Paris rockt … und stresst.

Gestern habe ich die erste Shisha meines Lebens geraucht. Ich bin Fan! Es war ein eher guter Tag in Sachen Kommunikation, auch wenn es mir  immernoch Mühe bereitet, einer Kommunikation unter Franzosen zu folgen und beizuwohnen.

Shisha rockt

Ich hatte mir vorgestellt, in wenigen Wochen zumindest als angelernte Französin durchzugehen und mit entwaffnender Leichtigkeit durch die Wirren der hiesigen Redekultur zu flirren. Tatsächlich fühle ich mich noch immer als uneleganter Fremdkörper jeder Unterhaltung und schneide nur zwischen 60 und 90 Prozent des Gesagten mit, je nach Gesamtumständen und Gesprächsthema. Eher niedrigschwellig sind Kleingruppengespräche über die Themen Kultur und Theater oder Liebe, Sex und Beziehung. Hardcore: eine große Gruppe französischer Muttersprachler in einer laut beschallten und überfüllten Bar an einer dicht befahrenen Strasse spricht entweder über ungarische Aussenpolitik oder aber über Medienkram und Persönlichkeiten, die in Deutschland keine Sau kennt – beziehungsweise über international bekannten Medienkram und Persönlichkeiten, deren Namen, von Franzosen ausgesprochen, unverstehbar sind (wie etwa die Bee Gees, Hollywood oder Andy Warhol).
Das Gefühl, kommunikativ unterlegen zu sein, ist mir ausgesprochen fremd und irritiert mich, um nicht zu sagen läßt sich kaum aushalten. Gleichzeitig käme eine Rückkehr zu den eigenen Leisten, wo es sich unbeschwert plaudern und streiten läßt und Schlagabtäusche leichtfüßig über die Lippen flutschen, einer Niederlage gleich, und so überwiegt der Ehrgeiz das Heimweh.

Paris ist zweifellos genial. Die literarsichen Liebeserklärungen aus aller Welt laufen gewiss nicht fehl. Diese monumentalen Plätze und Flaniermeilen, die winzigen ruelles, in denen alte Häuser mit hübschen Fassaden und Retrolaternen stehen und wo das Kopfsteinpflaster für Komfortverlust und romantische Wallungen zugleich verantwortlich ist, die unendlich vielen Bars und Theater und Crêperien und kleinen Läden, die durch die allgemeine Enge und die höhere Intensität an Chaos eine besondere Art der Lebhaftigkeit vermitteln, anders als das bunte Treiben auf den weitaus breiteren und in gewisser Weise sogar aufgeräumteren Strassen Berlins. All das ist großartig und faszinierend. Und gleichzeitig macht es mich fertig, dass einen in Paris das ständige Gefühl von eingeklemmt, umgerannt und blockiert werden begleitet. Völlig egal, ob man auf dem Fahrrad, im Auto, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß unterwegs ist, überall versperren andere Menschen, andere Fahrzeuge und sonstige Hindernisse den Weg. Man kommt nicht voran, und es fehlt einfach überall „space“ – inklusive der Wohnsituation, die hier im Allgemeinen beengter ist, als wir Deutschen das gewohnt sind.

Gleichwohl liefert Paris einen bemerkenswerten kulturellen Overkill. Ich habe noch nie so viele, charmante kleine und große Theater auf so kleiner Fläche gesehen. Diese Orte reihen sich in vielen Strassen wie an einer Perlenkette auf; der Spaziergang von Notre Dame über den Louvre bis hin zum Arc de Triomph ist einfach gigantisch und bei einem Rundgang durch das edle SaintGermain-des-Prés erwähnte unsere Gästeführerin, es gäbe zu jedem einzelnen Gebäude eine historiengeschwängerte Story. Man kann sich nicht satt sehen an der beleuchteten, nächtlichen Seine-Promenade und begegnet überall Menschen, die plaudern wollen und gelegentlich sogar etwas hörenswertes zu erzählen haben.
Natürlich ist es auch sehr international hier, so dass man im Grunde sein Dasein ausschliesslich mit ebenfalls Zugewandereten aus aller Herren Länder verbringen könnte. Das würde das Gefühl des Fremdseins eventuell minimieren.

Ich hingegen bin geneigt, mich mit Franzosen zu umgeben – oder zumindest solchen, die in Paris nicht nur auf der Durchreise sind. Und da wird es dann schon schwieriger, Aufnahme zu finden in schon bestehende Kreise. Gar nicht einmal, weil die Leute unwillig oder arrogant sind, wie manch einer den Parisern nachsagt. Vielmehr erschöpft mich das Aushalten der Tatsache, dass Vertrautheit und Verbindung sich entwickeln müssen und man bis dahin zwangsläufig ein Gefühl von Anstrengung verspürt, erst recht, wenn man in der Sprache limitiert ist und schnell als Ausländer auffällt, während die anderen meist schon zumindest zum Teil vertraut und nahe und verbunden miteinander sind. Auf diese Weise wird wohl besonders intensiv die Einsamkeit spürbar und das Fremdkörpergefühl, welches neue Ufer quasi von Natur aus mit sich bringen.

