Respirer Paris

Mit dem heutigen Datum kann man eigentlich nichts veröffentlichen, ohne dass der 7. Januar 2015 zumindest Erwähnung findet. Besonders wenn der Schauplatz des Artikels Paris ist, jene Stadt, deren mediale Präsenz im vergangenen Jahr bedauerlicherweise hauptsächlich im Zusammenhang mit terroristisch motivierten Attentaten stand.

Charlie-Hebdo-Cover-full-January-7-2016           On est Charlie. Toujours.

Der folgende Bericht hätte allerdings an jedem anderen Tag veröffentlicht werden können, die Koinzidenz ist zufällig.

Voilà, c’est fait. Mein erstes Vorsprechen im Ausland.

Ich habe lange überlegt, ob ich hinfahre, weil sich nach dem ersten Adrenalinaufkommen, einigen Freudentränchen und einem inneren Tänzchen um mein Handy unmittelbar nach der – in der S-Bahn gelesenen –  Einladungsmail doch große Versagensängste breit gemacht haben. Eine Kettenreaktion von Bedenken läßt mich den Flug nach Paris in allerletzter Minute buchen:
War diese Bewerbung nicht vermessen vor dem Hintergrund meiner nur rudimentär vorhandenen Spielerfahrung in französischer Sprache?
Nicht dass ich am Ende noch am Verständnis der Aufgabenstellung scheitere – angekündigt waren 2 lange Audtion-Tage mit Improvisationsaufgaben rund um Manipulation und Selbstachtung im Zusammenhang mit Radikalisierung und islamistischem Terrorismus. Notiz am Rande: an dieser Stelle fällt mir plötzlich auf, dass sich doch ein thematischer Zusammenhang zum heutigen Datum herstellen läßt.Weiter im Text …
Lohnt der Aufwand in Anbetracht der sehr geringen Erfolgswahrscheinlichkeit, ja, kann ich mir solche Vergnügen überhaupt leisten, wo ich eh in einem monetären Hamsterrad stecke und dem Eindruck unterliege, permanent arbeiten zu müssen, um entspannt meine laufenden Kosten zu decken?
Und überhaupt, Moment mal, was mache ich denn, wenn die mich wollen und ich dann alle Nase lang nach Frankreich muß, um an einem zwar künstlerisch unschlagbaren, aber mäßig bezahlten Probenprozeß teilzunehmen – kann ich mir DAS leisten?

Schließlich siegt der Gedanke, dass kneifen noch viel beschämender wäre. Und let’s face it, wenn man mit 40 nicht langsam mal anfängt, seinen Auslandsplänen ein real existierendes Fundament unterzusetzen, wird ihre Umsetzung nicht unbedingt wahrscheinlicher. Also rufe ich meine Tante in Antony an, kündige mich für den nächsten Tag an und buche einen Flug.

Praktischerweise liefert mir meine französischsprachige Familie die Gelegenheit, schonmal ein bißchen in die französische Sprach- und Redekultur einzusteigen. Überhaupt sehe ich diesen Teil der Familie entfernungsbedingt viel zu selten und finde es prima, Zeit mit ihnen zu verbringen und mich über Zukunkfts- und Familienplanung meiner jungen Cousins updaten zu lassen.

Das Vorsprechen selbst beginnt damit, dass ich mich verlaufe und feststelle, dass die rue Willy Brandt Frankreichs Antwort auf Bielefeld zu sein scheint. Keiner kennt diese Straße – und selbst als ein besonders hilfsbereiter Monsieur sein GPS System bemüht, taucht sie nirgendwo auf.  Dabei hatte ich diesem Schauplatz bereits eine signifikante Bedeutung zugemessen und fühlte mich als Deutsche schon gar nicht mehr ganz so fremd. Als ich mir bereits wünsche, das Vorsprechen möge bei Georges Boisseau stattfinden, durch dessen Strasse ich bis dahin fünf- bis sechsmal marschiert war, lotst mich der vermutlich einzige ortskundige Einwohner Clichys dann doch noch zur richtigen Adresse und es kann losgehen.

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben kein vergleichbares Vorsprechen absolviert. Die Gruppe besteht aus über 30 Personen – in Frankreich wie hier deutlich mehr Frauen als Männer – und die Arbeit miteinander ist sofort superintensiv und irgendwie vertraut. Wenn ich die Kollegen auf der Bühne beobachte, entsteht der Eindruck, sie würden seit Monaten miteinander arbeiten. Ich bin ausnahmslos begeistert über die Intensität, die Glaubwürdigkeit und die Phantasie ihres Spiels. Und ja, ich nehme selbst teil an langen, intensiven Improvisationen, zu zweit, zu dritt und im großen Ensemble. Was ich liefere, ist mit Sicherheit nicht die Performance meines Lebens, denn natürlich bin ich limitiert, was die Sprache betrifft, kann also im Redetempo nicht immer ganz mithalten und lege meine sämtlichen Figuren entsprechend langsamtickend an. Mich nervt später auch ein bißchen, dass ich mich bei der anschliessenden Besprechung eigener Ideen zurück halte, weil ich glaube, die meinen nicht eloquent genug formuliert zu kriegen. Retrospektiv denke ich, ich hätte da mutiger sein können. Aber hey, vor dem Hintergrund all dieser Einschränkungen und meinen vorangegangenen Ängsten ist das Ding – um mit unserem sogenannten Pop-Titanen zu sprechen – hammermäßig gelaufen und ich hatte einige der schönsten Stunden meines Schauspielerlebens. Ehrlich. Das liegt unter anderem an meinen großartigen französischen Kolleginnen und Kollegen, die nicht nur ausnahmslos gute Schauspieler sind, sondern dafür sorgen, dass kein Fremdkörpergefühl entsteht, obwohl ich erwartungsgemäß die einzige nicht in Frankreich sozialisierte Ausländerin bin.

