NDR- Norddeutscher Dumping Report

Der im folgenden zitierte offene Brief an den NDR kursiert zur Zeit in den social medias. Ich möchte ihn hier teilen, weil ich genau wie die Kollegen einigermaßen bestürzt bin über die Annahme des NDR – immerhin ein öffentlich-rechtlicher Sender für dessen Bestand wir alle GEZ zahlen und so weiter – man könne Mitschnitte künstlerischer Programme einfach unvergütet senden.

Was ist passiert?
Das Künstlerehepaar Jennifer und Michael Ehnert erhält eine Anfrage vom Norddeutschen Rundfunk mit dem Anliegen, ihr Kabarettprogramm aufzuzeichnen und anschliessend zu senden. Es finden einige Vorbereitungen statt, etwa eine Spielortbesichtigung, wobei das Ehepaar aufgrund vorangegangener Zusammenarbeit mit dem NDR voraussetzt, dass eine Vergütung für den Dreh eingeplant ist, deren Höhe zu verhandeln ist. Bei späteren Verhandlungen ihrer Agentur mit den NDR-Vertretren stellt sich jedoch heraus, dass das vom NDR eingeplante Honorar ganze null Euro beträgt.

Der Argumentation meiner Kollegen in ihrem offenen Brief, mit dem sie auf die Sache reagieren, ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Offener Brief

Hamburg, 17. Januar 2016

Sehr geehrter Herr Marmor,

am 23. Dezember des vergangenen Jahres hat sich die NDR Fernsehredaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ entschieden, unser Kabarett-Schauspiel „Zweikampfhasen“ aufzuzeichnen, um es dann anschließend im NDR-Fernsehen zu senden. Darüber haben wir uns sehr gefreut.

Direkt anschließend haben dann auch schon die ersten Organisationsschritte stattgefunden: Wir haben mit dem Stadttheater Elmshorn eine schöne Location gefunden und mit Vertretern der NDR-Redaktion eine erste Spielort-Besichtigung vorgenommen. In den ersten Tagen des neuen Jahres kam es dann unverzüglich zu einem Telefonat zwischen unserer Agentur und der Produktionsleitung, um nun auch die vertraglichen Aspekte der Fernsehaufzeichnung zu klären. Da wir in den letzten 16 Jahren schon sieben ähnliche Kooperationen mit dem NDR gemacht hatten, schien es uns bei den anstehenden „Verhandlungen“ nur noch um einzelne Details zu gehen.
Von dem Honorar, das üblicherweise vom NDR für eine solche Theater-Aufzeichnung gezahlt wurde, konnten bisher der Regisseur, der Autor, die Schauspieler, der Komponist und die Produzenten des Stückes wenigstens halbwegs angemessen bezahlt werden.

Das Angebot der NDR-Programmredaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ für die jetzige Aufzeichnung belief sich dann auf 0 (in Worten: null) Euro.

Das hat – um es einmal sachlich auszudrücken – einiges Unverständnis in uns ausgelöst.

Wir möchten jetzt nicht näher auf Kommunikationsversäumnisse eingehen, dass es zum Beispiel seitens der Redaktion gut gewesen wäre, schon bei der ersten Begegnung zu sagen: „Wir möchten euer Programm aufzeichnen, aber dafür nichts bezahlen.“ Beide Seiten hätten sich dann weitere Vorbereitungsarbeiten sparen können, denn natürlich hätten wir solch ein Anliegen sofort zurückgewiesen.

Doch es geht hier um mehr.

Die Argumentation der Redaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ ist nämlich die, Zitat (aus der Erinnerung): „Es hat doch einen Werbeeffekt für Sie, wenn wir Ihr Programm senden!“ – Das ist sicher richtig, gilt aber für BEIDE Seiten. Das heißt wir Künstler bekommen mit der Ausstrahlung unseres Stückes im NDR zwar eine größere Aufmerksamkeit, aber auch der NDR bekommt durch uns Künstler eine Erweiterung seines Portfolios.
Und ob sich dieser mutmaßliche „Werbeeffekt“ für uns Künstler irgendwann auch finanziell auszahlt, ist durchaus fraglich, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass ein NDR-Zuschauer, der sich unser Programm im Fernsehen ansieht, es sich anschließend nicht noch einmal live in einem Theater ansehen wird; wir verlieren also potenzielle, zahlende Theaterzuschauer.

