Nimm Abschied und gesunde

Heute wäre Papa 61 Jahre alt geworden. Ist er aber nicht. Mein Vater starb noch vor seinem sechzigsten Geburtstag am 11. März 2009.
Ohne jeden Zweifel hat sich mein ganzes Lebensgefühl mit diesem Ereignis dramatisch verändert. Anders als zum Beispiel bei Mama und Oma hat sich meine Verzweiflung zuerst nicht einmal in einem Gefühl nicht auszuhaltender Trauer geäussert. Mir kam das Ganze eher surreal vor, zumal sich ein direktes Vermissen vor dem Hintergrund, dass ich Papa auch lebenderweise oft nur zwei, drei mal im Jahr persönlich gesehen habe, erst sehr viel später eingestellt hat. Stattdessen bekam ich zwei Monate nach seinem Tod, wie mir später klar wurde, Panikattacken. Ich hatte also plötzlich mit Herzrasen, Schwindel, Taubheitsgefühlen in den Gliedern und allen möglichen denkbaren Vorboten des zeitnahen Todes zu tun, ohne dass es eine ersichtliche Ursache dafür gab. Schwer zu beschreiben, wie sich das anfühlt. Im Film würde wahrscheinlich das Bild verschwimmen, Teile hin und her wackeln und wagnerartiges eingespielt. Jedenfalls habe ich vom Hirntumor bis zur Akromegalie in den letzten zwei Jahren die Symptome fast aller lebensbedrohlichen Krankheiten gegoogelt und mich auf mindestens zwanzig davon testen lassen. Ergebnislos, bis auf etwas zu wenig Eisen, dafür aber zu viel Cortisol bin ich kerngesund.
Bis dahin lebte ich in dem Gefühl, es dauert ewig und erlebte Krankheit, wenn überhaupt eher als lästig, denn als wirklich bedrohlich. Und dann plötzlich die zum ersten Mal spürbare Erkenntnis, dass auch mein Dasein endlich ist und es unzählige saublöde Umstände gibt, die dieses Ende unerwünschterweise beschleunigen könnten. Natürlich war mir das schon vorher klar, aber es fühlte sich eben nicht so an. Um also mein Risiko zu minimieren, habe ich sogar das Rauchen eingestellt, was als mindestens so überraschend bezeichnet werden kann, wie wenn Hella von Sinnen heterosexuell wird oder Edmund Stoiber den Linken beitritt. Ich hoffte, mit dieser Maßnahme die übertriebene Angst vor einem vorzeitigen Tod in den Griff zu kriegen, verdoppelte ausserdem mein Sportpensum, trat den Weightwatchers bei und wurde quasi ein personifiziertes Gesundheitsprogramm. Allerdings nicht im Herzen, gottseidank. Die Gesundheitspolizei, diese lasterfreien Allroundabstinenzler und Genußfeinde, sind mir bis heute wesensfremd, darauf lege ich Wert. Ich betrachte mein diesbezügliches Tun eher als Mittel zum Zweck ohne übergeordnete Philosophie. Nun, wenigstens befürchte ich seither keine Herzinfarkte mehr. Jedenfalls keine allzu zeitnahen. Dafür kann ich mein Wohlfühlgewicht neuerdings nur noch mit ausgesprochen intensiver Selbstkasteiung erreichen, was schade ist. Und ich soll noch launischer geworden sein als früher.
Immer wenn jemand stirbt, selbst wenn’s nur mal wieder irgendein Prominenter ist, den ich gar nicht persönlich kannte, packt mich diese Endlichkeitserkenntnis und ich habe überhaupt das Gefühl, dass in letzter Zeit ganz schön viele Leute sterben. Manchmal stelle ich mir vor, wie sich dies oder jenes Ereignis so gestaltet hätte, wäre Papa noch mit von der Partie und dass er jetzt im Himmel mit Christoph Schlingensief und Karl Marx diskutiert und Joints mit John Lennon raucht (was überhaupt bestimmt viel mehr Spaß macht, wenn man eh schon hin ist). Ja, und dass er sich fürchterlich darüber wundert, dass es doch ein Leben nach dem Tod gibt, wo er sich doch sicher war, dass man das ausschliessen kann. Manchmal frage ich mich, ob auf seinem Renault jetzt, nach Japan, wieder ein Atomkraft-nein-danke-Sticker kleben würde und wie er als ganz alter Mann ausgesehen hätte. Und manchmal vermisse ich den Kerl ganz schön doll.
Das erhoffte Lebensgefühl von früher hat sich nicht wieder eingestellt. Ich habe nie wieder diese Ewigkeitsgefühl empfunden, mit dem ich gelebt habe, als mein Vater noch da war. Wenn ich so alt werde wie Papa, bleiben mir 23 Jahre. Ganz schön kurz. Also wünsche ich mir einfach, dass es ein Jenseits gibt und dass man da dann alle wieder sieht und viel Spaß hat.
Happy Birthday, Papa.
Bis später, im Himmel – oder anderswo.

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