Ein Theater. Mein Theater.

Ich bin seit fünf Jahren am Theater Sehnsucht. In diesem Ensemble habe ich damals in Hamburg angefangen, als verfressener Engel in Wilder Panther, Keks. Es waren turbulente Jahre. Das Theater hatte gerade einen Ensemblewechsel hinter sich und stand vor der Frage, in welche Richtung es sich entwickeln will. Bis dato war das Projekt als reines Suchtpräventionstheater angelegt, als One-Men-Unternehmen des Regisseurs Fred Buchalski, der aufgrund seiner eigenen Suchtkrankheit die Mission der Suchtprävention im Auge hatte. Der Kampf um kommerzielle Vermarktung und entsprechende Strategien, ohne dabei das soziale Ziel Freds aus den Augen zu verlieren, die Verquickung von künstlerischen und administrativen Aufgaben, der Probenprozess selbst und manchmal auch Uneinigkeit über den Fokus unseres Schaffens und kleine Egokämpchen nicht ganz uneitler Künstlerpersönlichkeiten, wie wir es alle sind, hat dieses Ensemble immer wieder an Punkte gebracht, wo fast jemand ausgestiegen ist. Auf der administrativen Seite sind auch diverse Menschen ausgestiegen und neue gekommen. Aber das künstlerische Ensemble, Gosta Liptow, Thomas Fitschen, Alexx Grimm, Sonja Ried, Sophie Turbanski, die Musikerin Kinga Heymann, Fred Buchalski selbst, ach ja, et moi, arbeiten bis heute zusammen. Inzwischen in wechselnder Besetzung in vier unterschiedlichen Produktionen und an der Seite von weiteren, neu hinzugekommenen Schauspielern. Wie wichtig mir dieses Theater ist, wurde mir gestern bewußt, als „Korzcak und die Kinder“ in der Jugendkirche Flottbek Quasi-Premiere hatte. Eine Premiere war es nur für mich, denn die Kollegen hatten das Stück schon mit Kerstin Otto zusammen gespielt, deren Rollen ich übernahm. Ich hatte für diesen Auftritt fünf Probentage und eigentlich kaum Zeit, mich in die Hintergründe dieses sehr ernsten, sehr traurigen und sehr umfassenden Themas hinreichend einzuarbeiten. Das Stück erzählt, in überwiegend berichtender Form, die Geschichte eines jüdischen Kinderarztes, der seine Waisenkinder freiwillig in die Gaskammer vonTreblinka begleitet, weil er sie nicht vor dem Tod zu bewahren vermag. Dass es mir dennoch gelungen ist, meine Rollen – eine deutsche Offiziersfrau, eine jüdische Krankenschwester, die Mutter des Offiziers und die „moderierende“ Schauspielerin – zu leben, verdanke ich einem über viele Jahre gewachsenen Ensemble. Kollegen, die mir und meinem Spiel so viel Vertrauen entgegen gebracht haben, wie ich es selten erlebt habe, und mit denen sich das Zusammenspiel sicher und vertraut anfühlt, so dass ich mich in jeder Minute des Spielens der Geschichte und der Situation hingeben konnte. Es ist für einen Künstler unendlich wertvoll zu erfahren, dass die eigene Arbeit gewertschätzt und verstanden wird. Diese Erfahrung durfte ich gestern machen. Danke Fred! Danke Kollegen! Ich bin froh, dass ich am Theater Sehnsucht geblieben bin.

Übrigens hatten wir nach der gestrigen Vorstellung die Gelegenheit, Peggy Parnass kennenzulernen. Eine clevere Frau, die über hinreichend Selbstbewußtsein und rhetorische Kompetenz verfügt, um Toleranz nicht mit Gutmenschlichkeit zu verwechseln und den Kampf gegen rechts nicht mit Betroffenheitsgesäusel. Von allen Diskutant/innen hat sie wahrscheinlich am allerbesten verstanden, was friedliche Koexistenz sein könnte. Peggy hat ja nach eigener Aussage keinen Internetzugang. Aber vielleicht kann es ihr jemand vorlesen: War cool, Dich kennengelernt zu haben, ich habe Dir gerne zugehört.

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