Jahrestag

Heute vor einem Jahr kam ich an.
In „Grand Paris“, der Stadt des Savoir Vivre, der Hausmann’schen Ästhetik, des Louis XIV’schen Pomp, der Street Art und der zauberhaften Brücken. Der Stadt, wo man sich liebend an der Seine entlang flanieren, gepfegten Café trinken, Kunst betrachten, in Bobo-Boutiquen kramen, auf Flohmärkten abgefahrenes Zeug -das kein Mensch braucht, aber jeder gerne hätte- kaufen, Austern schlürfen und auf exzessiven Künstlerpartys französisch parlieren sieht, wenn man als Schauspielerin einen dahingehenden Auslandsaufenthalt plant.

Ich hatte mir vorgestellt, in irgendeiner Weise meinen kreativen Kram fortsetzen und in relativ kurzer Zeit die Sprache wie die Landsleute sprechen … ja, und vor allem verstehen zu können. Ich spüre noch diese surreale, irgendwie unwirkliche und aufgeregte Stimmung, in der ich am ersten Tag im Garten meiner Quasi-Tante (die mich in der ersten Zeit dankenswerterweise beherbergt hat) stand, mit nur 5 Kartons ausgestattet, den Rest meiner Habseligkeiten eingekellert in Hamburg, dieses vergleichsweise mediterrane Ambiente einsaugend und mich einfach freuend, dass plötzlich alles anders und alles zur Routine gewordene unterbrochen ist.

Es ist eine drollige Sache mit der Routine. Sie ereilt uns so rasant, dass wir eigentlich alle sechs Monate komplett das Umfeld wechseln müßten, um ihr zu entgehen. Inzwischen ist die Rückkehr nach Hause, die in drei Monaten ansteht, das große Versprechen, eine Routine zu stoppen, die mittlerweile hier eingetreten ist. Und das, obwohl im Laufe dieses letzten Jahres immer wieder viel und Neues passiert ist … der Umzug von der Tante in die WG und von dort aus in die eigene Wohnung, die Orte und Menschen, die neu in mein Leben kamen, der Besuch aus Deutschland, die Ausflüge, Feiern und Alltäglichkeiten, die mich diese neue Stadt immer wieder anders erleben ließen, all das. Und trotzdem ist schnell ein Gefühl der Unfreiheit eingetreten, welches der extremen Vorhersehbarkeit, Fremdbestimmung und Unflexibilität eines Jobs geschuldet ist, der nunmal zu ganz bestimmten Zeiten an ein und dem selben Ort mit einem sich immer wiederholenden Ablauf einen großen Teil der Lebenszeit hier bestimmt hat und immernoch bestimmt. Schnell wurde mir auch klar, dass für den Aufbau einer neuen künstlerischen Existenz in Frankreich die Aufenthaltsdauer zu kurz ist und ein projektbezogenes Arbeiten nebenbei durch die Unflexibliltät meines Hauptjobs verhindert wird. Auch bin ich keineswegs eine Quasifranzösin geworden, weder was die Sprache, noch was den Heimischkeitsfaktor betrifft. Es erstaunt mich, wie fremd ich mich in einem so nahe gelegenen Land immernoch fühle, wie anders die Uhren hier trotz relativer Nähe und EU und so weiter doch ticken. Es ist kein Fremdheitsgefühl im Sinne eines nicht willkommen Seins. Im Gegenteil, ich empfinde die Menschen und die Mentalität, die mir hier begegnet als sehr warmherzig. Und dennoch bin ich kein Teil davon, jedenfalls nie vollumfänglich.

Et tout ça pour dire … auch wenn ich hier und jetzt, also im derzeitigen Alltag in Grand Paris nicht das Gefühl von „woooow“ in mir trage, das ich vielleicht bei meiner Ankunft vor genau einem Jahr erwartet hätte, ist dieses Jahr retrospektiv ein Wow-Erlebnis und das, was ich hier erleben durfte, unersetzlich.

Highlights waren zum Beispiel:

Ein Drehtag mit Eichhörnchen

Die erste Shisha meines Lebens

Der Color-Run vom Hotel de Ville an der Seine entlang bis zum Eiffelturm

Grand Poetry Slam mit meinem texterischen Lieblingsfranzosen und Freund Philippe Thilliez in Belleville

Die Fête des couleurs in der Cité Universitaire

Das Spielen der loups garous de Thiercelieux (zu Deutsch „Die Werwölfe von Düsterwald) auf französisch

Bestes Couscous ever bei Zerda im 10eme

Immer wieder unverhoffte Strassenkunst auf superhohem Niveau. Hier: Ein echt witziger Comedy-Pantomime vor dem Centre Pompidou

Der Umzug nach ganz oben bei bester Wetterlage. Wie man sieht: Terrasse mit Swimmingpool

Der 14 juillet mit Feuerwerk auf ebendieser wunderbaren Dachterrasse

Besuch vom Filius

Meine Gästeführungen …

… in deren Verlauf das Begrabbeln von Dalidas Brüsten Glück in der Liebe verspricht.

Sommerliche Ausflüge mit internationalem Trüppchen

 

Ein Abstecher nach Bordeaux

Der Besuch der One Mad Show auf der Nouvelle Scène (einem Schiff mit Bühne im Bauch)

Der Aufstieg auf den zweithöchsten Pariser Aussichtspunkt nach dem Eiffelturm

Swing an der Seine bei Paris Plages

Ein Paddelausflug in die Peripherique …

Das Bezwingen französischer Behörden, hier: Organisation einer Carte Vitale

Picknick draussen in französischer Besetzung

Sommer-Atmo am Canal St Martin (im Hintergrund eine Street-Art-Wand, die gelegentlich wieder weiss gestrichen und dann zur neuen Gestaltung freigegeben wird)

Böllerfreies Silvester auf der Anhöhe des parc de Belleville mit Blick auf den beleuchteten Eiffelturm

Fin bref, Paris est une fête – malgré tout!

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Während der Landung und Rückkehr

Bien atterri et de retour. Un peu malade, heureuse et mélancolique en même temps. Hambourg me manque déjà, mais il y fait un temps de merde. Paris me charme avec son air toujours doux (même à minuit), deux semaines des projets sympas m’attendent. J’ai hâte d’emménager dans mon nouvel appart … La vie parisienne continue.

