Une vie ailleurs

Frei nach dem gleichnamigen Kinofilm hier der Zwischenstand nach knapp fünf Monaten im Ausland:

Es ruckelt sich zurecht. Zunehmend. Heute habe ich meinen ersten ausländischen Mietvertrag unterzeichnet und bin nun ab Juli Mieterin einer 43qm-Wohnung in Aubervilliers, was für Pariser Verhältnisse enorm ist (genauso wie die Höhe der Kaution, die ich gerade überwiesen habe). Noch schwanke ich zwischen Euphorie und Panik; letzteres ob der Wirren des nun zu erledigenden Formalkrams à la française, vor allem aber aufgrund der doch zunehmenden Kosten, die dann auf mich zukommen, und ersteres, weil meine bisherige Wohnsituation auf Dauer suboptimal ist. Nach 20 Jahren wieder in einer WG zu residieren, ist fordernd. Zumal die hiesige Zweckgemeinschaft mit meinen Studenten-WGs von einst nur partiell vergleichbar ist. Fakt ist, dass ich in den letzten Wochen (noch über die Frage grübelnd, ob ich den Mietvertrag wirklich machen soll oder nicht) oft dachte, um einfach durchzuhalten, bis ich wieder in mein Hamburger Paradies zurück kehre, ist die geplante Dauer des Aufenthalts zu lang, um eine ganze Wohnung anzumieten erscheint sie irgendwie zu kurz. Am Ende siegte die Überzeugung, dass ich so eine Gelegenheit im Pariser Raum nie wieder bekommen werde und die Wohnung zur Not immernoch untervermietet werden kann, falls ich den Vertrag nicht zu früh auflösen möchte.

Ähnliche Gedankenschläge wie die Wohnungsfrage bereitet mir indes meine berufliche Situation. Ich habe die Kollateralschaden eines 35-Stunden-Jobs, der weder künstlerisch noch intellektuell besonders inspirierend ist, unterschätzt. Unter anderem läuft das Hamsterrad der komplett unflexiblen Arbeitszeiten, die immer im gleichen Rhythmus absolviert werden, meinem Wesen, welches nach Abwechslung auf allen Ebenen strebt, grundsätzlich entgegen. Und so balanciere ich mit Möglichkeiten, diesen Vollzeitjob wenigstens zu reduzieren. Die Touristenführungen hingegen machen großen Spaß und sorgen dafür, dass ich auch hier in Paris wenigstens teilweise meine Kernkompetenzen zum Einsatz bringen und gestalten kann statt nur Befehlsempfängerin zu sein.

Grundsätzlich muss ich mir hier vieles wie ein Jungerwachsener neu erschliessen. Das ist interessant, denn es führt mir vor Augen, wie selbstverständlich mir deutsche Vorgehensweisen bisher erschienen. Arztbesuche, Versicherungsangelegenheiten, Bankgeschäfte, Mietverträge und und und, vieles funktioniert hier ein kleines bißchen anders und konfrontiert einen mit kleinen Stolpersteinen, mit denen man nicht gerechnet hat. Gleichzeitig steigert all das das Verhandlungsgeschick in französischer Sprache, und mit jedem gelösten Problemchen der vorgestellten Art gewinne ich ein bißchen mehr das Gefühl, Teil dieses Landes zu sein. Auch schön.

Ein großer Gewinn sind für mich die Menschen, mit denen ich hier meine Freizeit verbringe. Mittlerweile bin ich soweit, dass ich einige von ihnen als Freunde bezeichne und es total super finde, dass ich in Paris Leute kenne, die ohne mit der Wimper zu zucken, ihre Hilfe beim Umzug anbieten. Juhu! Nach wie vor ist es so, dass lange Telefongespräche deutschen Freunden vorbehalten sind, weil ich telefonieren auf französisch so anstrengend finde, dass ich nach spätestens 20 Minuten ermüde. Chatten hingegen geht.

Die Fülle von Eindrücken, die dieses Paname liefert, ist enorm. Ich bin meistens gerne hier und habe nur noch gelegentlich Heimweh. Aber wannimmer ich gelegentlich nach Deutschland zurück kehren kann, um zu spielen, tanzt mein Herz. Mehr und mehr erkeimt eine innere Hoffnung auf Spielmöglichkeiten im Pariser Raum. Ich glaube, das würde sich wie ein Durchbruch anfühlen.

Fête des couleurs, cité universitaire Paris 2017

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s