Hamburg, meine Perle

Meine Stadt ist im Ausnahmezustand.
Ich bin nicht vor Ort und empfinde die Kombination aus Berichterstattung und Eindrücken von Freunden als sehr surreal. Selbst hier in Paris sind die Ausschreitungen Thema, auf allen sozialen Netzwerken strömt eine wilde Flut an Eindrücken und Stellungnahmen auf mich ein, zum Teil eher aus der Perspektive der eigenen kleinen Erlebniswelt, zum Teil vor dem Hintergrund globalpolitischer Ansichten und Schlussfolgerungen.
Mich macht in der Ferne vieles davon wütend. Sowohl die Position derer, die einen monokausalen Zusammenhang herstellen zwischen polizeilichem Fehlverhalten und der dann folgenden Eskalation als auch die Stimmen aus den Reihen der Rechtskonservativen, die die Ereignisse für einen generellen Feldzug gegen die „Linke“ instrumentalisieren. Fragt sich nur, was „links“ daran sein soll, die Schaufensterscheibe eines Spielwarengeschäfts einzuschlagen, Kleinwagen in Brand zu stecken und Verkehrsschilder zu demolieren. Mich nervt die überzogene, pauschale Behauptung, wir lebten in einem Polizeistaat, welcher das Recht auf friedliche Demonstrationen immer und grundsätzlich verwehrt und sich überall und bei jeder Gelegenheit eskalationsfördernd verhält. Ich bezweifle, dass die selbsternannten Verteidiger einer gerechten Weltordnung von Unruhen abgesehen hätten, wenn sich die Polizei nur korrekt verhalten hätte. Und ich bin recht froh, nicht in Saudi Arabien zu leben, wo eine so weitgehende Kritik am Staat in der Tat ihre Berechtigung hat. Gleichzeitig nerven mich aber auch die gefolgstreuen Gartenzwergbesitzer, die an anderer Stelle Hartz-4-Empfänger und Flüchtlinge für ihre steuerliche Überbelastung verantwortlich machen und hier jetzt jeden, der das polizeiliche Vorgehen in Hamburg als suboptimal bewertet, der linksradikalen Szene zuordnen, zumal ja auch aus den eigenen Reihen Kritik laut wird. Mich nerven auch diejenigen, denen es egal ist. Oder die, die in Winterhude Süd wohnen und sagen, regt Euch nicht auf, auf dem Mühlenkamp ist alles friedlich und die Berichterstattung über bürgerkriegsähnliche Zustände ist sensationsheischende Panikmache.

Die Zerstörungswut unter dem Deckmantel der Menschenrechte nervt mich sowieso. Mehr als das. Abgesehen davon, dass es ziemlich absurd anmutet, sich für die Rechte von Menschen einzusetzen, deren Kiosk man gerade verwüstet hat, macht es traurig, dass Menschen quasi um ihre Existenz gebracht worden sind, die an sozialer Ungerechtigkeit mit Sicherheit keinen Anteil haben. Das Ergebnis von alledem hat die soziale Ungerechtigkeit auf der Welt jedenfalls – wenn überhaupt – lediglich einer Verschlechterung zugeführt.

Couragierter und zielführender sind die zehntausend Hamburger, die sich heute freiwillig und, wie berichtet wird, gut gelaunt, zum Aufräumen getroffen und dem Desaster eine konstruktive Maßnahme entgegen gesetzt haben. Auch das löst die zurecht kritisierte soziale Schieflage der Weltpolitik nicht in Luft auf, aber die dahinterstehende Haltung ist mit Sicherheit solidarischer als sinnloser Vandalismus.

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Paris rockt … und stresst.

Gestern habe ich die erste Shisha meines Lebens geraucht. Ich bin Fan! Es war ein eher guter Tag in Sachen Kommunikation, auch wenn es mir  immernoch Mühe bereitet, einer Kommunikation unter Franzosen zu folgen und beizuwohnen.