Wenn man das in den Google-Übersetzer eingibt, steht da:
Während der Landung und Rückkehr. Ein wenig krank, glücklich und traurig zugleich. Hamburg vermisst es schon, aber es ist eine beschissene Zeit. Paris Charme mich mit seinem immer sanft (sogar um Mitternacht), zwei Wochen nach den kühlen Projekten erwarten mich. Ich freue mich auf Umzug in meine neue Wohnung … Pariseres Leben geht weiter.“

Gemeint ist, dass ich meine erste Rückkehr nach Hamburg hinter mich gebracht habe, gut gelandet und zurück in Paris bin. Glücklich und melancholisch zugleich, denn auch wenn mir Hamburg jetzt schon fehlt, empängt mich Paris mit herzlichem Charme. Es war übrigens keine beschissene Zeit, sondern nur Scheißwetter. Und nach Hamburg zu kommen, ohne meine Wohnung betreten zu können, war schon auch ein merkwürdiges Gefühl. Insgesamt aber dennoch ein gelungenes Wiedersehen.

Der letzte potentielle Blogeintrag blieb unveröffentlicht, weil zu frustriert und persönlich. So kommt es, dass in der Zwischenzeit so viel passiert ist, dass eine vollumfängliche Zusammenfassung den Rahmen sprengen würde und hier nur Bruchstücke der Ereignisse auftauchen.

Eine Schwierigkeit, die mir auch in Deutschland zu schaffen macht, setzt sich hier in verschärfter Weise fort: Das Hamsterrad des Geldranschaffens. Das hat mich in den letzten Wochen sehr beschäftigt, denn ich hatte noch nie einen Vollzeitjob, der nicht nur Berufsfremdheit und Angestelltenverhältnis, sondern  auch stetig gleiche Arbeitstage und -zeiten beinhaltete. Das alles verschärft das Gefühl des Hamsterrädchens und erschöpft mich manchmal ziemlich. Zudem arbeite ich ja on top als Gästeführerin und Schauspielerin und dadurch für meinen Geschmack insgesamt eigentlich zu viel. Gleichzeitig ist mein Arbeitgeber ein super Typ und mittlerweile sowas wie ein Freund geworden, der mir unter anderem eine Hammerwohnung mit zwei extraterrasitischen Terrassen zur Nachmiete vermittelt hat. Man sieht von der Terrasse aus Sacré Coeur und erahnt den Eifelturm!!!

Anlässlich einer kleinen Theatertournee hat Hamburg mich zumindest für anderthalb Tage wieder gehabt, bevor und nachdem mir die Gastspielreise mit „Der Kick“ in Meckelfeld, Lüneburg, Delmenhorst und Quakenbrück Gelegenheit gab, meiner Sehnsucht nach der Bühne nachzugeben und zu spielen …

Es waren großartige Tage, ich brauchte diesen künstlerischen Input sehr nach gefühlt langem Verbleib zwischen Schwarzwälder Schinken und Pfanni-Knödeln. Und so kehre ich gestärkt und motiviert ins Pariser Leben zurück und freue mich auf meinen ersten Drehtag als angelernte Französin … nächste Woche, hier in diesem Paname, wie der Franzose seine Hauptstadt nennt.

Erste Tage in Paname

Die ersten anderthalb Wochen sind vergangen. Die Formalitäten sind coolerweise und wider Erwarten fast alle erledigt.

Am simpelsten gestaltete sich der Kauf eines Metropasses. Nach einigem Geplauder mit dem Menschen am Schalter verzichtete dieser auf das „Justificativ de domicile“ – ein Wohnsitznachweis, den man in Frankreich ansonsten für jeden beliebigen Akt des sich Einbürgerns braucht – gab mir das Ding so und rief mir, während ich es über die obligatorische Chipkotrollmaschine gleiten liess, hinterher: „Désormais vous êtes Parisienne“.

Die Franzosen haben kein Einwohnermeldeamt und weisen Wohnsitze daher anhand von Strom-, Gas- oder Telefonrechnungen nach. Kompliziert wird es, wenn man selbst keine solche Rechnung besitzt, weil man der Untermieter von jemand anderem ist. Dann braucht man eine Wohnsitzbestätigung samt Rechnung auf den Namen dieses Hauptmieters oder Besitzers der Wohnung. Inzwischen habe ich so ein Ding, denn nach einigen erfolglosen Besichtigungen sagte ich stante pedes zu, als mir ein Zimmer für 550 Euro im 18e angeboten wurde, erhielt am selben Tag die Schlüssel und ziehe in 2 Wochen ein. Ich habe schon lange nicht mehr in einer Wohngemeinschaft gelebt und bin gespannt, wie lange ich damit zurecht komme. Andererseits trainiert es zweifelsohne mein Sprachvermögen, auch im häuslichen Umfeld mit Franzosen zu tun zu haben und ich habe bei dem Paar, das mich beherbergt, ein bißchen Familienanschluss. Den habe ich in meinem jetzigen Dominzil zwar auch, aber ich gebe zu, dass ich mich extrem darauf freue, zukünftig nur noch 10 Minuten zur Arbeit zu brauchen und abends nicht gegen die Uhr feiern zu müssen. Vor dem Hintergrund der extremen Kälte, die mittlerweile auch Paris erreicht hat, erscheinen mir kurze Wege noch einmal attraktiver.

