Zwei Seelen, ach, in meiner Brust

10 Monate in Paris.

Ich bin nochimmer keine Französin geworden. Aber auf eine bestimmte Art angekommen im Ausland. Hamburg rückt immer weiter weg in meiner Erinnerung, was sich seltsam anfühlt, immerhin komme ich ja im April wieder zurück in mein altes Leben.

Tage wie heute kommen realtiv selten vor. Denn ich habe frei – also so frei, dass kein einziger Termin beachtet werden muss und auch keine Behördengänge oder andere Erledigungen irgendwelcher Bürgerpflichten anstehen. Es ist Anfang November, und ich habe den kompletten Tag ohne Jacke auf meiner Terrasse verbracht (die ich übrigens abgöttisch liebe!). Das ist schon Lebensqualität!

Zu Paris habe ich inzwischen eine Art Hassliebe entwickelt. Die Stadt ist unglaublich reich und liefert ein, wie soll man sagen, weltstädtisches Lebensgefühl. Auf den Strassen ist immer was los. Oft läuft man zufällig an Plätzen vorbei, wo entweder demonstriert wird oder kulturelle Ereignisse stattfinden. Es gibt großartige Künstler(gruppen), die auf der Strasse auftreten, besonders zur warmen Jahreszeit. Man kommt vorbei, reiht sich ein in die Zuschauermenge und erlebt unverhofft ein Konzert, eine Pantomine-Show oder akrobatische Höchstleistungen. Das ein oder andere Mal bin ich dank Freunden und Bekannten auf Veranstaltungen und an Orten gelandet, die durch ihre Atmosphäre, ihr Publikum und/oder ihr Anliegen zu begeistern vermochten. Dazu gehört die REcyclérie an der Porte de Clignacourt, eine kleine Oase alternativ-heimeliger Atmosphäre inmitten einer ungemütlichen Kreuzung, die sich durch MacDo, KFC und eine riesige Baustelle auszeichnet. Betritt man die REcyclérie erlebt man (je nach Veranstaltungstag) zum Beispiel einen kleinen Literatursalon, Gratismassage, einen kleinen biobegärtnerten Innenhof, wo man gemütlich sitzen und Wein trinken kann. Man kann sich Bücher ausleihen, die Karten legen oder schminken lassen und begegnet sympatischen, offenen Menschen.
Ein anderer erlebenswerter Ort, den ich kennengelernt habe, sind die Grands voisins, eine Art Gängeviertel im Süden von Paris. Da ist in einem ehemaligen Krankenhaus ein sogennater „squat“ entstanden (einer der wenigen Anglizismen, die es nach Frankreich geschafft haben). Ähnlich wie im Hamburger Gängeviertel ist das ganze Anwesen irgendwie Kunst. Es gibt Künstler, die dort wohnen und andere, die dort arbeiten. Ausstellungen, politische Diskurse, Konzerte und Theater gehören zum Programm. In einer Art ehemaligem Hörsaal sahen wir ein Ein-Personen-Stück über Nachhaltigkeit. Sehr phantasievoll gemacht und (zur Verwunderung meiner nichtkünstlerischen Begleitung) mit minimalistischsten Mitteln umgesetzt. Der anschliessenden Diskussion über Korruption in Frankreich konnte ich nur bedingt folgen, war aber insgesamt begeistert von Atmosphäre und Konzept. Leider soll das Ding wohl in absehbarer Zeit eingerissen werden und die Künstler müssen dann einem Wohnviertel weichen, das dort gebaut wird.

Über die warme Jahreszeit hatte ich viel Besuch und bis heute profitierte ich von Pariser Erlebnissen und Begegnungen …

Unterwegs für „Paris mal anders“

Besuch aus Deutschland. Gästeführung ganz privat.

Besuch vom Filius

Sommerliches Picknick in internationaler Besetzung (v.l.n.r.: Italien, Indien, Deutschland, Frankreich, USA, Frankreich);  August 2017

 

Stimmungstrübend hingegen ist meine berufliche Situation in Frankreich. Dahingehend vermisse ich mein altes Leben sehr und freue mich tatsächlich auf die Rückkehr. Für ein Leben als reguläre Arbeitnehmerin bin ich definitiv auf Dauer nicht geeignet. Das hätte ich zwar auch schon vor meiner Abreise sagen können, aber nun steht fest, dass sich die Hoffnung, hier im Laufe der Zeit einen Kompromiss zu finden, der mir zumindest zeitweise professionelles künstlerisches Arbeiten in Frankreich erlaubt, nicht erfüllen wird. Die Unflexibilität meiner Arbeitszeiten lässt projektweises Arbeiten im Grunde nicht zu; und einen alternativen Broterwerbsjob mit flexiblerer Einteilung der eigenen Verfügbarkeit habe ich nicht gefunden – von pekurär ausreichenden Einnahmequellen als Künstlerin ganz zu schweigen. Diese Situation nagt an meinem Selbstverständnis als freie Künstlerin. Ich fühle mich zunehmend fremdbestimmt und verbringe einfach zu viel Lebenszeit mit reinem Broterwerb und entfremdet von dem, was mich leidenschftlich treibt. Die Energie, die ich dort lasse, fehlt mir an anderer Stelle. Manchmal frage ich mich, wo meine Leidenschaft geblieben ist. Das weitgehend freie Bestimmen über meine Verfügbarkeit und das Arbeiten in Tätigkeitsbereichen, die (mal mehr, mal weniger, aber zumindest immer ein bisschen) auch als inspirierende Quelle geeignet sind, fehlt mir. Mir fehlt die Bühne selbst, aber auch der Austausch mit den Kollegen, das Entwickeln und Erarbeiten von Projekten, eben ein Leben, das sich in hohem Maße um Kreativität und Theater dreht. Zur Zeit kann man ja die gelegentlichen Theaterabstecher nach Deutschland nicht als Lebensmittelpunkt betrachten.

Paris ist inspirierend, ja. Ich habe hier tolle Menschen kennengelernt, großartige Erfahrungen gemacht und profitiere von der Fülle dieser Stadt, von den Gästeführungen, die mein berufliches Erleben ein wenig aufpeppen, und von der Erfahrung, mich mit fremden Gepflogenheiten und dem Alltag in einer anderen Sprache zurechtfinden zu müssen und zunehmend zu können. Und ich freue mich auf die Rückkehr ins Leben der Kreativen. Zwei Seelen, ach, in meiner Brust …

Vue de Sacré Coeur – zweithöchster Aussichtspunkt über Paris nach dem Eiffelturm

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