Shisha rockt

Ich hatte mir vorgestellt, in wenigen Wochen zumindest als angelernte Französin durchzugehen und mit entwaffnender Leichtigkeit durch die Wirren der hiesigen Redekultur zu flirren. Tatsächlich fühle ich mich noch immer als uneleganter Fremdkörper jeder Unterhaltung und schneide nur zwischen 60 und 90 Prozent des Gesagten mit, je nach Gesamtumständen und Gesprächsthema. Eher niedrigschwellig sind Kleingruppengespräche über die Themen Kultur und Theater oder Liebe, Sex und Beziehung. Hardcore: eine große Gruppe französischer Muttersprachler in einer laut beschallten und überfüllten Bar an einer dicht befahrenen Strasse spricht entweder über ungarische Aussenpolitik oder aber über Medienkram und Persönlichkeiten, die in Deutschland keine Sau kennt – beziehungsweise über international bekannten Medienkram und Persönlichkeiten, deren Namen, von Franzosen ausgesprochen, unverstehbar sind (wie etwa die Bee Gees, Hollywood oder Andy Warhol).
Das Gefühl, kommunikativ unterlegen zu sein, ist mir ausgesprochen fremd und irritiert mich, um nicht zu sagen läßt sich kaum aushalten. Gleichzeitig käme eine Rückkehr zu den eigenen Leisten, wo es sich unbeschwert plaudern und streiten läßt und Schlagabtäusche leichtfüßig über die Lippen flutschen, einer Niederlage gleich, und so überwiegt der Ehrgeiz das Heimweh.

Paris ist zweifellos genial. Die literarsichen Liebeserklärungen aus aller Welt laufen gewiss nicht fehl. Diese monumentalen Plätze und Flaniermeilen, die winzigen ruelles, in denen alte Häuser mit hübschen Fassaden und Retrolaternen stehen und wo das Kopfsteinpflaster für Komfortverlust und romantische Wallungen zugleich verantwortlich ist, die unendlich vielen Bars und Theater und Crêperien und kleinen Läden, die durch die allgemeine Enge und die höhere Intensität an Chaos eine besondere Art der Lebhaftigkeit vermitteln, anders als das bunte Treiben auf den weitaus breiteren und in gewisser Weise sogar aufgeräumteren Strassen Berlins. All das ist großartig und faszinierend. Und gleichzeitig macht es mich fertig, dass einen in Paris das ständige Gefühl von eingeklemmt, umgerannt und blockiert werden begleitet. Völlig egal, ob man auf dem Fahrrad, im Auto, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß unterwegs ist, überall versperren andere Menschen, andere Fahrzeuge und sonstige Hindernisse den Weg. Man kommt nicht voran, und es fehlt einfach überall „space“ – inklusive der Wohnsituation, die hier im Allgemeinen beengter ist, als wir Deutschen das gewohnt sind.

Gleichwohl liefert Paris einen bemerkenswerten kulturellen Overkill. Ich habe noch nie so viele, charmante kleine und große Theater auf so kleiner Fläche gesehen. Diese Orte reihen sich in vielen Strassen wie an einer Perlenkette auf; der Spaziergang von Notre Dame über den Louvre bis hin zum Arc de Triomph ist einfach gigantisch und bei einem Rundgang durch das edle SaintGermain-des-Prés erwähnte unsere Gästeführerin, es gäbe zu jedem einzelnen Gebäude eine historiengeschwängerte Story. Man kann sich nicht satt sehen an der beleuchteten, nächtlichen Seine-Promenade und begegnet überall Menschen, die plaudern wollen und gelegentlich sogar etwas hörenswertes zu erzählen haben.
Natürlich ist es auch sehr international hier, so dass man im Grunde sein Dasein ausschliesslich mit ebenfalls Zugewandereten aus aller Herren Länder verbringen könnte. Das würde das Gefühl des Fremdseins eventuell minimieren.

Ich hingegen bin geneigt, mich mit Franzosen zu umgeben – oder zumindest solchen, die in Paris nicht nur auf der Durchreise sind. Und da wird es dann schon schwieriger, Aufnahme zu finden in schon bestehende Kreise. Gar nicht einmal, weil die Leute unwillig oder arrogant sind, wie manch einer den Parisern nachsagt. Vielmehr erschöpft mich das Aushalten der Tatsache, dass Vertrautheit und Verbindung sich entwickeln müssen und man bis dahin zwangsläufig ein Gefühl von Anstrengung verspürt, erst recht, wenn man in der Sprache limitiert ist und schnell als Ausländer auffällt, während die anderen meist schon zumindest zum Teil vertraut und nahe und verbunden miteinander sind. Auf diese Weise wird wohl besonders intensiv die Einsamkeit spürbar und das Fremdkörpergefühl, welches neue Ufer quasi von Natur aus mit sich bringen.