Das Justificatif einmal in Händen und froh über das Zimmer, bin ich mit großem Elan losgestratzt, um ein Bankkonto zu eröffnen. Das sei nämlich, so sagte man mir, in Frankreich völlig unkompliziert und einfach. Ich solle einfach ein sogenanntes Nickel-Konto aufmachen. Nickel-Kontos gibt es beim Tabakhändler. Die werden da wie Prepaid-Simkarten vertickt. Man bezahlt 20 €, bekommt so ein fertiges Paket mit einer ec-Karte, Zugangsdaten und Instruktionen ausgehändigt und hat hinterher ein kostengünstiges Online-Konto, für dessen Eröffnung lediglich ein Personalausweis und dieses Justificatif nötig sind. Ich rechnete für dieses Projekt etwa 1 bis 2 Stunden Aufwand ein, hatte jedoch das Pech, zunächst drei Tabakhändler in Folge aufzusuchen, die im Internet zwar noch als Nickel-Partner aufgeführt, aber tatsächlich gar nicht mehr als solche aktiv sind. Der vierte Händler teilte mir mit, dass Nickel-Konten bei ihm wohl eröffnet werden könnten, aber ausgerechnet heute Wartungsarbeiten auf der Nickel-Website stattfänden, so dass erst ab 20 Uhr wieder eine Kontoeröffnung möglich sei. Es war 18 Uhr, und ich dachte mir, 2 Stunden lang kann ich mich sinnvoll beschäftigen, kam also um 20 h wieder. Leider signalisierte der Computer auch um 21 Uhr noch „Maintenance en cours“, so dass ein weiterer Besuch des Ladens am nächsten Tag notwendig wurde. Auf diese Weise wurde die Sache mit dem Bankkonto zur aufwendigsten Erledigung der Woche, aber alles in allem sogar ganz spaßig, weil ich in diesem Rahmen einige putzige Bekanntschaften machte und das Prozedere an sich auch irgendwie absurd anmutet, wenn man den Umgang mit herkömmlichen Bankangestellten gewöhnt ist.

Desweiteren habe ich inzwischen eine französische Handynummer, eine Auslandsflat, einen Nachsendeauftrag bei der Post, einen Arbeitsvertrag und einen Selfiestick. Letzteren erwarb ich auf den berühmten Puces de Saint-Ouen. Am Montag, da war es noch nicht ganz so kalt. Die Idee war, meine Auslandsaktivitäten fotographisch dokumentieren und gleichzeitig belegen zu können, dass ich dabei war. Allerdings gebe ich zu, das Ding nur ein einziges Mal draussen eingesetzt zu haben, weil mich der Peinlichkeitsfaktor bis jetzt noch abschreckt. Aber ich bin sicher, mit der Zeit werde ich zutraulicher.

Mein provisorisches Zimmer in Antony (Mon bordel, wie der Franzose sagen würde)

Mein provisorisches Zimmer in Antony (Mon bordel, wie der Franzose sagen würde)

Aux puces …

Was man auf dem Foto nicht sieht: Dieser bewaffnete, junge Mann ist umgeben von Gemälden geschmeidiger Frauenkörper, die benefalls zum Verkauf angeboten werden.

Was man auf dem Foto nicht sieht: Dieser bewaffnete, junge Mann ist umgeben von Gemälden geschmeidiger Frauenkörper, die ebenfalls zum Verkauf angeboten werden.

der Vorgänger des Imac G3

der Vorgänger des Imac G3

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Frankreichs Antwort auf den Polenmarkt

Frankreichs Antwort auf den Polenmarkt

Hier weiß man nicht so genau ... isses Kunst oder kann es weg ...

Hier weiß man nicht so genau … isses Kunst oder kann es weg …

 

Premiere verschoben, aber wohlwollend angekündigt

Heute wäre Premiere gewesen im Schwarzwald. Krankheitsbedingt kommen wir nun erst am Sonntag raus mit VIER LINKE HÄNDE.

Eine schöne Vorankündigung erschien heute im Schwarzwälder Boten.

Es dauert nicht lange, bis sich Sophie (Esther Barth) und Bertrand (Hans Herbert Diehl) näher kommen. Foto: Bernklau Foto/ copyright: Schwarzwälder-Bote

Von Martin Bernklau

Simmersfeld. Das Leichte ist schwer. Am Theater weiß man das noch besser als sonstwo. Seine Komödie „Vier linke Hände“ hat Pierre Chesnot auch auf deutschen Bühnen zu einem der meistgespielten Autoren Frankreichs gemacht. Das Regionentheater hat seine für Donnerstag im Simmersfelder Festspielhaus geplante Premiere des funkelnden Boulevardstücks krankheitshalber auf Sonntag, 18 Uhr, verschieben müssen.

„Steigere das langsamer, halt’ die Spannung noch ein bisschen länger“, ruft Regisseur Andreas Jendrusch Hans Herbert Diehl zu, der den Bertrand gibt, einen etwas älteren, etwas schrulligen Professor, alleinstehend. Paris, im August, leer, alle Welt am Meer: Eine Überschwemmung bedroht Bertrands Bücher- und Bastelrefugium. In der Wohnung über ihm hat Sophie ihre Badewanne überlaufen lassen. Nicht einfach mal so. Ausgerechnet an ihrem 40. Geburtstag will sie ihrem Leben ein Ende setzen. Nur eine Freundin hält die frustrierte, von all den Männern enttäuschte Lebedame telefonisch davon ab: Sophie soll den ersten Mann zu verführen versuchen, der ihr begegnet.

Diese Sophie, den lebensmüden Vamp, spielt Esther Barth. Birgit Heintel, die Regionentheater-Produzentin, kennt sie von gemeinsamen Zeiten an der Berliner Schauspielschule Reduta. Nach Engagements am Ost-Kult-Zentrum Tacheles, Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief bei einem Projekt in Duisburg, Stationen in Bautzen und Wien steht die noch nicht ganz 40-jährige jetzt vor allem in Hamburg auf der Bühne.

Der gebürtige Hesse Hans Herbert Diehl hat auch ungefähr das Alter seiner Figur Bertrand. Neben seine Bäckerlehre nahm er einst in Gießen Ballettunterricht und ließ sich dann an der Frankfurter Musikhochschule zum Tänzer ausbilden. Schon bald aber zog es ihn auch zum Schauspiel. Das schweizerische Basel, der Oberrhein waren Schwerpunkte seiner Engagements, aber auch die Kinder- und Jugendtheater in Heilbronn und Speyer.

Sein Bertrand, dieser Einzelgänger, der seine Ruhe haben will, an seinen Marionetten bastelt und mit den Frauen sowieso fertig ist, stürmt also wütend hinauf in Sophies Wohnung, woher das Wasser kommt. Eine praktische Drehbühne hat sich das Regionentheater da zimmern lassen, vorne Sophies, hinten Bertrands Wohnung und umgekehrt. Das so gegensätzliche Duo, in praktischen wie in Herzensdingen eher ungeschickt – daher die „Vier linken Hände“ – kommt sich dann doch schnell näher.

