Blues again

Blues zweite Welle. Ich hatte mich gerade mit dem Gebot der Distanz und der Abwesenheit physischer Nähe arrangiert – von Gewohnheit will ich nicht sprechen, das klänge zu willenlos, zumindest ist aber eine gewisse Gewöhnung an den belehrenden Duktus der Stayathomesager in den Medien und sozialen Netzwerken eingetreten – da überrollt mich die nächste Welle der Belehrung: Maskenpflicht. „Noch toller wäre es“, schreibt die Süddeutsche, „wenn auch Maskentragen endlich ganz selbstverständlich als ein Akt der Solidarität akzeptiert wäre. […] Dem Vorbild sollte in dieser Krise ganz Deutschland folgen.“ Und, als sei das die Hauptsorge in diesem Zusammenhang, mahnt sie „Masken sehen blöd aus, keine Frage. […] Aber Lebensretter dürfen gerne auch ein bisschen blöd aussehen.“ Aha. Im Umkehrschluss wäre ich also als jemand, den der Gedanke, eine solche Maske tragen zu müssen, in Panik versetzt, eine eitle Trulla, die sich dabei lediglich darum sorgt, scheiße auszusehen und aus diesem banalen Grund leichtfertig Leben gefährdet.
Bei Facebook poppen inflationär Profilbilder mit lustigen Mundmasken auf, manchmal begleitet von Beiträgen mit dem Subtext „Ich bin ein Held, ich trage Maske. Seht es endlich ein, Ihr ignoranten Egobratzen“. Mich ängstigt bei der Vorstellung, nicht mehr unbemaskt auf die Strasse zu dürfen, weniger eine unvorteilhafte Optik, sondern vielmehr die Assoziation mit Verschleierungszwang und das subjektive Gefühl von Panik, wenn Mund und Nase bedeckt sind. Schon als Kind hasste ich diese Sturmhaubenmützen, die nur so ein kleines Guckloch frei ließen. Und ja, der Vergleich mit zwanghafter Verschleierung ist total unangebracht, weil inhaltlich anders motiviert. Sehe ich alles ein. Und trotzdem. Ich komme bereits mit der jetzt gültigen Allgemeinverfügung, der Isolation und dem weitgehenden Brachliegen des öffentlichen Lebens an meine Grenzen. Eine Verschärfung all dieser Einschränkungen durch die noch drastischere Pflicht, eine Gesichtsmaske zu tragen, würde ich zur Not sicher akzeptieren – aber dass die Menschen das so extrem klaglos hinnehmen und sogar nutzen, um sich selbst als Held*innen der Solidarität zu feiern, irritiert mich.
Zumal nämlich unter denen, die sich mutmaßlich wirklich auskennen, keineswegs eine einhellige Forderung nach allgemeiner Maskenpflicht besteht. Wer also nach allgemeiner Maskenpflicht schreit, möge zumindest die folgende Meinung in seine Überlegungen mit einbeziehen.

https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-682605~player_branded-true.html

 

 

 

Corona als Chance – Teil 3

Heute: Die Theater sind zu. Die Stücke leben weiter!

I did it! – 30 Sekunden, Querformat, ungeschnitten – check!
Arbeitstitel „Frühlingserwachen 2020“

#wirspielenzusammen
#machtspass
#CASTUPLOAD

#UNITEDWEACT #spreadjoy,
@suse_marquardt @simonebaercasting @anjadihrberg_casting

Wer mitmachen will: Alle Schauspieler*innen können sich hier anmelden: #WIRSPIELENZUSAMMEN // #UNITEDWEACT

Corona als Chance – Teil 2

Ich wollte ich meine freie Zeit ja sinnvoll nutzen und mit viel Liebe und Aufwand einen Beitrag für diese Castingchallenge #wirspielenzusammen produzieren, die gerade durch alle sozialen Netzwerke flimmert.
Hätte ich mal vorher die Regeln gelesen. Die Teile dürfen nur 30 Sekunden dauern, nicht geschnitten werden und müssen im Querformat eingereicht werden. Fail!
Damit sich aber trotzdem noch Publikum einfindet, kommt das Produkt meines Schaffens jetzt hier ins Netz. Arbeitstitel „Fehlversuch“

Corona als Chance – Teil 1 Körperertüchtigung

Die erste Schockstarre ist vorbei.
Der Frühling ist da.
Und entgegen der Resignation meines letzten Eintrags soll mir nun die unverhoffte Freizeit für all die schönen Dinge dienen, die ich im normalen Alltag zu wenig unterbringe. Hier der Versuch einer Dokumentation. Heute: Körperertüchtigung.