Im Gegensatz dazu stellt sich bereits jetzt ein Métro-boulot-dodo-Gefühl ein, was die Routine des Arbeitsalltags betrifft. So ein eher einsilbiger und unflexibler Vollzeitjob ist, wie mir gewahr wird, einigermaßen erschöpfend, und da man viel Lebenszeit damit verbringt, verkleinert er die Zeitfenster für andere Entdeckungen. Inzwischen kann ich keine Würste und Brezeln mehr sehen. Gelegentlich habe ich den Eindruck, dass mir einfach die Energie für andere Aktivitäten fehlt, so erschöpft bin ich nach nur 6 Wochen Otto-Normalverbraucher-Job.

Um mich vom Pariser Overkill zu erholen, habe ich meinen heutigen freien Tag in der campagne verbracht und mich statt mit umherflirrenden Parisern mit Enten und alten nordfranzösischen Bauwerken umgeben – darunter auch ein Theater, das théâtre municipale. Schnuckelig, wenn auch für meine Begriffe zu kalt. In Paris war heute T-Shirt-Wetter und ich war zu dünn angezogen für die nordische Frischluft.

Festzuhalten bleibt, dass diese Herausforderung auch rockt. Es geht noch wohin auf diesem Weg. Und solange bleibe ich hier!

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6 Gedanken zu „Paris rockt … und stresst.

  1. Vorab… wag‘ es bloß nicht allzu schnell zurück zu kommen. Nicht, weil ich Deine Gegenwart nicht zu schätzen wüsste, das tue ich ungemein, aber Deine Schilderungen sind grandios und ich gewinne allmählich Frankreich lieb… was einiges besagt.
    Du bist eine wunderbare Botschafterin für das Land, das zu erkunden Du beschlossen hast.
    Lass‘ mich Dir außerdem versichern, dass Dein, von Dir sicher zu unrecht als defizitär bemängelter, Umgang mit der französischen Sprache Deine ohnehin köstliche Verwendung der deutschen zu bezuckern scheint. Ich kichere oft hörbar vor mich hin, während ich Deine Berichte lese.
    Allerdings… etwas besorgt bin ich schon. Du fährst Fahrrad? In Paris? Um es mit Prinzessin Leia zu sagen: „Sie sind mutiger als ich dachte!“.
    🙂

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    • Du weißt ja, so schnell gebe ich nicht auf. Bevor ich die Koffer packe, möchte ich zumindest als angelernte, französische Quasistaatsbürgerin eine gute Figur machen 😉
      Fahrrad fahren ist hier übrigens einerseits die Hölle, weil keine Sau sich an die Regeln hält, andererseits aber super, weil sich keine Sau dafür interessiert, ob du dich an die Regeln hältst. 😀

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  2. Du Rebellin… ganz wie Prinzessin Leia… 😀
    Aber bitte, versuch‘ Dich von Darwin-Wirkprinzipien fernzuhalten. „Survival of the Fittest“ ist nichts, was man auf einem Fahrrad verfolgen sollte!
    Und ja, ich weiß, aufgeben ist ohnehin nicht Deins… anyway, Deine Frankreichberichte sind meins… und auf die will erst mal gar nicht verzichten.
    Erwäge sie bitte die Verfassung eines Buches.

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    • Nachdem selbst mein Namensvetter Mario mit weitaus stupideren Wortbeiträgen zum Bestseller wurde, können wir ja mal versuchen, einen Verleger zu finden, der die Theaterblogs als Taschenbuch herausbringt 😉

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      • Das ist alles eine Frage des Marketings. Ich lese mehrere Blogs, und eine ganze Reihe davon sind mittlerweise als Buch erschienen. Also nicht der vollständige Blog, aber Geschichten daraus. Angefragt von renommierten Verlagen. Die Bücher wirkten dadurch allerdings eher wie kommerzieller Mainstream. Aber egal, Buch ist Buch (im Gegensatz zu diesen Selbstverlagsseltsamkeiten).

        Was Dir fehlt: sehr reichliches Publikum. Die BloggerInnen, die ich lese, sind definitiv nicht schlechter, als Du. Aber sie haben eine extreme Reichweite. Keine Ahnung, wieso und schon gar nicht wie.

        Ansonsten schließe ich mich dem Wunsch nach weiteren Texten an. 🙂

        M.

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  3. Stimmt, bis jetzt verstehe ich mich gar nicht so sehr als Bloggerin, sondern betreibe das Ding hier als Ergänzung zu meiner herkömmlichen Website. Die wenigsten verfolgen jeden einzelnen Beitrag, aber Leute, die sich eh oder eventuell für mich als Schauspielerin interessieren klicken rein, und ich glaube, dass man auf diese Weise etwas mehr von sich vermitteln kann als allein durch die CV und ein paar Bilder oder Demobänder …

    Mir ist Marketing an den meisten Punkten zu aufwendig, obwohl ich mich gegen Publikum nicht sperre. Für meine eigenen Sachen aktiv zu werben habe ich hingegen immer schon als anstrengend empfunden. Ich bin froh, wenn ich das delegieren kann.

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