Er ruiniert sich ein paar Finger als hilfsbereiter Renovierer, sie malträtiert ihn mit ihren exotischen Kochkünsten. Nur sehr bedingt hilft der strömende Champagner, die afrikanischen Vorspeisen, indonesische Suppen oder mexikanische Fleischbällchen hinunterzuspülen. Bertrand versucht, den ungenießbaren Fraß dann anders zu entsorgen. So etwas könnte leicht in derben Klamauk ausarten, wären da nicht funkelnde Dialoge, ein trockener Humor und jede Menge raffinierte Situationskomik, die ein genaues Timing erfordern.

Das Zwei-Personen-Stück verlangt auch über anderthalb Stunden hinweg eine fein dosierte Präsenz von Esther Barth und Hans Herbert Diehl. Die tänzerische Leichtigkeit, die er beim Ballett gelernt hat, kann ebenfalls nicht schaden, um den luftigen französischen Esprit von Pierre Chesnot auszuspielen, der auch in der deutschen Fassung erhalten geblieben ist. Esther Barth, in Trier geboren, ist im Französischen so daheim, dass sie auch manchem Wortwitz nachspüren kann, der auf Deutsch nicht ganz so brillant aufblitzen kann wie im Original.

Dankbare Rollen sind der lebensmüde Vamp und der kauzige Professor trotz aller Anstrengung allemal. Damit das Leichte dann auch federleicht daherkommt, feilen und polieren Ester Barth und Hans Herbert Diehl mit Regisseur Andreas Jendrusch schwer auch noch an den kleinsten Nuancen, damit die verschobene Premiere im Simmersfelder Festspielhaus um so mehr glänzen kann.

(aus: Schwarzwälder Bote vom 17.3.2016)

Endproben

Es geht auf die Premiere zu. Langsam wünsche ich mir Sommer. Der Schnee schmilzt vor sich hin, aber es ist jetzt kalt und grau. Sophie hat nun ein Kostüm mit Schmuck, Schminke und Frisur wurden festgelegt und nach und nach versammeln sich auch die Requisiten auf der Bühne im Festspielhaus. Charakterlich entwickelt Sophie sich zu einem sympathischen Vamp mit depressiven Verstimmungen. Manchmal denke ich über meinen tatsächlich bevorstehenden vierzigsten Geburtstag nach. Hätte ich gute Gene, wäre ich bei dem schwarzwäldischen Sportpensum, das mir das Setting hier trotz allem erlaubt, inzwischen eine Gazelle …

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In 5 Tagen ist es soweit:

Vier linke Hände ist on stage!

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Das Festspielhaus bei Nacht

Das Festspielhaus bei Nacht

Dicke Fische

Ich bin so dankbar, dass ich hier sein kann. Dieser Wald! Dieser gigantische Wald! Immernoch verzaubert ihn eine Decke aus weißem Pulverschnee. Das ist unglaublich praktisch, wenn man sich verläuft. Zur Not kann man seine Spur im Schnee wieder aufnehmen.

Neben den Proben bleibt nicht nur Zeit für Waldspaziergänge, sondern auch für Bewerbungen nach Frankreich und Klönschnack mit dem Kollegen. Ausserdem können wir die anderen Veranstaltungen im Festspielhaus besuchen. Gestern zum Beispiel: Dicke Fische. Auf zwei Gitarren und einem Kachon (schreibt sich das so??) produzieren diese Musiker eine Mischung aus Reggae, Pop und spanischer Flamenco-Musik. Spätestens zur Pause ist auch das Publikum beschwingt genug, um sich akustisch bemerkbar zu machen und im Takt der Musik Hände, Schultern oder Hüften zu schwingen. Den meisten Mittfünfzigern im Saal würde ich eine Hippie-Vergangenheit andichten. Die Menschen im Zuschauerraum wirken ein bißchen wie das süddeutsche Pendant zu den Wendländer Castor-Gegnern, die ihre ganz eigene Subkultur ja größtenteils als Zuwanderer dort begründet haben. Auch die Simmersfelder Kultur Werkstatt war eine Idee von Zuwanderern aus umliegenden Städten. Beide finde ich übrigens sympathisch, die Veranstalter der kulturellen Landpartie im Wendland genauso wie das Simmersfelder Publikum.

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Heute gehört die Bühne wieder uns. Ich werde also gleich meine Versicherungsnummer raussuchen und für meinen Nachbarn Bertrand ausländische Köstlichkeiten zubereiten, um ihn davon zu überzeugen, dass reisen sich lohnt …

Vorübergehend Schwarzwaldmädel

Noch auf die Zu- oder Absage eines Vorsprechens vom Januar wartend, komme ich jetzt unverhofft in den Genuss von Schwarzwald reloaded …

Bis auf die Vertrautheit mit diesem Vorspann, der fast die kompletten 80er mein Kinderherz höher schlagen ließ, hatte ich bis jetzt keine Verbindung ins Ländle. Dafür war ich in jungen Jahren sogar quasi Sascha-Hehn-Fan – ein Fehltritt, der hoffentlich mittlerweile verjährt ist. Jedenfalls sah ich mich schon hier auf dem Beifahrersitz sitzen, als mir im Alter von etwa 8 Jahren zum ersten Mal in den Sinn kam, dass Schauspielerin ein schöner Beruf wäre …

Nun werde ich zwar keine Spritztour im Brinkmann’schen Golf Cabrio unternehmen, aber ich darf nun den Schwarzwald ein bißchen live und in Farbe kennenlernen. Ich habe dort nämlich ein Blitzengagement. Und das kam so:

Dienstag: Nachricht einer Komilitonin, mit der ich annodazumal in Berlin studiert habe. Sie habe eine Frühjahrskomödie zu besetzen, und zwar fast sofort. Ob ich denn nicht …

Mittwoch: Kurze Recherche über das Regionentheater im schwarzen Wald. Die Videomittschnitte im Internet finde ich überzeugend dargeboten, sie treffen meine theatrale Ästhetik und ich mag die Stückauswahl. – Ausserdem bin ich überwältigt, dass die beiden Gründer in nur 2 Jahren ein gutes funktionierendes Gastspieltheater aufgebaut und in diesem Zeitraum, wenn ich das jetzt richtig erinnere, ganze 8 Premieren gespielt haben.