Im Gegensatz dazu stellt sich bereits jetzt ein Métro-boulot-dodo-Gefühl ein, was die Routine des Arbeitsalltags betrifft. So ein eher einsilbiger und unflexibler Vollzeitjob ist, wie mir gewahr wird, einigermaßen erschöpfend, und da man viel Lebenszeit damit verbringt, verkleinert er die Zeitfenster für andere Entdeckungen. Inzwischen kann ich keine Würste und Brezeln mehr sehen. Gelegentlich habe ich den Eindruck, dass mir einfach die Energie für andere Aktivitäten fehlt, so erschöpft bin ich nach nur 6 Wochen Otto-Normalverbraucher-Job.

Um mich vom Pariser Overkill zu erholen, habe ich meinen heutigen freien Tag in der campagne verbracht und mich statt mit umherflirrenden Parisern mit Enten und alten nordfranzösischen Bauwerken umgeben – darunter auch ein Theater, das théâtre municipale. Schnuckelig, wenn auch für meine Begriffe zu kalt. In Paris war heute T-Shirt-Wetter und ich war zu dünn angezogen für die nordische Frischluft.

Festzuhalten bleibt, dass diese Herausforderung auch rockt. Es geht noch wohin auf diesem Weg. Und solange bleibe ich hier!

2. Station: Testphase Paris

Vor dem endgültigen Umzug in zwei Wochen habe ich eine Probewoche im bereits erwähnten Tante Emma Laden in Paris zu absolvieren, die man als quasi bestanden deklarieren kann: Le contrat est fait, der Vertrag ist gemacht. Am Ende des gestrigen Tages wurde ich vom patron, also meinem neuen Arbeitgeber, auf ein deutsches Bier eingeladen – ich glaube, es war ein Wernersgründer – und der Vertrag wurde besiegelt. Ich bin also nun, nach langen Jahren der Freiberuflichkeit (gibt’s dieses Wort??) zum ersten Mal wieder Angestellte und habe mich an die Tatsache zu gewöhnen, dass ich zukünftig fragen muss, bevor ich eventuelle Vorstellungstermine zusage. Wobei sich Monsieur da sehr einsichtig zeigte und versprach, dass im Fall eines Falles eigentlich immer Lösungen gefunden werden. Ausserdem sind die sonstigen Arbeitsbedingungen prima: Ich bekomme dank dieses Festvertrags problemlos eine französische Carte Vitale, so nennt sich diese Chipkarte der Krankenversicherung und ein französisches Bankkonto. Die Arbeitszeiten entsprechen meinem biologischen Rhythmus, denn ich bin für die Nachmittagsschicht eingeteilt, so dass meine Arbeitstage sehr kommod um 14 Uhr beginnen, wenn man auch als Künstler bereits mehr oder weniger ausgeschlafen hat. Und der Laden selbst ist einfach niedlich, mit Quasi-Familienanschluss an ein kleines, internationales und altersgemischtes Team. Da ich nicht die einzige Ausländerin bin – ich befinde mich in Gesellschaft einer Deutsch-Mexikanerin, einer Kasachstanerin und einer Kambodganerin – bin ich guter Hoffnung, dass meine sprachlichen Defizite nicht zur Totalkatastrophe werden, auch wenn es für mich echt neu ist, dass ausgerechnet die Sprache mein Sorgenkind ist. Aber hey, das ist ja auch Teil der Erfahrung, die ich machen wollte mit einem Auslandsjahr. Abegesehen davon, dass ich sicher bin, mir hier relativ schnell einige Feinheiten der Landessprache aneignen zu können, immerhin findet der Alltag hier nicht wie gewohnt in deutscher, sondern in französischer Sprache statt, was den Wortschatz rapide erweitert. Zum Beispiel kann ich jetzt fragen, ob das Verfallsdatum bereits abgelaufen ist und erklären, wie das Lebkuchenhaus zum selber Basteln zu bedienen ist, was nach drei Arbeitstagen ja schonmal ein gutes Ergebnis ist.