Coronablues

Es macht mich so unendlich traurig, dass etwas so wundervolles wie menschliche Nähe auf einmal böse ist und dass man wütend sein muss oder soll oder dieses Gefühl zumindest sehr angesagt ist, wenn andere Menschen sich nahe sind.

Es geht nicht darum, dass man das nicht mal aushalten kann. Dass man sich allein nicht beschäftigen kann, sogar gut, fröhlich und gewinnbringend beschäftigen kann. Auch nicht darum, dass es zur Stund zweifelsohne vernünftig und sinnvoll ist, die Leute weitestgehend zu isolieren.

Ich verbringe auch ohne Corona gerne Zeit allein, brauche das sogar. Ich lebe sehr bewußt in einem Ein-Personen-Haushalt (allerdings unter normalen Umständen auch sehr bewußt mit sehr viel buntem Besuch immer wieder ). Ich habe kein generelles Problem mit dem allein sein und allein Sachen machen.

Das alles ist es nicht. Es ist diese Verdrehung meines Wertesystems, die mich so überrollt, dass ich es zwischendurch gar nicht mehr aushalten kann. Menschen, die sich nahe sind, die fröhlich und friedlich Zeit miteinander verbringen, das war für mich bislang der Inbegriff von Glückseligkeit und Frieden. Auf einmal sind solche Menschen aber Egoisten und Arschlöcher. Das bringt mein Herz gerade nicht zusammen. Das setzt mir wirklich zu. Nicht, weil ich die Regeln falsch finde, sie selbst übertrete oder es mir egal ist, ob Menschen an Corona sterben. Sondern weil es sich einfach so absurd anfühlt, so grausam, so unmenschlich, dass liebevolles Beisammensein neuerdings als unsolidarischer Akt der Selbstsucht wahrgenommen oder sagen wir, nur noch virtuell gewertschätzt wird.

Jeden Morgen wache ich mit diesem Gedanken auf und bin tief traurig. Und spät in der Nacht schlafe ich mit diesem Gedanken ein und bin tief traurig.

Vielleicht habe ich einfach Angst, dass dieser Lifestyle der rein virtuellen Begegnung durch Corona in Mode kommt und zukünftig alles, inklusive der Liebe, nur noch virtuell gelebt wird. Das ist sicher Brainfuck, aber es fühlt sich in letzter Zeit so an.