Donnerstag: Kurzes Telefonat mit meiner Ex-Mitschülerin, was ich eh witzig fand, denn wir hatten uns seit fast 15 Jahren nicht persönlich gesprochen. Etwas längeres, aber auch nicht wirklich abendfüllendes Telefonat mit dem Regisseur und Buchung einer Fahrt in den Schwarzwald.

Freitag: Ich zeige unseren Touristen bei leicht regnerischer Wetterlage noch schnell Hamburg – business as usual – und mache mich auf den Weg mit der Mitfahrgelegenheit nach Leonberg, wo ich dann liebevoll eingesammelt werde. Plausch und Wiedersehensfreude … wie’s halt so ist. Noch fühle ich mich überfordert von der Vorstellung, innerhalb von Tagen meinen Kram zu organisieren und die nächsten 4 Wochen nicht nach Hamburg zurück zu kehren.

Samstag: Mini-Sight-Seeing in Simmersfeld und Arbeitstreffen mit dem Regisseur, in welches ich unvorbereitet starte, aber mit großem Vergnügen. -Auf einmal bin ich überzeugt, dass ich das will! –

Vier Wochen bezahlter Urlaub auf dem Land, arbeiten an einem Projekt – und NUR an einem, unbehelligt von Anfragen, wer heute den Tourbus abholt, ob ich nochmal schnell für einen Retake ins Synchronstudio komme, dem Hin- und Herschieben von Terminen und dem Spielen und Proben mehrerer Produktionen gleichzeitig, die on top noch erfordern, Stadtrundfahrten zu moderieren, weil die Honorare nicht reichen … das allein ist schon eine verlockende Aussicht.

Ausserdem hat mich der Schwarzwald verzaubert (da sieht’s übrigens wirklich so aus wie bei Brinkmanns) – und, was vielleicht sogar am schwersten wiegt, ich hatte intuitiv den Eindruck, dass das mit den Kollegen vor Ort prima klappt und unsere Idee von Theater viele Schnittmengen aufweist. Ja, denke ich plötzlich, da hab ich Lust drauf. Genau das denkt zeitgleich der Regisseur und die Sache ist abgemacht.

So kommt es, dass mein Weg nach Frankreich jetzt über den Schwarzwald führt – ist ja auch eine sinnvolle Route, das Elsass ist von da aus nicht mehr weit. Am Donnerstag geht es los und ich lade schonmal herzlich ein zur Premiere von „Vier linke Hände“ am 17.3.2016 im Festspielhaus Simmersfeld.

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mit der Kulturbahn geht es am Donnerstag wieder ins Ländle …

Das Thema des Oeuvres stimmt übrigens auch: Ich spiele eine in Paris badende Frau, die ihren vierzigsten Geburtstag feiert.

NDR- Norddeutscher Dumping Report

Der im folgenden zitierte offene Brief an den NDR kursiert zur Zeit in den social medias. Ich möchte ihn hier teilen, weil ich genau wie die Kollegen einigermaßen bestürzt bin über die Annahme des NDR – immerhin ein öffentlich-rechtlicher Sender für dessen Bestand wir alle GEZ zahlen und so weiter – man könne Mitschnitte künstlerischer Programme einfach unvergütet senden.

Was ist passiert?
Das Künstlerehepaar Jennifer und Michael Ehnert erhält eine Anfrage vom Norddeutschen Rundfunk mit dem Anliegen, ihr Kabarettprogramm aufzuzeichnen und anschliessend zu senden. Es finden einige Vorbereitungen statt, etwa eine Spielortbesichtigung, wobei das Ehepaar aufgrund vorangegangener Zusammenarbeit mit dem NDR voraussetzt, dass eine Vergütung für den Dreh eingeplant ist, deren Höhe zu verhandeln ist. Bei späteren Verhandlungen ihrer Agentur mit den NDR-Vertretren stellt sich jedoch heraus, dass das vom NDR eingeplante Honorar ganze null Euro beträgt.

Der Argumentation meiner Kollegen in ihrem offenen Brief, mit dem sie auf die Sache reagieren, ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Offener Brief

Hamburg, 17. Januar 2016

Sehr geehrter Herr Marmor,

am 23. Dezember des vergangenen Jahres hat sich die NDR Fernsehredaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ entschieden, unser Kabarett-Schauspiel „Zweikampfhasen“ aufzuzeichnen, um es dann anschließend im NDR-Fernsehen zu senden. Darüber haben wir uns sehr gefreut.

Direkt anschließend haben dann auch schon die ersten Organisationsschritte stattgefunden: Wir haben mit dem Stadttheater Elmshorn eine schöne Location gefunden und mit Vertretern der NDR-Redaktion eine erste Spielort-Besichtigung vorgenommen. In den ersten Tagen des neuen Jahres kam es dann unverzüglich zu einem Telefonat zwischen unserer Agentur und der Produktionsleitung, um nun auch die vertraglichen Aspekte der Fernsehaufzeichnung zu klären. Da wir in den letzten 16 Jahren schon sieben ähnliche Kooperationen mit dem NDR gemacht hatten, schien es uns bei den anstehenden „Verhandlungen“ nur noch um einzelne Details zu gehen.
Von dem Honorar, das üblicherweise vom NDR für eine solche Theater-Aufzeichnung gezahlt wurde, konnten bisher der Regisseur, der Autor, die Schauspieler, der Komponist und die Produzenten des Stückes wenigstens halbwegs angemessen bezahlt werden.

Das Angebot der NDR-Programmredaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ für die jetzige Aufzeichnung belief sich dann auf 0 (in Worten: null) Euro.

Das hat – um es einmal sachlich auszudrücken – einiges Unverständnis in uns ausgelöst.

