Nouvelle chambre, nouvelle vie!

Die vierte Woche ist angebrochen. Noch könnte es sich wie Urlaub anfühlen, ausser dass ich regelmäßig zur Arbeit gehe und langsam Probleme mit meinem Zeitmanagement bekomme. In den letzten beiden Wochen sind so viele Optionen aufgetaucht, dass ich inzwischen bezweifle, für alle die Kapazitätem zu haben.

Obwohl ausgehen – wie alles – in Paris sehr teuer ist, habe ich an zwei Karaokeabenden teilgenommen, war bei einem Künstlermeetup mit anschliessendem Versacken in einer der günstigeren Pariser Bars (was mich gelehrt hat, dass man immer mit einheimischen Franzosen ausgehen muss, wenn man nicht 7 Euro pro Bier hinlegen will) und auf dem Montmartre. Letzteres diente der Vorbereitung von Gästeführungen in deutscher Sprache. Ein Angebot, das mir auf der Suche nach einem geeigneten Nebenjob in meinem Metier via Facebook angetragen wurde. Allen Belächlern dieses sozialen Netzwerks (und denen, die dort posten, dass sie sich in den 80ern noch die Knie aufgeschlagen und auf der Strasse getobt haben, während die uncoole Jugend von heute nur noch vor elektronischen Spielereien abhängt und das „echte“ Leben gar nicht mehr kennt) sei an dieser Stelle auch mitgeteilt, dass auf dem gleichen Wege Schwartzbrotgold  meinen Weg gekreuzt und mir eine reelle Option auf ein Engagement in Paris beschert hat. Bei Facebook kann man mehr als Kalenderblattsprüche, Smilies und Essensfotos posten, ehrlich.Ach ja, und dann ist da noch Bruno, den ich im Facebook’schen Forum für germanophone Franzosen und Deutsche in Paris aufgegabelt habe. Bruno ist Franzose und Vater eines zweisprachig erzogenen Kindes. Er plant die Eröffnung einer deutsch-französischen Schule und möchte in diesem Kontext mit mir zusammen einen Theaterworkshop organisieren. On top zum Tante Emma Laden und gelegentlichen theatralen Abstechern nach Deutschland scheint mir das alles ein bißchen viel und ich fühle mich jetzt schon überfordert. Irgendwie surreal vor dem Hintergrund, dass ich vor einigen Wochen noch Angst hatte, in Paris vor dem Nichts zu stehen.

Zurück auf den Montmartre. Von Berufs wegen eine Stadt zu präsentieren, die erst seit wenigen Wochen so was ähnliches wie eine Wahlheimat ist, finde ich schon ziemlich cool. Zum Glück ist man ja als Schauspieler bestens damit vertraut, sich in bisher fremde Situationen und Biografien einzufühlen. Und der Montmartre ist auch wirklich bezaubernd, wenn auch hinreichend touristenlastig – aber hey, davon leben wir ja. Ausserdem habe ich auf diese Weise selbst das ein oder andere über Pariser Stadtgeschichte erfahren und weiß jetzt, wo van Gogh gewohnt hat, dass der heilige St Denis seinen eigenen Kopf noch 8 Kilometer gen Norden getragen hat, nachdem er enthauptet wurde, und dass man sein Glück in der Liebe voranbringt, wenn man die Brüste der Dalida-Statue unsittlich berührt.

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Montmartre-Romantik

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Montmartre-Romantik

 

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Der enthauptete St Denis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erste Eindrücke von der Synchronarbeit französischer Kollegen verschaffte mir ein Studiobesuch hier in Paris, der von Hamburg aus organisiert wurde. Ich bin eine der deutschen Stimmen in einem hinreichend populären, mehrteiligen Computerspiel. Auch die Franzosen spielen dieses Spiel, und so konnte ich, bevor ich an die Reihe kam, einer Aufnahme beiwohnen, wo ich die mir so vertrauten Zeilen in der französischen Übersetzung sah und hörte. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Franzosen, anders als wir, jeden englischen Eigennamen ins Französische übersetzen, so dass diesbezüglich keinerlei Zweifel über die Aussprache bestehen. Via Skype wurden dann auch meine Aufnahmen einer Regie unterzogen und ein drolliger Mischmasch an Sprachen durchwaberte den Raum, weil die Techniker mit mir französisch und mit dem Regisseur in Hamburg englisch sprachen, während Hamburg und ich uns wie gewohnt in unserer Muttersprache verständigten. Die französischen Synchronkollegen entpuppten sich im Übrigen ebenfalls als interessierte Zuhörer unserer deutschen Variante des Oeuvres.

Gestern bin ich schliesslich vom Banlieu ins 18. Pariser Arrondisement umgezogen, was das nächtlich Ausgehen ungemein erleichtert  – sehr zentral, nicht weit vom Kanal, wo ich joggen kann, wenn mein Fuss wieder hundertprozentig in Ordnung ist, und sympathischen Charakters.
Es ist erstaunlich, wie wenig man für einen gepflegten Alltag ohne allzu große Provisorien braucht. Mich umgibt hier nur etwa ein zwanzigstel meines Hamburger Hausstands. Mehr scheine ich im Alltag offenbar nicht zu benutzen, jedenfalls habe ich bis jetzt nichts vom Rest vermisst.  Das Studentische stört mich bis jetzt nicht. Zudem sind Wohngemeinschaften in Paris auch jenseits der 40 noch üblich, dank der exorbitanten Mietpreise, und so befinde ich mich in guter Gesellschaft. Meine französischen Mitbewohner haben die Studentenzeit auch schon länger hinter sich gelassen und sind beide entspannte Zeitgenossen. Ausserdem gibt es eine große gemeinsame Terrasse, die zur Not auch von meinem Zimmer aus zugänglich ist, wenn ich mir die Mühe mache, aus dem Fenster zu klettern. In meinem eigenen Zimmer wird im Laufe der Zeit zweifelsohne noch Deko dazukommen. Verschiedene persönliche Kleinigkeiten haben aber ihren Weg aus dem hanseatischen Hamburg ins haussmännische Paris gefunden und sorgen dafür, dass sich dieser Ort nach zu Hause und nicht so sehr nach Hotel anfühlt.

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Schlafgemach

 

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Ostflügel mit Canapé und Ankleidebereich

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Westflügel mit Sekretär

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bin da! Das ist Paris!

Ça roule. Nur die romantische Liebe, deren Erfüllung diese Stadt verspricht, hat sich nicht eingestellt. Obwohl ich Dalinas Brüste anweisungsgemäß bedacht habe:

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Ein Gedanke zu „Nouvelle chambre, nouvelle vie!

  1. Ich habe das Gefühl, als ob Deine wagemutige Entscheidung mit viel Abenteuer und Gelegenheit belohnt wird… und ich habe das Gefühl, dass Du an einem Ort bist, der sehr stimmig mit Deiner Seele funktioniert.
    Manchmal passiert das, dass ein fremder neuer Ort ganz vertraut zu einem passt. Als würden Puzzlestückchen ein gutes Bild ergeben. Ich mag Deine Berichte so gerne lesen. Sie sind aufbrüchig, iebevoll mit Paris und neugierig begeistert.
    Total schön!

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