ausstellungen, politische Diskurse, Konzerte und Theater gehören zum Programm. In einer Art ehemaligem Hörsaal sahen wir ein Ein-Personen-Stück über Nachhaltigkeit. Sehr phantasievoll gemacht und (zur Verwunderung meiner nichtkünstlerischen Begleitung) mit minimalistischsten Mitteln umgesetzt. Der anschliessenden Diskussion über Korruption in Frankreich konnte ich nur bedingt folgen, war aber insgesamt begeistert von Atmosphäre und Konzept. Leider soll das Ding wohl in absehbarer Zeit eingerissen werden und die Künstler müssen dann einem Wohnviertel weichen, das dort gebaut wird.

Über die warme Jahreszeit hatte ich viel Besuch und bis heute profitierte ich von Pariser Erlebnissen und Begegnungen …

Unterwegs für „Paris mal anders“

Besuch aus Deutschland. Gästeführung ganz privat.

Besuch vom Filius

Sommerliches Picknick in internationaler Besetzung (v.l.n.r.: Italien, Indien, Deutschland, Frankreich, USA, Frankreich);  August 2017

 

Stimmungstrübend hingegen ist meine berufliche Situation in Frankreich. Dahingehend vermisse ich mein altes Leben sehr und freue mich tatsächlich auf die Rückkehr. Für ein Leben als reguläre Arbeitnehmerin bin ich definitiv auf Dauer nicht geeignet. Das hätte ich zwar auch schon vor meiner Abreise sagen können, aber nun steht fest, dass sich die Hoffnung, hier im Laufe der Zeit einen Kompromiss zu finden, der mir zumindest zeitweise professionelles künstlerisches Arbeiten in Frankreich erlaubt, nicht erfüllen wird. Die Unflexibilität meiner Arbeitszeiten lässt projektweises Arbeiten im Grunde nicht zu; und einen alternativen Broterwerbsjob mit flexiblerer Einteilung der eigenen Verfügbarkeit habe ich nicht gefunden – von pekurär ausreichenden Einnahmequellen als Künstlerin ganz zu schweigen. Diese Situation nagt an meinem Selbstverständnis als freie Künstlerin. Ich fühle mich zunehmend fremdbestimmt und verbringe einfach zu viel Lebenszeit mit reinem Broterwerb und entfremdet von dem, was mich leidenschftlich treibt. Die Energie, die ich dort lasse, fehlt mir an anderer Stelle. Manchmal frage ich mich, wo meine Leidenschaft geblieben ist. Das weitgehend freie Bestimmen über meine Verfügbarkeit und das Arbeiten in Tätigkeitsbereichen, die (mal mehr, mal weniger, aber zumindest immer ein bisschen) auch als inspirierende Quelle geeignet sind, fehlt mir. Mir fehlt die Bühne selbst, aber auch der Austausch mit den Kollegen, das Entwickeln und Erarbeiten von Projekten, eben ein Leben, das sich in hohem Maße um Kreativität und Theater dreht. Zur Zeit kann man ja die gelegentlichen Theaterabstecher nach Deutschland nicht als Lebensmittelpunkt betrachten.

Paris ist inspirierend, ja. Ich habe hier tolle Menschen kennengelernt, großartige Erfahrungen gemacht und profitiere von der Fülle dieser Stadt, von den Gästeführungen, die mein berufliches Erleben ein wenig aufpeppen, und von der Erfahrung, mich mit fremden Gepflogenheiten und dem Alltag in einer anderen Sprache zurechtfinden zu müssen und zunehmend zu können. Und ich freue mich auf die Rückkehr ins Leben der Kreativen. Zwei Seelen, ach, in meiner Brust …

Vue de Sacré Coeur – zweithöchster Aussichtspunkt über Paris nach dem Eiffelturm

8 Monate Paris … und ein bisschen zu Hause.

Im August ist Paris eine Touristenstadt. Die Einheimischen sind ausgeflogen, viele kleine Läden machen dicht, die Concierge ist im Urlaub … naja, und auch man selbst hat plötzlich quasi frei. Jedenfalls ist unser kleiner Tante Emma Laden geschlossen und ich bin einmal raus aus dem inzwischen zur Routine gewordenen 5-Tage-Rhythmus. In der Zwischenzeit war ich in Hamburg und habe nicht nur durch die Auftritte mit dem Schauspielkollektiv, sondern durch Stadt, die Freunde und Kollegen dieses Leben wieder gespürt, das ich zurück gelassen habe. Zwei Seelen, ach, in meiner Brust. Ja, ich vermisse Hamburg. Ich vermisse den norddeutschen Spirit, die Elbe, die Alster, die Kollegen, das Spielen, das kreative Element in meiner Arbeit und den Austausch oder vielleicht auch den speziellen Lebenswandel, den ich zu Hause mit vielen meiner Freunde teile, während ich hier nur wenige professionelle Künstler und Theaterschaffende kenne.

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Wasserspiele bei Planten un Blomen. Ferien zu Hause!