Wir möchten jetzt nicht näher auf Kommunikationsversäumnisse eingehen, dass es zum Beispiel seitens der Redaktion gut gewesen wäre, schon bei der ersten Begegnung zu sagen: „Wir möchten euer Programm aufzeichnen, aber dafür nichts bezahlen.“ Beide Seiten hätten sich dann weitere Vorbereitungsarbeiten sparen können, denn natürlich hätten wir solch ein Anliegen sofort zurückgewiesen.

Doch es geht hier um mehr.

Die Argumentation der Redaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ ist nämlich die, Zitat (aus der Erinnerung): „Es hat doch einen Werbeeffekt für Sie, wenn wir Ihr Programm senden!“ – Das ist sicher richtig, gilt aber für BEIDE Seiten. Das heißt wir Künstler bekommen mit der Ausstrahlung unseres Stückes im NDR zwar eine größere Aufmerksamkeit, aber auch der NDR bekommt durch uns Künstler eine Erweiterung seines Portfolios.
Und ob sich dieser mutmaßliche „Werbeeffekt“ für uns Künstler irgendwann auch finanziell auszahlt, ist durchaus fraglich, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass ein NDR-Zuschauer, der sich unser Programm im Fernsehen ansieht, es sich anschließend nicht noch einmal live in einem Theater ansehen wird; wir verlieren also potenzielle, zahlende Theaterzuschauer.

Dieser so genannte „Werbeeffekt“ ersetzt also nicht ein ernst zu nehmendes Honorar. Man käme beim NDR ja auch nicht auf die aberwitzige Idee, Til Schweiger zu fragen, ob er unentgeltlich einen NDR-Tatort-Kommissar spielen möchte, um damit in Zukunft seine Kinofilme besser bewerben zu können. Das ist Quatsch!

Ein weiteres Argument der Redaktion war, dass wir unser Stück doch „sowieso“ spielen, dann könne der NDR es doch auch mitschneiden. Ein interessantes Konzept. Vielleicht können wir auf unserer nächsten Tournee in den ICE nach München steigen und dem Kontrolleur sagen: „Wieso sollten wir Fahrkarten lösen, der Zug fährt doch sowieso!?“

Und zu guter Letzt hieß es, diese vom NDR vorgeschlagene unentgeltliche Zusammenarbeit sei ja vielleicht auch nur der Einstieg in eine weitergehende, zukunftsweisende Zusammenarbeit mit dem NDR.
Was soll das für eine Zusammenarbeit sein? Wir entwickeln und finanzieren Kultur und stellen diese dann dem NDR kostenfrei zur Verfügung? Sind wir Sponsoren des NDR?

Selbst wenn wir einmal davon absehen, dass es extrem demütigend ist, als gestandener Künstler und langjähriger NDR-Kooperationspartner auf den Status eines Praktikanten heruntergestuft zu werden, so bleibt immer noch die Frage, was denn nun das Zukunftsweisende und Innovative sein soll, was die NDR-Redaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ zu bieten hat?

Kunst wird aufgezeichnet und gesendet, aber nicht mehr bezahlt?! Das ist genau genommen Medienpiraterie. Der einzige Unterschied zum kriminellen Hacker, der sich unentgeltlich Filme oder Musik herunterlädt, ist, dass der NDR die Künstler nötigen möchte, eine Einverständniserklärung für diesen Kunstraub zu unterschreiben.

Das ist mit uns nicht machbar.

Die unentgeltliche Zurverfügungstellung künstlerischer Arbeit ist ein sehr großer Schritt in eine völlig falsche Richtung.

Unserem Wissen nach ist die Aufgabe des großen NDR-Apparats, den Zuschauern neben Information und Sport auch hochwertiges Unterhaltungsprogramm zu liefern. Dass es innerhalb des NDR-Apparats möglicherweise Notwendigkeiten gibt, Kosten zu minimieren, um dieser Aufgabe auch in Zukunft gerecht werden zu können, können wir uns vorstellen. Aber das kann und darf doch nicht dazu führen, dass das eigentliche Endprodukt, der zentrale Grund, warum Menschen das NDR-Fernsehen einschalten, nämlich die kreative Arbeit vor der Kamera gar nicht mehr bezahlt wird.

Wenn unsere kulturelle Leistung, die Arbeit von freischaffenden Schauspielern, Autoren, Regisseuren, Komponisten und Produzenten nur noch als „weicher Kostenfaktor“ gesehen wird, den man beliebig reduzieren kann, ist das der künstlerische Ausverkauf, an dessen Ende ein gut ausgestatteter NDR-Apparat steht – mit Hobbykünstlern und Laiendarstellern vor der Kamera.

Das können Sie nicht wollen.

Wir haben die Form des Offenen Briefes an Sie gewählt, weil es hier nicht nur um unseren speziellen Einzelfall geht, um eine einzelne missglückte Kooperation im redaktionellen NDR-Tagesgeschäft, sondern um gängige Praxis in einer Vielzahl von Fällen.

Wir sehen hoffnungsvoll und interessiert Ihrer Antwort entgegen, in der Sie sich für eine adäquate Bezahlung der selbständigen Kreativen, Künstler und Kulturschaffenden aussprechen und diesen Worten strukturell Rechnung tragen.

Außerdem verbinden wir mit diesem Offenen Brief die Hoffnung, dass auch andere Künstler eine Zusammenarbeit mit dem NDR zu diesen Null-Konditionen verweigern.

Mit freundlichen Grüßen

Jennifer & Michael Ehnert

Bestürzend ist der Vorfall vor allem vor dem Hintergrund, dass es allgemein in Mode gekommen ist, die Berechtigung von Vergütung für künstlerische Arbeit respektive ihrer Zurverfügungstellung für Veröffentlichungen aller Art anzuzweifeln. Selbst im Kollegenkreis erlebe ich immer wieder Leute, die die Auffassung vertreten, No-und Low-Budjet Angebote seien unproblematisch, denn immerhin könne der Künstler ja jederzeit nein sagen, wenn er mit den Konditionen nicht einverstanden ist. Letzteres ist zwar korrekt, allerdings würde in keinem anderen professionellen Bereich die Notwendigkeit bestritten, sich (ob als Freiberufler oder Arbeitnehmer) Lobbys zu schaffen, um die gemeinsamen Interessen gegenüber sagen wir „mächtigen“ Auftraggebern stark genug vertreten zu können. Als Individuum wird man der Tendenz zum Dumpingpreis nie effektiv entgegen wirken. Deshalb organisieren sich auch Freelancer in Gewerkschaften und gewerkschaftsähnlichen Verbänden. Unter Künstlern, insbesondere den darstellenden, gibt es derer bis heute zu wenig. Zwar unternehmen Verbände und Initiativen wie der bffs oder art but fair Ansätze in die richtige Richtung, werden aber dabei paradoxerweise sogar aus den eigenen Reihen torpediert oder verheddern sich in internen Streitigkeiten um Kleinkram. Das ist schade, denn eine angemessene Vergütung unserer Arbeit sollte doch ein unstrittiges Anliegen sein.