Dieser so genannte „Werbeeffekt“ ersetzt also nicht ein ernst zu nehmendes Honorar. Man käme beim NDR ja auch nicht auf die aberwitzige Idee, Til Schweiger zu fragen, ob er unentgeltlich einen NDR-Tatort-Kommissar spielen möchte, um damit in Zukunft seine Kinofilme besser bewerben zu können. Das ist Quatsch!

Ein weiteres Argument der Redaktion war, dass wir unser Stück doch „sowieso“ spielen, dann könne der NDR es doch auch mitschneiden. Ein interessantes Konzept. Vielleicht können wir auf unserer nächsten Tournee in den ICE nach München steigen und dem Kontrolleur sagen: „Wieso sollten wir Fahrkarten lösen, der Zug fährt doch sowieso!?“

Und zu guter Letzt hieß es, diese vom NDR vorgeschlagene unentgeltliche Zusammenarbeit sei ja vielleicht auch nur der Einstieg in eine weitergehende, zukunftsweisende Zusammenarbeit mit dem NDR.
Was soll das für eine Zusammenarbeit sein? Wir entwickeln und finanzieren Kultur und stellen diese dann dem NDR kostenfrei zur Verfügung? Sind wir Sponsoren des NDR?

Selbst wenn wir einmal davon absehen, dass es extrem demütigend ist, als gestandener Künstler und langjähriger NDR-Kooperationspartner auf den Status eines Praktikanten heruntergestuft zu werden, so bleibt immer noch die Frage, was denn nun das Zukunftsweisende und Innovative sein soll, was die NDR-Redaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ zu bieten hat?

Kunst wird aufgezeichnet und gesendet, aber nicht mehr bezahlt?! Das ist genau genommen Medienpiraterie. Der einzige Unterschied zum kriminellen Hacker, der sich unentgeltlich Filme oder Musik herunterlädt, ist, dass der NDR die Künstler nötigen möchte, eine Einverständniserklärung für diesen Kunstraub zu unterschreiben.

Das ist mit uns nicht machbar.

Die unentgeltliche Zurverfügungstellung künstlerischer Arbeit ist ein sehr großer Schritt in eine völlig falsche Richtung.

Unserem Wissen nach ist die Aufgabe des großen NDR-Apparats, den Zuschauern neben Information und Sport auch hochwertiges Unterhaltungsprogramm zu liefern. Dass es innerhalb des NDR-Apparats möglicherweise Notwendigkeiten gibt, Kosten zu minimieren, um dieser Aufgabe auch in Zukunft gerecht werden zu können, können wir uns vorstellen. Aber das kann und darf doch nicht dazu führen, dass das eigentliche Endprodukt, der zentrale Grund, warum Menschen das NDR-Fernsehen einschalten, nämlich die kreative Arbeit vor der Kamera gar nicht mehr bezahlt wird.

Wenn unsere kulturelle Leistung, die Arbeit von freischaffenden Schauspielern, Autoren, Regisseuren, Komponisten und Produzenten nur noch als „weicher Kostenfaktor“ gesehen wird, den man beliebig reduzieren kann, ist das der künstlerische Ausverkauf, an dessen Ende ein gut ausgestatteter NDR-Apparat steht – mit Hobbykünstlern und Laiendarstellern vor der Kamera.

Das können Sie nicht wollen.

Wir haben die Form des Offenen Briefes an Sie gewählt, weil es hier nicht nur um unseren speziellen Einzelfall geht, um eine einzelne missglückte Kooperation im redaktionellen NDR-Tagesgeschäft, sondern um gängige Praxis in einer Vielzahl von Fällen.