Im Moment ist mir am Ende des Tages noch ganz schwindelig und mein Gehirn fühlt sich an wie ein alter Commodore 64, der verzweifelt versucht, zeitgenössische Programme zum Laufen zu kriegen. Ausserdem hoffe ich stets, dass die Kunden nichts fragen, was ich nicht verstehe und keine seltsamen Produktnamen verwenden, die man nur als eingefleischter Franzose kennen kann. Entspannt wird es immer, wenn deutsche Kunden kommen und ich damit glänzen kann, dass ich als einzige akzentfreies Deutsch spreche.

Zweifelsohne wird es mich auch ein bißchen Zeit kosten, mir über die Produkte, die ich zwar als Konsumentin irgendwie kenne, aber über deren Eigenschaften und Besonderheiten ich nicht vollumfänglich informiert bin, ein wenig Hintergrundwissen anzueignen. Immerhin bin ich in der Lage, die Aufschriften auf den Verpackungen zu verstehen und im Zweifel für die Kunden zu übersetzen, was schonmal ein Vorteil ist.

Bref, voili voilou … Schwester Esther goes Tante Emma. Die Erfahrung „Leben im Ausland“ hat begonnen.

Mein neuer Arbeitsplatz

PS: Allerdings frage ich mich gerade, ob die dahingehende Berichterstattung noch als „Theaterblog“ durchgeht. Falls nicht, möge es eben die Lücke im Lebenslauf ansprechend erläutern 🙂

 

Paris, j’arrive

Auf diesem Blog noch nicht zur Erwähnung gekommen, aber schon seit längerem in Planung und Vorbereitung: Ein verspätetes Auslandsjahr in Paris. Zwischen heute und meinem Umzug liegen noch ganze 7 Wochen. Wochen voll mit Auftritten, Orgakram und Touristenbespaßung. All das fühlt sich gerade surreal an, zumal bei der Firma, die mich in Paris engagiert hat, Vollchaos herrscht und die mir versprochene Arbeitszeit sich wohl auf das Niveau eines Minijobs reduzieren wird. 7 Wochen vor dem bevorstehenden Umzug ist diese Info natürlich ein Super-GAU, aber auch mal wieder hausgemacht, weil ich in der mir eigenen Naivität nicht hinreichend auf schriftliche Festschreibung der Konditionen geachtet habe.

Anyway. Ich marschierte jedenfalls daraufhin in einen germanophonen Laden, von dem ich zufällig gelesen hatte, dass da Mitarbeiter gesucht werden und plauderte mit dem äusserst sympathischen Besitzer. Der war zunächst sehr skeptisch, weil er wohl die Erfahrung gemacht hat, dass Künstler als Arbeitnehmer schnell abspringen, sobald sie (wieder) in der eigenen Domaine Arbeit finden. In Deutschland würde ich es inzwischen tatsächlich als Abstieg empfinden, Jobs völlig ausserhalb des Kreativen machen zu müssen.
Für meine Zeit in Frankreich fühlt es sich gut an, da besteht aber die Herausforderung ja mehr darin, mit der neuen Sprache umzugehen. Sollte ich im Handumdrehen akzentfreies Französisch lernen, wird sich diese Haltung möglicherweise ändern. Jedenfalls
fand Monsieur Même mich offenbar als Personality drollig genug, um sich auf ein längeres Gespräch einzulassen und konstatierte, dass er kaum Deutsche kenne, die gut französisch sprechen und ich deswegen womöglich trotzdem eine interessante Partie sein könnte. Ich solle ihm meine Vita zukommen lassen und er würde sich melden. Heute kam dann eine freundlich und persönlich formulierte Replik, in der mir mitgeteilt wird, dass ich für den im Januar frei werdenden Job in Betracht komme.
Das ist zwar noch keine feste Zusage, aber vor dem Hintergrund, dass seine erste Reaktion sinngemäß “um Gottes Willen, keine Künstler” lautete, schonmal ganz schön gut. Jedenfalls hat die Lektüre dieser Antwort den Spiegel meiner Glückshormone für den heutigen Tag auf ein exorbitantes Niveau steigen lassen, zumal ich diesen Kerl von Anfang an mochte und intuitiv große Lust bekam, mit ihm zu arbeiten.
Es gibt ein Video mit Phillippe Même, dem sympathischen Tante-Emma-Händler, auf Youtube (in französischer Sprache, aber ich glaube, auch wenn man die Worte nicht versteht, kriegt man einen Eindruck)

Die letzten Tage, die ich in Paris verbrachte, habe ich jenseits der Jobfrage weitere Entdeckungen rund um das Leben in der Capitale gemacht.