Ich persönlich wettere übrigens nicht gegen Low-Budjet-Produktionen, an denen keiner der Beteiligten verdient. Ich habe selbst schon Produktionen umgesetzt, die vor dem Hintergrund fehlender oder minimaler Subventionen nur unter der Voraussetzung verwirklicht werden konnten, dass die Beteiligten auf gute Bezahlung verzichten. Andernfalls hätten diese Produktionen schlichtweg nicht stattgefunden. Eine Institution wie der NDR hingegen müßte kaum auf die Ausstrahlung ihres Programms verzichten, wenn sie die beteiligten Künstler bezahlt.

In diesem Sinne gilt meine Solidarität den Zweikampfhasen.

Respirer Paris

Mit dem heutigen Datum kann man eigentlich nichts veröffentlichen, ohne dass der 7. Januar 2015 zumindest Erwähnung findet. Besonders wenn der Schauplatz des Artikels Paris ist, jene Stadt, deren mediale Präsenz im vergangenen Jahr bedauerlicherweise hauptsächlich im Zusammenhang mit terroristisch motivierten Attentaten stand.

Charlie-Hebdo-Cover-full-January-7-2016           On est Charlie. Toujours.

Der folgende Bericht hätte allerdings an jedem anderen Tag veröffentlicht werden können, die Koinzidenz ist zufällig.

Voilà, c’est fait. Mein erstes Vorsprechen im Ausland.

Ich habe lange überlegt, ob ich hinfahre, weil sich nach dem ersten Adrenalinaufkommen, einigen Freudentränchen und einem inneren Tänzchen um mein Handy unmittelbar nach der – in der S-Bahn gelesenen –  Einladungsmail doch große Versagensängste breit gemacht haben. Eine Kettenreaktion von Bedenken läßt mich den Flug nach Paris in allerletzter Minute buchen:
War diese Bewerbung nicht vermessen vor dem Hintergrund meiner nur rudimentär vorhandenen Spielerfahrung in französischer Sprache?
Nicht dass ich am Ende noch am Verständnis der Aufgabenstellung scheitere – angekündigt waren 2 lange Audtion-Tage mit Improvisationsaufgaben rund um Manipulation und Selbstachtung im Zusammenhang mit Radikalisierung und islamistischem Terrorismus. Notiz am Rande: an dieser Stelle fällt mir plötzlich auf, dass sich doch ein thematischer Zusammenhang zum heutigen Datum herstellen läßt.Weiter im Text …
Lohnt der Aufwand in Anbetracht der sehr geringen Erfolgswahrscheinlichkeit, ja, kann ich mir solche Vergnügen überhaupt leisten, wo ich eh in einem monetären Hamsterrad stecke und dem Eindruck unterliege, permanent arbeiten zu müssen, um entspannt meine laufenden Kosten zu decken?
Und überhaupt, Moment mal, was mache ich denn, wenn die mich wollen und ich dann alle Nase lang nach Frankreich muß, um an einem zwar künstlerisch unschlagbaren, aber mäßig bezahlten Probenprozeß teilzunehmen – kann ich mir DAS leisten?

Schließlich siegt der Gedanke, dass kneifen noch viel beschämender wäre. Und let’s face it, wenn man mit 40 nicht langsam mal anfängt, seinen Auslandsplänen ein real existierendes Fundament unterzusetzen, wird ihre Umsetzung nicht unbedingt wahrscheinlicher. Also rufe ich meine Tante in Antony an, kündige mich für den nächsten Tag an und buche einen Flug.

Praktischerweise liefert mir meine französischsprachige Familie die Gelegenheit, schonmal ein bißchen in die französische Sprach- und Redekultur einzusteigen. Überhaupt sehe ich diesen Teil der Familie entfernungsbedingt viel zu selten und finde es prima, Zeit mit ihnen zu verbringen und mich über Zukunkfts- und Familienplanung meiner jungen Cousins updaten zu lassen.

Das Vorsprechen selbst beginnt damit, dass ich mich verlaufe und feststelle, dass die rue Willy Brandt Frankreichs Antwort auf Bielefeld zu sein scheint. Keiner kennt diese Straße – und selbst als ein besonders hilfsbereiter Monsieur sein GPS System bemüht, taucht sie nirgendwo auf.  Dabei hatte ich diesem Schauplatz bereits eine signifikante Bedeutung zugemessen und fühlte mich als Deutsche schon gar nicht mehr ganz so fremd. Als ich mir bereits wünsche, das Vorsprechen möge bei Georges Boisseau stattfinden, durch dessen Strasse ich bis dahin fünf- bis sechsmal marschiert war, lotst mich der vermutlich einzige ortskundige Einwohner Clichys dann doch noch zur richtigen Adresse und es kann losgehen.

