1984 – Premiereneindrücke

Dieses Jahr erlebe ich die Eigenproduktion des Hamburger Sprechwerks im Zuschauerraum. Gegeben wird „1984 – Ein Alptraum“, nach einer Romanvorlage, die spätestens seit Edward Snowden wieder in aller Munde ist.

Ich habe das Oeuvre von George Orwell tatsächlich in den 80ern gelesen. Es muß 1989 gewesen sein, denn unsere Deutschlehrerin hatte es, soweit ich mich erinnern kann, im Zusammenhang mit den Entwicklungen in Ostdeutschland auf den Lehrplan gepackt. Dunkle Zukunftsvisionen hinsichtlich staatlicher Überwachungsmaßnahmen waberten schon damals durch die kritische Bevölkerung. 18 Jahre Honecker verschafften dahingehenden Befürchtungen auch durchaus Berechtigung. Die technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts, wo ein Klick im Internet reicht, um in Sekundenschnelle potentiell Daten und Informationen durch die ganze Welt zu transferieren, potenzieren aber inzwischen zweifelsohne das Gefühl des Überwachtwerdens. Ich glaube, dass selbst unkritische Menschen sich zunehmend davon befremdet fühlen, die Kontrolle über ihre Privatsphäre verloren zu haben, und die Affaire um Snowden hat kaum einen unberührt zurück gelassen. Dass „1984“ 66 Jahre nach seiner Entstehung aktueller ist denn je, ist deshalb ein Allgemeinplatz, der inzwischen so inflationär formuliert wurde, dass es im Grunde obsolet ist, ihn zu erwähnen.

Die Inszenierung von Konstanze Ullmer ist nah dran am Original, auch wenn die Handlung ins Jahr 2014 transferiert wurde. Eine Entscheidung, die naheliegt und gelungen ist. Die sterile Ästhetik einer kahlen Bühne, auf der kahlköpfige Männer und immerhin normal behaarte Frauen in pragmatischen Einheitsanzügen agieren, vermittelt dieselbe Beklemmung, die ich schon vor über 20 Jahren bei der Lektüre empfunden habe. Ich erlebe entmenschlichte Menschen, die, wenn überhaupt, nur noch in der Theorie eine Sinnlichkeit in sich beherbergen. Einer davon, Winston Smith, ringt zwar um sinnliche Erfahrungen, aber es gelingt eben nicht, sie umzusetzen in einer Welt, in der Sinnlichkeit nicht vorgesehen ist. Die zähe Langsamkeit des ersten Aktes unterstreicht einen Alltag, wo Emotionalität nur noch im Zusammenhang mit patriotischen Parteigesängen und gruppendynamischen Haßtiraden gegen den politischen Feind vorkommt. In dieser Welt freut man sich über jedes Anzeichen durchblitzender Menschlichkeit. Eine Aerobic-Stunde zum Beispiel, wo selbst schlimmster 80er-Trash erlösend erscheint vor dem Hintergrund der ansonsten schablonenhaften, aufoktroierten Lebensrealität ihrer Teilnehmer. Und das im Grunde widerliche öffentliche Schmatzen und Sabbern eines Parteigenossen nimmt man als fast schon erfreuliches Zeichen von Individualität wahr.

Im zweiten Teil, wenn diese Welt endlich gebrochen wird durch die Liebe zwischen Winston Smith und der jungen Julia, da hätte ich mir mehr Zauber noch zwischen den Figuren gewünscht. Ich hätte gerne noch mehr das Wunder des Menschlichen gespürt, die Wucht und die Kraft, die Sexualität und Emotionen haben, wenn sie nach so langer Zeit einen Platz gefunden haben. Und die Figuren Challington und O’Brien vertrügen im Rahmen ihrer Tarnung als Parteigegner ein Element, das sich spürbar abhebt vom üblichen Gebahren der Entsinnlichten. Jedenfalls habe ich mich gefragt, was ausser ihren Worten in Winston Smith so maximales Vertrauen zu ihnen auslöst, dass er sich ungefiltert vor ihnen outet.

Dennoch gelingt es dem Stück, das im dritten Teil dynamisch und emotional die existentielle Not Winstons erzählt, sein Ringen um Widerstand und sein Scheitern im Angesicht der unaushaltbaren Folter, der er ausgesetzt wird, mich mit Wucht und Beklemmung aus dem Theater zu entlassen. Und mit vielen Fragen im Kopf. Wer ist hier beispielsweise „gut“ und wer ist „böse“? Ist eine Hauptfigur noch sympathisch, die auf den Gedanken, einem Kind für die gute Sache das Gesicht mit Schwefelsäure zu verätzen, weniger zögerlich reagiert als auf die Aussicht, sich zum gleichen Zweck von seiner Geliebten zu trennen? Wie wäre ich selbst in der Lage, mich vor dem Hintergrund brutaler Repression und Entmenschlichung zu positionieren?

In der Nacht träume ich vom Krieg. Ein Alptraum – der Subtitle ist berechtigt. Will man das? Nun ja, Theater darf und kann eben mehr, als tuffig zu unterhalten. Dieser Theaterabend hat Eindrücke in mir ausgelöst, die weit über den Abend hinaus in mir weiterwirken und Bestand haben. Das ist viel und das größte Kompliment ans Ensemble. Danke für dieses Theatererlebnis.

1984 – ein Alptraum Fr 29.8., 20 Uhr, Sprechwerk, Klaus-Groth-Straße 23, Karten kosten 18,30, ermäßigt 11,70 Euro unter T. 24 42 39 30, an der Abendkasse 19, ermäßigt 12,50Euro; weitere Termine 30./31.8., 23. bis 25.9.

4 Gedanken zu „1984 – Premiereneindrücke

  1. Was Du schreibst klingt ziemlich spannend. Umso mehr erstaunt mich das „Alptraum“. Ich dachte erst DU hättest Dich verschrieben (bitte verzeih)… aber wenn ich einem Stück einen Subtitel gebe und dabei den Albtraum nicht vom Alptraum unterscheiden kann, dann habe ich mich zwischen bedrückenden Träumen und „Heidi“ für’s falsche entschieden.
    Und wenn man einen augenscheinlich gelungenen Theaterabend auf die Beine gestellt hat, dann verstehe ich nicht wie man beim Titel so auf den ersten Blick daneben liegen kann!

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  2. Er empfielt aber jene, die (augenscheinlich früher) bindend war… Albtraum. Das empfielt er auch für Albdrücken, Alb oder Albdruck. Und selbst wenn heute die Alternative statthaft sein sollte …sie sieht entsetzlich falsch aus und sollte von sprachempfindlichen Menschen am Theater nicht bevorzugt werden.
    Da laufen mir, vielleicht unzeitgemäße, aber nachdrücklich Schauer über den Rücken.

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