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Gastspiel in Cloppenburg – Soundcheck.

Zurück in Paris geht es mir aber auch großartig – jedenfalls, solange ich nur Gästeführungen mache und ansonsten dem Dasein fröne und in den Tag hinein lebe. Allein das Wetter erwies sich als guter Grund für eine Rückkehr. Man kann immernoch in den Abendstunden im Hemdchen auf der Terrasse sitzen, ohne zu erfrieren. Am Seineufer und am Canal de l’Ourq liefert „Paris plages“ die Möglichkeit, kostenlos schwimmen zu gehen, sich auf bereit gestellten Liegestühlen niederzulassen, Boule oder „Babyfoot“ (also Kicker) zu spielen und ein gepflegtes Bierchen am Wasser zu trinken. Ich habe an einigen Stadtführungen von französischen Kollegen teilgenommen und auf diese Weise das ein oder andere Pariser Quartier nochmal neu entdecken können, kurz, Ferien in Paris sind schon ziemlich prima! Ausserdem bin ich an guten Tagen mittlerweile in der Lage, einigermaßen entspannt mit Franzosen zu kommunizieren und zu scherzen. Es gibt vieles, was noch zu entdecken bleibt. Gleichzeitig ist die Stadt inzwischen in gewisser Weise vertraut und sowas ähnliches wie eine zweite Heimat geworden. Und ich habe die Menschen, mit denen ich hier meine Tage und Abende verbringe, lieb gewonnen.

Parisplages

ALORS, ON DANSE … Swingen an der Seine. C’est Paris au mois d’août

Einzig das berufliche Selbstverständnis bringt mein Wohlbefinden manchmal ins Wanken. Ich merke zunehmend, dass ich nicht die Kraft habe, noch einmal bei Null anfangend ein funktionierendes Netzwerk aufzubauen, welches mir Zugang zu künstlerischen Projekten verschafft. Noch dazu in einem Land, dessen Sprache ich nur bedingt beherrsche und mit dessen Gepflogenheiten ich auf diesem Gebiet nur bedingt vertraut bin. Da ich aber mit diesem Dasein als freie Künstlerin so verwoben bin und seine Abwesenheit einen Teil von mir lahmlegt, der mich ganz existentiell treibt, kristallisiert sich immer stärker heraus, dass der Aufenthalt hier – wie ursprünglich auch geplant – eine zeitlich begrenzte Auslandserfahrung bleiben wird. Für die verbleibenden 7 Monate stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, auf eine berufliche Veränderung hinzuwirken, die mir erlaubt, meine 35-Stunden-Woche im Laden zumindest auf einen Teilzeitjob zu reduzieren. Vermutlich wird das am Ende der Zufall entscheiden.

Wer weiß, vielleicht bleibe ich sogar eine Art Grenzgänger. Vielleicht wird etwas bleiben von dieser energetischen Stadt. Ernest Hemingway verwendete dafür einmal die Worte “If you are lucky enough to have lived in Paris as a young man, then wherever you go for the rest of your life, it stays with you, for Paris is a moveable feast.” Vielleicht kann man diesen Zustand auch als woman, advanced in age noch erreichen.

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PARIS, A MOUVABLE FEAST … feu d’artifice du 14 juillet, vue de ma terrasse.

Hamburg, meine Perle

Meine Stadt ist im Ausnahmezustand.
Ich bin nicht vor Ort und empfinde die Kombination aus Berichterstattung und Eindrücken von Freunden als sehr surreal. Selbst hier in Paris sind die Ausschreitungen Thema, auf allen sozialen Netzwerken strömt eine wilde Flut an Eindrücken und Stellungnahmen auf mich ein, zum Teil eher aus der Perspektive der eigenen kleinen Erlebniswelt, zum Teil vor dem Hintergrund globalpolitischer Ansichten und Schlussfolgerungen.
Mich macht in der Ferne vieles davon wütend. Sowohl die Position derer, die einen monokausalen Zusammenhang herstellen zwischen polizeilichem Fehlverhalten und der dann folgenden Eskalation als auch die Stimmen aus den Reihen der Rechtskonservativen, die die Ereignisse für einen generellen Feldzug gegen die „Linke“ instrumentalisieren. Fragt sich nur, was „links“ daran sein soll, die Schaufensterscheibe eines Spielwarengeschäfts einzuschlagen, Kleinwagen in Brand zu stecken und Verkehrsschilder zu demolieren. Mich nervt die überzogene, pauschale Behauptung, wir lebten in einem Polizeistaat, welcher das Recht auf friedliche Demonstrationen immer und grundsätzlich verwehrt und sich überall und bei jeder Gelegenheit eskalationsfördernd verhält. Ich bezweifle, dass die selbsternannten Verteidiger einer gerechten Weltordnung von Unruhen abgesehen hätten, wenn sich die Polizei nur korrekt verhalten hätte. Und ich bin recht froh, nicht in Saudi Arabien zu leben, wo eine so weitgehende Kritik am Staat in der Tat ihre Berechtigung hat. Gleichzeitig nerven mich aber auch die gefolgstreuen Gartenzwergbesitzer, die an anderer Stelle Hartz-4-Empfänger und Flüchtlinge für ihre steuerliche Überbelastung verantwortlich machen und hier jetzt jeden, der das polizeiliche Vorgehen in Hamburg als suboptimal bewertet, der linksradikalen Szene zuordnen, zumal ja auch aus den eigenen Reihen Kritik laut wird. Mich nerven auch diejenigen, denen es egal ist. Oder die, die in Winterhude Süd wohnen und sagen, regt Euch nicht auf, auf dem Mühlenkamp ist alles friedlich und die Berichterstattung über bürgerkriegsähnliche Zustände ist sensationsheischende Panikmache.