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben kein vergleichbares Vorsprechen absolviert. Die Gruppe besteht aus über 30 Personen – in Frankreich wie hier deutlich mehr Frauen als Männer – und die Arbeit miteinander ist sofort superintensiv und irgendwie vertraut. Wenn ich die Kollegen auf der Bühne beobachte, entsteht der Eindruck, sie würden seit Monaten miteinander arbeiten. Ich bin ausnahmslos begeistert über die Intensität, die Glaubwürdigkeit und die Phantasie ihres Spiels. Und ja, ich nehme selbst teil an langen, intensiven Improvisationen, zu zweit, zu dritt und im großen Ensemble. Was ich liefere, ist mit Sicherheit nicht die Performance meines Lebens, denn natürlich bin ich limitiert, was die Sprache betrifft, kann also im Redetempo nicht immer ganz mithalten und lege meine sämtlichen Figuren entsprechend langsamtickend an. Mich nervt später auch ein bißchen, dass ich mich bei der anschliessenden Besprechung eigener Ideen zurück halte, weil ich glaube, die meinen nicht eloquent genug formuliert zu kriegen. Retrospektiv denke ich, ich hätte da mutiger sein können. Aber hey, vor dem Hintergrund all dieser Einschränkungen und meinen vorangegangenen Ängsten ist das Ding – um mit unserem sogenannten Pop-Titanen zu sprechen – hammermäßig gelaufen und ich hatte einige der schönsten Stunden meines Schauspielerlebens. Ehrlich. Das liegt unter anderem an meinen großartigen französischen Kolleginnen und Kollegen, die nicht nur ausnahmslos gute Schauspieler sind, sondern dafür sorgen, dass kein Fremdkörpergefühl entsteht, obwohl ich erwartungsgemäß die einzige nicht in Frankreich sozialisierte Ausländerin bin.

Dieses Gefühl setzt sich bei der gemeinsamen Rückfahrt im RER fort und befeuert meine Lust, hier in Frankreich was zu machen künstlerisch. Inzwischen bin ich auch überzeugt, dass die Fundamente meiner Kommunikationsfähigkeit stabil genug sind, um darauf aufbauen zu können. Ja, ich traue mich sogar am nächsten Tag, in einen längeren Diskurs über Hitler und die Front National einzusteigen. Ich mache nämlich noch ein bißchen die Touristin, mache Selfies, schreibe eine Postkarte an Opa und flaniere durch Paris. Dabei bleibt es als alleinreisende Frau unter 70 ja nie aus, von verschiedensten Männern in Gespräche verwickelt zu werden – mit dem Ziel der Anmache, versteht sich, ils sont des dragueurs quand même, les français. Einer davon schenkt mir eine Rose, ein anderer juchzt entzückt auf, als ich mich als Deutsche entpuppe (beide halten mich zunächst für eine Belgierin). Letzterer teilt mit, dass er eine Schwäche hat für alles, was deutsch ist und begründet das damit, dass Adolf (H)itler zwar Fehler gemacht, aber im Grunde eine prima Alternative zur Omnipotenz jüdischer Machthaber angeboten habe. Ich erspare Euch die Details der folgenden Auseinandersetzung – wäre rahmensprengend und nicht sonderlich amüsant. Nur so viel: Auch solche Gesprächsinhalte sind irgendwie machbar inzwischen, wenn auch mit Luft nach oben, was Stil und Präzision der Argumentationsführung betrifft.

Den Konkurs ums größte Sympathie- und Unterhaltungspotential gewinnt der Typ mit der Rose, den um das gelungenste Selfie die folgende Aufnahme inklusive selbiger:

Selfie rose

Im Übrigen beobachte ich eine hohe Polizeipräsenz auf den Strassen, passiere auf dem Weg zum Vorsprechen by the way das Stade de France in Saint Denis, wo die Anschläge des 13. November begonnen haben, vermerke entzückt, dass die Touristen-Doppeldecker in Paris noch offen fahren und weniger entzückt, dass sie keine Live-Moderation anbieten wie hier in Hamburg, so dass eine solche als Option für einen Job in der französischen Metropole ausfällt – entdecke aber schließlich eine attraktiv anmutende Alternative: das Théatre de la Huchette.

Théatre

Dies ist nicht das Theater, wo ich vorgesprochen habe, aber ein besonders niedliches im Herzen von St Michel

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Begegnungen mit so Uniformierten – les flics, wie der Franzose sie nennt – sind zur Stund Alltag in den Strassen von Paris

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Keine Live-Moderation, aber offenes Dach unf WiFi an Bord sowie einen Getränkeautomaten. Dafür zahlt man aber auch im Vergleich zu unseren Doppeldeckern den doppelten Preis für so eine Rundfahrt. Und nein, ich habe hier keine Stadtrundfahrt gemacht – weder zuhörend, noch sprechend.

Zurück in Hamburg ist es bereits bitterkalt, und während man in Paris noch draußen in den Cafés sitzt, stülpe ich mir am Flughafen Schal, Mütze und Handschuhe über und entscheide mich für einen zweiten Pullover, während ich die Treppen in Richtung Rollfeld hinuntergleite – Willkommen zu Hause.

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Das Rennen um die Rolle in Paris habe ich dieses Mal nicht gemacht. Aber das ist in Ordnung, denn egal welche Kollegin es geworden ist, sie haben es alle verdient. Und ich weiß jetzt, dass ich mich weiter in Richtung Ausland bewerbe.

Tausend mal Willkommen

Wie muß es sich anfühlen, wenn man aus Syrien nach Deutschland geflohen ist, nachdem Frau und Kinder zu Hause erschossen wurden, wenn man dann alleine ankommt in einem Land, dessen Kultur fremd ist und dessen Sprache man nicht kennt? Im schlimmsten Fall landen Flüchtlinge in Freital, wo geifernde Ost-Prekkies sie als „Dreckspack“ beschimpfen und sich nicht scheuen, Auschwitz und Dachau als Alternative zur Flüchtlingshilfe vorzuschlagen. Aber selbst die Hamburger Schickeria im Harvestehuder Weg reagiert empört auf die Vorstellung, ihren schmucken Porsche vor einem Flüchtlingsheim parken zu müssen.

Während das Blog Perlen-aus-Freital sich darauf beschränkt, rassistische Stimmen zu sammeln und in ihren extremsten Ausläufern zu veröffentlichen, möchte der Blogger Lutz mit seinem Blog 1000mal Willkommen denjenigen eine Stimme geben, die ja sagen zu den Menschen, die zu uns kommen, weil ihr Leben und ihre Menschenwürde in ihrem Land bedroht sind. Ich wünsche mir, dass diese Botschaft bei den Adressaten ankommt und dass die Menschen, die vor Krieg, Hunger, Folter und Mißhandlung flüchten mussten, hier in Deutschland einen Ort finden, der sich eines Tages nach zu Hause anfühlen kann.

welcome