So habe ich zum Beispiel festgestellt, dass man Dank Internet unglaublich schnell Kontakte in Paris (und wahrscheinlich überall) knüpfen kann. Ich war bei einem workshopartigen Meeting rund um Polyamorie und unkonventionelle Lebensformen, in kiezigem Ambiente, bei einem Verein, der for-free-Angebote für in Paris lebende Ausländer organisiert und bei einem deutsch-französischen Stammtisch.

Man sollte seinen Alkohol- und Zigarettenkonsum entweder einstellen oder reduzieren, wenn man in Paris lebt, ein Bier kostet durchschnittlich 5 €, eine Schachtel Zigaretten 7 €.

Des weiteren ist es sehr zeitsparend, abends den letzten RER noch zu erwischen, wenn man wie ich im Banlieue wohnt,  aber auch beruhigend zu wissen, dass man zumindest nicht bis zum ersten des Folgetages warten muss, um zurück zu kommen. Eine Nachtbusfahrt ermöglicht Ausländern wie mir ausserdem, mit dem stolzen Gefühl zurück zu kehren, den richtigen Nachtbus gefunden und dank der liebvollen Wegbeschreibung des Busfahrers von der Nachtbusstation (die 10 Minuten Fußmarsch von der RER Station entfernt liegt) nach Hause gefunden zu haben.

Ein großer Bonus französischer Bushaltestellen: Es gibt USB-Anschlüsse zum Aufladen des Handys

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Alles in allem freue ich mich auf Januar. Paris est une fête! 

Amerikanischer Horrorthriller geht in Serie

Ich kann es gar nicht fassen. Die Amerikaner haben ihren Schlächter zum Präsidenten gewählt. Dieser größenwahnsinnge, sexistische Zuhälterverschnitt, dieser grobschlächtige Antidemokrat zieht ins Weiße Haus ein – und ich bin jetzt völlig verpennt. Tolle Wurst.

Nein, ich hätte damit nicht gerechnet. Vielleicht war der Wunsch der Vater des Gedankens, vielleicht empfand ich es als abwegig, dass die Mehrheit der Amerikaner einem Typen, der auf mich wie die amerikanische Ausgabe von Rolf Eden wirkt – wenn auch wesentlich gefährlicher aufgrund seiner Machtansprüche – allen ernstes die Verantwortung für die Marschroute übertragen wollen. Wie sagte noch kürzlich Stevie Wonder „Voting for Trump is like asking me to drive“. Nun haben die USA also einen blinden Piloten im Cockpit, der bedauerlicherweise mehr Schaden anrichten kann als der Bürgermeister von Hintertupfingen.

Nie hat mich ein Wahlergebnis mehr schockiert und beängstigt als dieses.

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Landleben at it’s best

Während ich gestern noch meine inzwischen erprobte Joggingstrecke ablief, legt sich heute eine dicke, weiße Schneedecke über den schwarzen Wald.

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Blick von der Theaterterrasse gestern …

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Blick von der Theaterterrasse heute …

Ich könnte theoretisch Ski fahren gehen (tatsächlich gibt es sogar einen kleinen Skilift hinter dem Theater). In Ermangelung der Bretter, die, naja, auch fast die Welt bedeuten, entscheide ich mich für Indoor Sport. Es gibt im Gästehaus einen großen Trainingssaal zum Aufwärmen, wo man mit You-Tube-Trainern Aerobic machen kann. Vorher hole ich mir Frischmilch aus der Milchtankstelle gegenüber. Heute bin ich alleine in dem riesigen Haus, weil mein Kollege Mittwochs nach der Probe immer nach Hause in Richtung Offenburg fährt, um zu unterrichten.