Wir sehen hoffnungsvoll und interessiert Ihrer Antwort entgegen, in der Sie sich für eine adäquate Bezahlung der selbständigen Kreativen, Künstler und Kulturschaffenden aussprechen und diesen Worten strukturell Rechnung tragen.

Außerdem verbinden wir mit diesem Offenen Brief die Hoffnung, dass auch andere Künstler eine Zusammenarbeit mit dem NDR zu diesen Null-Konditionen verweigern.

Mit freundlichen Grüßen

Jennifer & Michael Ehnert

Bestürzend ist der Vorfall vor allem vor dem Hintergrund, dass es allgemein in Mode gekommen ist, die Berechtigung von Vergütung für künstlerische Arbeit respektive ihrer Zurverfügungstellung für Veröffentlichungen aller Art anzuzweifeln. Selbst im Kollegenkreis erlebe ich immer wieder Leute, die die Auffassung vertreten, No-und Low-Budjet Angebote seien unproblematisch, denn immerhin könne der Künstler ja jederzeit nein sagen, wenn er mit den Konditionen nicht einverstanden ist. Letzteres ist zwar korrekt, allerdings würde in keinem anderen professionellen Bereich die Notwendigkeit bestritten, sich (ob als Freiberufler oder Arbeitnehmer) Lobbys zu schaffen, um die gemeinsamen Interessen gegenüber sagen wir „mächtigen“ Auftraggebern stark genug vertreten zu können. Als Individuum wird man der Tendenz zum Dumpingpreis nie effektiv entgegen wirken. Deshalb organisieren sich auch Freelancer in Gewerkschaften und gewerkschaftsähnlichen Verbänden. Unter Künstlern, insbesondere den darstellenden, gibt es derer bis heute zu wenig. Zwar unternehmen Verbände und Initiativen wie der bffs oder art but fair Ansätze in die richtige Richtung, werden aber dabei paradoxerweise sogar aus den eigenen Reihen torpediert oder verheddern sich in internen Streitigkeiten um Kleinkram. Das ist schade, denn eine angemessene Vergütung unserer Arbeit sollte doch ein unstrittiges Anliegen sein.

Ich persönlich wettere übrigens nicht gegen Low-Budjet-Produktionen, an denen keiner der Beteiligten verdient. Ich habe selbst schon Produktionen umgesetzt, die vor dem Hintergrund fehlender oder minimaler Subventionen nur unter der Voraussetzung verwirklicht werden konnten, dass die Beteiligten auf gute Bezahlung verzichten. Andernfalls hätten diese Produktionen schlichtweg nicht stattgefunden. Eine Institution wie der NDR hingegen müßte kaum auf die Ausstrahlung ihres Programms verzichten, wenn sie die beteiligten Künstler bezahlt.

In diesem Sinne gilt meine Solidarität den Zweikampfhasen.

Ein Gedanke zu „NDR- Norddeutscher Dumping Report

  1. Es gibt inzwischen eine Stellungnahme des NDR, deren Darstellung sich darauf beruft, die Honorarvorstellungen des Ehepaars Ehnert seien schlichtweg zu hoch gewesen. Dass keine Lizenszahlung vorgesehen war, bestreitet der NDR.
    Nun, wer nicht dabei gewesen ist, kann nun das eine oder das andere glauben. Auch ich kann nicht hundertprozentig ausschliessen, dass sich alles so zugetragen hat, wie der NDR behauptet. Allerdings scheint es mir eher unwahrscheinlich, dass sich die Künstler (die ja durchaus ein Interesse an einer Zusammenarbeit mit dem Sender haben) das Szenario ausgedacht haben und das Null-Euro-Angebot frei erfunden ist.
    So oder so finde ich es schade, dass auch die vergleichsweise große Öffentlichkeit rund ums Geschehen nicht zu einer Einigung führen konnte.
    Nachzulesen ist die Stellungnahme des NDR hier:
    http://www.ndr.de/der_ndr/presse/mitteilungen/Stellungnahme-zum-offenen-Brief-von-Michael-und-Jennifer-Ehnert-vom-17-Januar-2016,pei100.html

    Liken

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