Die Zerstörungswut unter dem Deckmantel der Menschenrechte nervt mich sowieso. Mehr als das. Abgesehen davon, dass es ziemlich absurd anmutet, sich für die Rechte von Menschen einzusetzen, deren Kiosk man gerade verwüstet hat, macht es traurig, dass Menschen quasi um ihre Existenz gebracht worden sind, die an sozialer Ungerechtigkeit mit Sicherheit keinen Anteil haben. Das Ergebnis von alledem hat die soziale Ungerechtigkeit auf der Welt jedenfalls – wenn überhaupt – lediglich einer Verschlechterung zugeführt.

Couragierter und zielführender sind die zehntausend Hamburger, die sich heute freiwillig und, wie berichtet wird, gut gelaunt, zum Aufräumen getroffen und dem Desaster eine konstruktive Maßnahme entgegen gesetzt haben. Auch das löst die zurecht kritisierte soziale Schieflage der Weltpolitik nicht in Luft auf, aber die dahinterstehende Haltung ist mit Sicherheit solidarischer als sinnloser Vandalismus.

Angekommen

Während die Hamburger auf Facebook zur Stund einen schwarzen Himmel beklagen oder zumindest vermelden, hier nach wie vor Sommer hart. Ich bin bekanntlich die letzte, der Hitze etwas anhaben kann, aber da es auch nachts nicht abkühlt, gerate selbst ich an meine Grenzen und fiebere ganz besonders auf die im August übliche Urlaubszeit hin, wo ganz Paris brach liegt und man jeden Tag ans Wasser fahren kann.

Bis dahin ist noch der Umzug zu bewältigen, in der Hoffnung, dass der Fahrstuhl in meinem neuen Heim zeitnah repariert wird. Das Teil ist nämlich, wie mir mitgeteilt wurde, seit Wochen ausser Betrieb, und ich ziehe in den siebten Stock. Zudem mache ich mir ein bißchen Sorgen um die rechtzeitige Installation meines Internetanschlusses, weil die angeblich unschlagbar günstige Firma Bouygues ein recht eigenwilliges System der Kundenbetreuung ihr eigen nennt. Sie verfahren nach dem Motto „don’t call us, we call you“. Das Problem dabei ist, dass die mich immer dann zu erreichen versuchen, wenn ich nicht abnehmen kann, weil ich gerade vor einer Gruppe deutscher Touristen stehe und den Montmartre präsentiere … Ruft man die Nummer zurück, erfolgt eine automatische Ansage des Inhalts, dass man mich wegen einer wichtigen Nachricht bezüglich meiner Bestellung zu erreichen versucht habe und bald wieder anrufen würde. Tolle Wurst.

Zu vermelden gibt es, dass ich mich angekommen fühle in der capitale der französischen Chaoten. Ich habe Freunde, Franzosen und Deutsche, die sich um mich sorgen, mir beim Umzug helfen, Kurzreisen, Ausflüge und soirées organisieren und mich darin trainieren, in größerer Gruppe Gesprächsinhalte mitzuschneiden, in denen Abkürzungen wie „p’tit dej“ oder „cinq heure du mat“ vorkommen. Je nach Tagesform gelingen mir auch mal zusammenhängende Wortbeiträge und/oder ein halbwegs gut verpackter Witz, und ich fahre inzwischen weitgehend navigationsfrei mit dem Fahrrad durch die ganze Stadt.

Was das Schinkenschneiden betrifft, schwanke ich täglich zwischen einer gewissen Gewöhnung an ein bürgerliches Berufsleben in einem intellektuell nicht allzu fordernden Metier – zumal ich die kleine Tante-Emma-Familie rund um unseren sympathischen Arbeitgeber lieb gewonnen habe und ich auf diesem Wege immer wieder exotische oder praktische französische Worte lerne, wie zum Beispiel tiret du 6, was man braucht, um den Kunden die Email-Adresse zu nennen – und einem Gefühl von Überdruss und Sehnsucht nach meinem Beruf. Zum Glück bieten mir die Touristenführungen und die Stippvisiten an deutschen Theatern Gelegenheit, meine Kernkompetenzen doch noch irgendwo zum Einsatz zu bringen.

Alles in allem ist die Stimmung gut. Vive la France 🙂