Nachdem ich die letzten Tagen immer bis in die Puppen geschlafen habe – man schläft hier extrem tief und die Probe beginnt meist nicht vor elf – erwache ich heute schon gegen sieben Uhr … wer weiß, vielleicht war Vollmond. Und nutze die Zeit, meinen Text und den passenden Chanson zum Stück einzustudieren. Es ist herrlich auf dem Land! Nichts lenkt einen ab und man kann sich ganz seiner Arbeit und der Pflege des Egos widmen. Daran könnte ich mich fast gewöhnen …

Erste Tage im Ländle

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Ein unglaubliches Panorama – für den Flachländer ungewohnt. Gigantisch. Allerdings brauche ich zwei Versuche, um eine Joggingstrecke zu finden, die mich an Höhenunterschied nicht überfordert.

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home sweet home … für die nächsten drei Wochen

Mein Kollege und ich wohnen im Gästehaus, keine 100 Meter vom Theater entfernt; ein uriges altes Gebäude mit einer Mischung aus Jugendherbergs- und Bauernhauscharme. Zur Stund sind wir die einzigen Gäste, was natürlich extrem komfortabel ist. Man kann laut Text lernen und jeden Tag den Duschraum wechseln, wenn man möchte. Gegenüber gibt es einen Bauernhof mit Milchtankstelle und Apfel-Häusle, ausserdem kriegt man da Kartoffeln und Eier.

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Das Apfel-Häusle

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Die Milchtankstelle

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Und – Simmersfeld hat einen eigenen Michel! Der Fleckenvetter-Michel von Simmersfeld zeichnete sich, soweit ich es verstanden habe, vor allem dadurch aus, dass er seinen Ertrag aus der Landwirtschaft umgehend versoffen hat.

Fleckenvetter-Michel

Ich genieße es sehr, keinen langen Weg zur Arbeit und vor allem sonst keine Termine zu haben. Es fühlt sich tatsächlich ein bißchen an wie bezahlter Urlaub. Dabei arbeiten wir durchaus. Einen Teil des Tages verbringe ich als Sophie in Paris – bis jetzt nur „am Tisch“, ab morgen dann auf der Bühne. Einen Teil des Tages ist bereits Sommer, August in Paris. Der Monat, wo die anderen Pariser im Urlaub sind und die Stadt aus Touristen und Flics besteht. Und auch Sophie ist nur in der Stadt, weil Jean-Emile sie dieses Jahr nicht, wie in den Jahren davor, auf seine Yacht eingeladen hat. Es ist ihr vierzigster Geburtstag und sie ist mutterseelenallein. Ein Zustand, welcher der überaus sinnlichen Frau, die gewohnheitsmäßig von Männern umschwärmt und erobert wird, so katastrophal erscheint, dass sie beschliesst, sich in der Badewanne das Leben zu nehmen. Bedauerlicher- … nein, glücklicherweise produzieren die Vorbereitungen auf dieses letzte Bad einen Wasserschaden in der Wohnung unter ihr und der eigenbrötlerische Nachbar Betrand verhindert durch seinen Auftritt, dass das Stück schon nach wenigen Minuten zu Ende ist. Eine Beziehungskomödie – Boulevard as Boulevard can – nimmt ihren Lauf. Und ich mag diese Sophie, die so emotional und so leidenschaftlich und unmittelbar … ja, so ganz la Parisienne ist. Nach der Probe umgibt mich dann wieder schwarzwäldische Landruhe.

Bis jetzt vermisse Hamburg noch nicht allzu sehr, auch wenn ich nicht davon ausgehe dem Hans-Castorp-Syndrom zu verfallen und statt der geplanten drei Wochen sieben Jahre zu bleiben. Naja, der war ja auch in der Schweiz.

NDR- Norddeutscher Dumping Report

Der im folgenden zitierte offene Brief an den NDR kursiert zur Zeit in den social medias. Ich möchte ihn hier teilen, weil ich genau wie die Kollegen einigermaßen bestürzt bin über die Annahme des NDR – immerhin ein öffentlich-rechtlicher Sender für dessen Bestand wir alle GEZ zahlen und so weiter – man könne Mitschnitte künstlerischer Programme einfach unvergütet senden.