Dieses Gefühl setzt sich bei der gemeinsamen Rückfahrt im RER fort und befeuert meine Lust, hier in Frankreich was zu machen künstlerisch. Inzwischen bin ich auch überzeugt, dass die Fundamente meiner Kommunikationsfähigkeit stabil genug sind, um darauf aufbauen zu können. Ja, ich traue mich sogar am nächsten Tag, in einen längeren Diskurs über Hitler und die Front National einzusteigen. Ich mache nämlich noch ein bißchen die Touristin, mache Selfies, schreibe eine Postkarte an Opa und flaniere durch Paris. Dabei bleibt es als alleinreisende Frau unter 70 ja nie aus, von verschiedensten Männern in Gespräche verwickelt zu werden – mit dem Ziel der Anmache, versteht sich, ils sont des dragueurs quand même, les français. Einer davon schenkt mir eine Rose, ein anderer juchzt entzückt auf, als ich mich als Deutsche entpuppe (beide halten mich zunächst für eine Belgierin). Letzterer teilt mit, dass er eine Schwäche hat für alles, was deutsch ist und begründet das damit, dass Adolf (H)itler zwar Fehler gemacht, aber im Grunde eine prima Alternative zur Omnipotenz jüdischer Machthaber angeboten habe. Ich erspare Euch die Details der folgenden Auseinandersetzung – wäre rahmensprengend und nicht sonderlich amüsant. Nur so viel: Auch solche Gesprächsinhalte sind irgendwie machbar inzwischen, wenn auch mit Luft nach oben, was Stil und Präzision der Argumentationsführung betrifft.

Den Konkurs ums größte Sympathie- und Unterhaltungspotential gewinnt der Typ mit der Rose, den um das gelungenste Selfie die folgende Aufnahme inklusive selbiger:

Selfie rose

Im Übrigen beobachte ich eine hohe Polizeipräsenz auf den Strassen, passiere auf dem Weg zum Vorsprechen by the way das Stade de France in Saint Denis, wo die Anschläge des 13. November begonnen haben, vermerke entzückt, dass die Touristen-Doppeldecker in Paris noch offen fahren und weniger entzückt, dass sie keine Live-Moderation anbieten wie hier in Hamburg, so dass eine solche als Option für einen Job in der französischen Metropole ausfällt – entdecke aber schließlich eine attraktiv anmutende Alternative: das Théatre de la Huchette.

Théatre

Dies ist nicht das Theater, wo ich vorgesprochen habe, aber ein besonders niedliches im Herzen von St Michel

police

Begegnungen mit so Uniformierten – les flics, wie der Franzose sie nennt – sind zur Stund Alltag in den Strassen von Paris

bus

Keine Live-Moderation, aber offenes Dach unf WiFi an Bord sowie einen Getränkeautomaten. Dafür zahlt man aber auch im Vergleich zu unseren Doppeldeckern den doppelten Preis für so eine Rundfahrt. Und nein, ich habe hier keine Stadtrundfahrt gemacht – weder zuhörend, noch sprechend.

Zurück in Hamburg ist es bereits bitterkalt, und während man in Paris noch draußen in den Cafés sitzt, stülpe ich mir am Flughafen Schal, Mütze und Handschuhe über und entscheide mich für einen zweiten Pullover, während ich die Treppen in Richtung Rollfeld hinuntergleite – Willkommen zu Hause.

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Das Rennen um die Rolle in Paris habe ich dieses Mal nicht gemacht. Aber das ist in Ordnung, denn egal welche Kollegin es geworden ist, sie haben es alle verdient. Und ich weiß jetzt, dass ich mich weiter in Richtung Ausland bewerbe.

2 Gedanken zu „Respirer Paris

  1. Weißt Du, wo wären wir hingekommen, wenn eine, von mir sehr verehrte Schwedin, die Einladung nach Amerika zu kommen nicht angenommen hätte?
    Insgesamt hat sie in 5 Sprachen gearbeitet, inklusive Deutsch, und keineswegs nur vor der Kamera, wo die Dialoge besser in den Griff zu kriegen sind.
    Zumal so gut wie jeder Dir bessere Französischkenntnisse attestiert als Du Dir selbst… die können sich nicht alle irren.
    Es klingt nach einer tollen Erfahrung, die dringenst nach Wiederholung verlangt. Belgien, die Schweiz und Frankreich sollten mit Bewerbungen überzogen werden. Eine Sprache mehr ist so ein kostbares Werkzeug für eine Schauspielerin. Da geht doch was… 😉

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    • Die gute Nachricht ist, dass Hartnäckigkeit auch im Zusammenhang mit den abwegigsten Visionen zu meinen Kernkompetenzen gehört. Mein nächstes Vorsprechen führt mich erstmal wieder nur nach Süddeutschland, aber hey, bayerisch spreche ich auch fast fliessend 😁

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