Letzte, vorletzte und allerletzte Runden

Die letzten Wochen verbrachte ich in der Kneipe.
Und zwar mit Lutz Hübners Frühwerk Letzte Runde, welches in einer Kneipe spielt und genau dort auch aufgeführt wird. Spätestens seit Gretchen 89ff bin ich Liebhaberin Hübnerscher Sprachakrobatik und war sehr entzückt, als ich von Thomas Flocken (Regie) für die Rolle der Lena angefragt wurde. Lena wurde in irgendeiner Kritik als „verwelkte Lebedame“ bezeichnet, eine vielleicht nicht übermäßig charmante, aber doch irgendwie treffende Beschreibung des Charakters, den ich zur Stund in Lüneburg verkörpere. Eine Lebedame ist sie in jedem Fall. Verwelkt … naja, zumindest in dem Sinne, dass Lena die Lebensmitte überschritten hat und der eigene Alterungsprozess ein einigermaßen präsentes Thema ihres gegenwärtigen Daseins ist. Eines haben alle Figuren auf der Szene gemeinsam – sie alle bewegen sich in einer Zwischenwelt, einer Schnittmenge zwischen Leben und Sterben, wo Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen. Und so treffen hier Figuren vom Mittelalter bis in die Gegenwart aufeinander. Der Ackermann aus dem 14. Jahrhundert, Lena aus den 70er, Belly aus den 80er und Hannes aus den 90er Jahren … ach ja, und ein gewisser Todesengel namens Eszecielle, der heutig wirkt, aber alterslos ist. Sie treffen sich in einer Welt, die trotz des allgegenwärtigen Todes und einer zuweilen trostlosen Atmosphäre – oder gerade deswegen – vor Energie, Aufbruchstimmung und Lebensfreude nur so sprüht. Eine solche Welt symbolisiert die Kneipe von Hannes, dem Wirt, der sich selbst als „ Schoßhund mit Mangel an Gelegenheiten“ bezeichnet und ein wenig antiquiert wirkt in seiner 90er-Jahre Bude mit Spielautomaten, Juke-Box und Sole-Eiern auf dem Tresen. Eine Kneipe, in der wir das Gegenteil der hippen, stylischen Kneipenkultur atmen, die sich heutzutage in bundesdeutschen Großstädten mehr und mehr durchsetzt. Eine Kneipe, wo so ein bißchen Dreck und Abgefucktheit noch ihren Platz finden und wo sich die Menschen gepflegt besaufen, nach sexuellen Abenteuern suchen, die Jukebox anschmeissen und sich zum Tänzchen auffordern. Ein Laden, der zwar kaum Publikum, aber das wilde Leben in sich beherbergt. Ja, eine Kneipe, wie es sie in echt noch gibt – zumindest in der Lüneburger Hasenburg, deren Wirt in echt Harry heißt und ein cooler Typ ist. Nun, Harry hat weitaus mehr Gäste als der arme Hannes, der sich zwischendurch fragt, warum er nicht schon längst pleite gegangen ist. Aber Harry hat, wie Hannes, diesen Charme eines Typen, dem nichts menschliches fremd ist und der für jeden ein offenes Ohr hat. Bei Harry durften wir Kabel legen, Löcher in die Wand bohren, eine Klappe hinter seinem Tresen montieren und vieles mehr, um unseren Bühnenraum zu gestalten. Bei den Proben servierte er uns täglich eine dieser Riesenthermoskannen, voll mit herkömmlichem Filterkaffee und Kaffeesahne – total retro – und wer mochte, bekam Pommes rot-weiß.
Nun sind die Proben vorbei und der Spaß ist auf der Bühne … ähm, auf dem Kneipenparkett, und zwar seit dem 6. Februar.

By the way war diese Produktion auch Gelegenheit, den meistgespielten, deutschen Gegenwartsdramatiker persönlich kennenzulernen. Der hat sich nämlich auch auf den Weg zu Harry gemacht, um sich die Inszenierung anzuschauen. Und ich finde, Lutz Hübner passt, genau wie wir und sein Oeuvre in Harrys Kneipe, wo sich gepflegt betrinken kann. Es war ein Fest, eine allerletzte Runde mit ihm zu drehen und dabei das ein oder andere über die Entstehungsgeschichte dieses leider eher selten aufgeführte Schauspiel zu erfahren.

Zwei letzte Runden gibt es vorläufig noch, nämlich
am 1.März um 17 Uhr und
am 5. März um 19.30 Uhr
Ort des Geschehens: Die HASENBURG / Hasenburg 1 / 21335 Lüneburg
Tickets unter www.schauspielkollektiv.de, bei der LZ Kasse oder an der Abendkasse

Wir freuen uns auf diese allerletzten Runden vor der eventuellen Wiederaufnahme zur allerallerletzten Runde …

ZUR PREMIERENKRITIK

Randnotitz: By the way hatte genau heute vor 8 Jahren, am 29. Februar des Schaltjahres 2012, unsere Inszenierung Gretchen89ff im Hamburger Monsun Theater Premiere. So schließt sich der Kreis. Alle zwei Schaltjahre ein Lutz Hübner … das könnte sich fortsetzen.

Lena (Esther Barth)

Belly (Hendrik Flacke) und Hannes (Jens Rainer Kalkmann)

Eszecielle (Hannah Rebecca Ehlers), Hannes (Jens Rainer Kalkmann) und Lena (Esther Barth)

Belly (Hendrik Flacke) und Lena (Esther Barth)

Lena (Esther Barth) und Belly (Hendrik Flacke)

Eszecielle (Hannah Rebecca Ehlers) und der Hinterbliebene (Andreas Püst)

Premiere eines Denkstücks

So nennt die Journalistin Stefanie Oeding unser Oeuvre, die eine sehr schöne Premierenkritik im Flensburger Tageblatt veröffentlicht hat. Mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht hinzufügen. Lesen Sie selbst:

FLENSBURGER TAGEBLATT vom 12.10.2019

Rückkehr nach …

… Reims, heißt es im Stück. Für mich persönlich ist es erst einmal eine Rückkehr ins norddeutsche Flensburg. Das Genre betreffend geht es von der leichten Komödie zurück ins (französische) Arbeitermilieu – oder vielmehr den philosophischen Diskurs über soziale Herrschaft und soziale Scham.
In Kiel vertritt mich derweil meine Kollegin Heidi Mercedes Gold, deren Lola ich letzte Woche bereits live erleben durfte. Ja, ich hatte die einmalige Chance, das eigene Stück aus den Zuschauerreihen zu betrachten, weil Heidis Premiere auf einen Tag gelegt wurde, wo hier in Flensburg für die Schauspieler frei war.

