Wir werden immer ärmer, jeden Tag ein Stück

Ich bin GRIPS-Gängerin der ersten Stunde. Nunja, nicht ganz, denn als das GRIPS Theater vor vierzig Jahren seine erste Spielstätte am Kurfürstendamm bezog, gab's mich noch nicht. Und auch den Hansaplatz habe ich erst in den Achzigern das erste Mal persönlich aufgesucht. Aber zu meinen prägendsten Kindheitserinnerungen gehört neben den obligatorischen friedensbewegten Fredrik-Vahle-Platten und Papas Liedermachersammlung (meine Eltern fühlten sich seinerzeit kommunistischen Ideen zugetan) eine Schallplattenversion von "Mensch Mädchen", welche bereits in den 70er Jahren unseren Haushalt bereichert hat. Seither weiß ich, dass Mädchen die besten Raketen bauen. Der junge Heinz Hoenig als Bruno ist in der Geschichte an der Aufgabe gescheitert, während Ulrike, Gabi und Sabine unter den besorgten Blicken ihrer Eltern die Raumfahrttechnik für sich entdeckt haben. Später hatte ich noch Balle, Malle, Hupe und noch später sahen wir während einer Klassenreise in die Hauptstadt "Eine linke Geschichte" mit Ilona Schulz als Mamas Alter Ego – eine ersprießlich selbstironische Geschichte über studentenbewegte Menschen, die am Ende doch Spießer werden. Die linke Geschichte wird immernoch gespielt, wobei die letzte Szene jeweils dem aktuellen Jahr angepasst wird. In meinen frühen Erwachsenenjahren, die ich in Berlin verbrachte, sah ich das Stück traditionell einmal im Jahr. Genauso wie Linie 1, dessen Uraufführung übrigens an meinem zehnten Geburtstag, kurz nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl stattfand. Heute kann ich die Wilmersdorfer Witwen auswendig schmettern und mein Sohn ist Schlagzeugeleve bei einem Grips'schen Musiker.
Ich selbst hatte leider nie das Vergnügen, dem Ensemble anzugehören, obwohl ich mir bei den Bewerbungsanschreiben für dieses Haus immer mehr Mühe gab als üblich. Vielleicht liegt es ja daran, dass der zum Inventar gehörende Dietrich Lehmann mein Vorsprechen an seiner Schauspielschule annodazumal katastrophal fand und ich mich dummerweise unter meinem richtigen Namen beworben hatte. Allein schon ob der nie aufgegebenen Hoffnung, dieses traumatische Ereignis mit einem irgendwie brillianten Überraschungsauftritt auf den Grips'schen Brettern, so Susan-Boyle-artig, wieder gut zu machen (das wäre dann auch gleich eine verfilmungsreife Vorlage für ein autobiographisches Melodrama mit Happy End) muß das GRIPS Theater überleben.
Abgesehen von dererlei persönlichen Interessen erinnere ich Herrn Wowereit, falls er mitliest, daran, dass die Hauptstadt schließlich sexy bleiben soll. Wenn Sie das GRIPS Theater verhungern lassen, werter Herr Bürgermeister, ist Berlin nur noch "arm, aber". Und wir wollen doch nicht, dass der in die Jahre gekommene Heinz Hoenig in einer Reprise von "Mensch Mädchen" anlässlich der Schliessung des Hauses von der Bühne tönt: "Wir werden immer ärmer, jeden Tag ein Stück …"
Also, mehr Kohle, mehr Grips! Wer dafür ist, hebe die Mouse und klicke hier.

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