Hamburg, meine Perle

Meine Stadt ist im Ausnahmezustand.
Ich bin nicht vor Ort und empfinde die Kombination aus Berichterstattung und Eindrücken von Freunden als sehr surreal. Selbst hier in Paris sind die Ausschreitungen Thema, auf allen sozialen Netzwerken strömt eine wilde Flut an Eindrücken und Stellungnahmen auf mich ein, zum Teil eher aus der Perspektive der eigenen kleinen Erlebniswelt, zum Teil vor dem Hintergrund globalpolitischer Ansichten und Schlussfolgerungen.
Mich macht in der Ferne vieles davon wütend. Sowohl die Position derer, die einen monokausalen Zusammenhang herstellen zwischen polizeilichem Fehlverhalten und der dann folgenden Eskalation als auch die Stimmen aus den Reihen der Rechtskonservativen, die die Ereignisse für einen generellen Feldzug gegen die „Linke“ instrumentalisieren. Fragt sich nur, was „links“ daran sein soll, die Schaufensterscheibe eines Spielwarengeschäfts einzuschlagen, Kleinwagen in Brand zu stecken und Verkehrsschilder zu demolieren. Mich nervt die überzogene, pauschale Behauptung, wir lebten in einem Polizeistaat, welcher das Recht auf friedliche Demonstrationen immer und grundsätzlich verwehrt und sich überall und bei jeder Gelegenheit eskalationsfördernd verhält. Ich bezweifle, dass die selbsternannten Verteidiger einer gerechten Weltordnung von Unruhen abgesehen hätten, wenn sich die Polizei nur korrekt verhalten hätte. Und ich bin recht froh, nicht in Saudi Arabien zu leben, wo eine so weitgehende Kritik am Staat in der Tat ihre Berechtigung hat. Gleichzeitig nerven mich aber auch die gefolgstreuen Gartenzwergbesitzer, die an anderer Stelle Hartz-4-Empfänger und Flüchtlinge für ihre steuerliche Überbelastung verantwortlich machen und hier jetzt jeden, der das polizeiliche Vorgehen in Hamburg als suboptimal bewertet, der linksradikalen Szene zuordnen, zumal ja auch aus den eigenen Reihen Kritik laut wird. Mich nerven auch diejenigen, denen es egal ist. Oder die, die in Winterhude Süd wohnen und sagen, regt Euch nicht auf, auf dem Mühlenkamp ist alles friedlich und die Berichterstattung über bürgerkriegsähnliche Zustände ist sensationsheischende Panikmache.

Die Zerstörungswut unter dem Deckmantel der Menschenrechte nervt mich sowieso. Mehr als das. Abgesehen davon, dass es ziemlich absurd anmutet, sich für die Rechte von Menschen einzusetzen, deren Kiosk man gerade verwüstet hat, macht es traurig, dass Menschen quasi um ihre Existenz gebracht worden sind, die an sozialer Ungerechtigkeit mit Sicherheit keinen Anteil haben. Das Ergebnis von alledem hat die soziale Ungerechtigkeit auf der Welt jedenfalls – wenn überhaupt – lediglich einer Verschlechterung zugeführt.

Couragierter und zielführender sind die zehntausend Hamburger, die sich heute freiwillig und, wie berichtet wird, gut gelaunt, zum Aufräumen getroffen und dem Desaster eine konstruktive Maßnahme entgegen gesetzt haben. Auch das löst die zurecht kritisierte soziale Schieflage der Weltpolitik nicht in Luft auf, aber die dahinterstehende Haltung ist mit Sicherheit solidarischer als sinnloser Vandalismus.

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