Inzwischen liegen die Endproben fast hinter uns. Heute Abend wird sich zeigen, ob die GP dieses Oeuvres stressfreier anläuft als die letzte dieser Art in Kiel. Da das Theater hier aber direkt hinter dem Gästehaus liegt, in dem meine Kollegen und ich untergebracht sind, bin ich zuversichtlich, dass das klappt und ich pünktlich und ungestresst erscheinen kann. Morgen starten wir dann in die ersten Vorstellungen:

RÜCKKEHR NACH REIMS
nach dem gleichnamigen Buch von Didier Eribon
Bühnenfassung und Regie: Gabriele Schelle
Schauspiel: Christian Nisslmüller und Esther Barth

Premiere: 10. Oktober 2019 , 20 Uhr / Theaterwerkstatt Pilkentafel in Flensburg

Weitere Vorstellungen: 11.10., 12.10., 17.10., 18.10., 19.10.

Vorankündigung „Rückkehr nach Reims“, Flensburger Tageblatt vom 8.10.2019

Standing ovations und entzückte Schauspielerinnen

Eine großartige Premiere liegt hinter uns.

Ich war sehr neugierig, wie unser Publikum die Komödie „Unbeschreiblich Weiblich“ aufnehmen würde. Wahrscheinlich kannte ich inzwischen das Stück so gut, dass ich gar nicht mehr sicher war, ob das, was wir da machen, wirklich lustig ist. Gleichzeitig war die GP – so soll es ja sein! – von kathastrophalen Nebenereignissen geprägt, so dass ich persönlich einfach nur froh war, die 90 Kilometer nach Kiel, wenn auch innerhalb von sage und schreibe 5, in Worten fünf, Stunden erfolgreich zurückgelegt zu haben.
Auf der Autobahn fiel bei humider Wetterlage plötzlich mein Scheibenwischer aus, so dass mein Weg über Barsbüttel zurück nach Hamburg in die Autowerkstatt und von da aus zum Hauptbahnhof und via Regionalbahn schliesslich nach Kiel führte. Kurz, ich war froh, überhaupt da zu sein und hatte spielerisch umso mehr Luft nach oben für die Vorstellung.

Die Grundstimmung für Lola Plettel war jedenfalls da – kommt Lola schliesslich auch im Stück zu spät und verteilt dann auch noch unfreiwillig ihren Kaffeerest auf der gut gepflegten Hose der wohlgekleideten Anwältin Verena Schlagheck. Bis zu Lolas Auftritt gab es übrigens schon gefühlt zehn Szenenappläuse (by the way, was ist eigentlich die Mehrzahl von Applaus?), so dass es mir wirklich leicht gemacht wurde, eine grandiose Vorstellung zu spielen. Wir Mädels – zu denen im Stück auch die einzig männliche Figur Erich gezählt wird – hatten einen vergnüglichen Abend  und genossen Pleiten, Pech und Pannen der Vorlage von Petra Wintersteller genauso wie das Happy End, welches das Publikum mit Standing Ovations goutierte.

Ich freue mich auf die kommenden Vorstellungen!

Vorstellungen mit Esther Barth : 27.9., 28.9., 26.10. (17 + 20 Uhr), 2.11. 7.11., 9.11. , 29.11., 6.12., 13.12., 14.12., 26.12.


Vorstellungen mit Heidi Mercedes Gold : 4.10., 5.10. (17 + 20 Uhr), 11.10., 12.10. (17 +20 Uhr), 18.10., 25.10., 8.11., 16.11., 23.11., 30.11., 19.12.

Jeweils um 20 Uhr auf dem Theaterschiff Lore&Lay

Premierenbericht in den Kieler Nachrichten

Premierenbericht in den Kieler Nachrichten