Was ist passiert?
Das Künstlerehepaar Jennifer und Michael Ehnert erhält eine Anfrage vom Norddeutschen Rundfunk mit dem Anliegen, ihr Kabarettprogramm aufzuzeichnen und anschliessend zu senden. Es finden einige Vorbereitungen statt, etwa eine Spielortbesichtigung, wobei das Ehepaar aufgrund vorangegangener Zusammenarbeit mit dem NDR voraussetzt, dass eine Vergütung für den Dreh eingeplant ist, deren Höhe zu verhandeln ist. Bei späteren Verhandlungen ihrer Agentur mit den NDR-Vertretren stellt sich jedoch heraus, dass das vom NDR eingeplante Honorar ganze null Euro beträgt.

Der Argumentation meiner Kollegen in ihrem offenen Brief, mit dem sie auf die Sache reagieren, ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Offener Brief

Hamburg, 17. Januar 2016

Sehr geehrter Herr Marmor,

am 23. Dezember des vergangenen Jahres hat sich die NDR Fernsehredaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ entschieden, unser Kabarett-Schauspiel „Zweikampfhasen“ aufzuzeichnen, um es dann anschließend im NDR-Fernsehen zu senden. Darüber haben wir uns sehr gefreut.

Direkt anschließend haben dann auch schon die ersten Organisationsschritte stattgefunden: Wir haben mit dem Stadttheater Elmshorn eine schöne Location gefunden und mit Vertretern der NDR-Redaktion eine erste Spielort-Besichtigung vorgenommen. In den ersten Tagen des neuen Jahres kam es dann unverzüglich zu einem Telefonat zwischen unserer Agentur und der Produktionsleitung, um nun auch die vertraglichen Aspekte der Fernsehaufzeichnung zu klären. Da wir in den letzten 16 Jahren schon sieben ähnliche Kooperationen mit dem NDR gemacht hatten, schien es uns bei den anstehenden „Verhandlungen“ nur noch um einzelne Details zu gehen.
Von dem Honorar, das üblicherweise vom NDR für eine solche Theater-Aufzeichnung gezahlt wurde, konnten bisher der Regisseur, der Autor, die Schauspieler, der Komponist und die Produzenten des Stückes wenigstens halbwegs angemessen bezahlt werden.

Das Angebot der NDR-Programmredaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ für die jetzige Aufzeichnung belief sich dann auf 0 (in Worten: null) Euro.

Das hat – um es einmal sachlich auszudrücken – einiges Unverständnis in uns ausgelöst.

Wir möchten jetzt nicht näher auf Kommunikationsversäumnisse eingehen, dass es zum Beispiel seitens der Redaktion gut gewesen wäre, schon bei der ersten Begegnung zu sagen: „Wir möchten euer Programm aufzeichnen, aber dafür nichts bezahlen.“ Beide Seiten hätten sich dann weitere Vorbereitungsarbeiten sparen können, denn natürlich hätten wir solch ein Anliegen sofort zurückgewiesen.

Doch es geht hier um mehr.

Die Argumentation der Redaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ ist nämlich die, Zitat (aus der Erinnerung): „Es hat doch einen Werbeeffekt für Sie, wenn wir Ihr Programm senden!“ – Das ist sicher richtig, gilt aber für BEIDE Seiten. Das heißt wir Künstler bekommen mit der Ausstrahlung unseres Stückes im NDR zwar eine größere Aufmerksamkeit, aber auch der NDR bekommt durch uns Künstler eine Erweiterung seines Portfolios.
Und ob sich dieser mutmaßliche „Werbeeffekt“ für uns Künstler irgendwann auch finanziell auszahlt, ist durchaus fraglich, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass ein NDR-Zuschauer, der sich unser Programm im Fernsehen ansieht, es sich anschließend nicht noch einmal live in einem Theater ansehen wird; wir verlieren also potenzielle, zahlende Theaterzuschauer.

Dieser so genannte „Werbeeffekt“ ersetzt also nicht ein ernst zu nehmendes Honorar. Man käme beim NDR ja auch nicht auf die aberwitzige Idee, Til Schweiger zu fragen, ob er unentgeltlich einen NDR-Tatort-Kommissar spielen möchte, um damit in Zukunft seine Kinofilme besser bewerben zu können. Das ist Quatsch!

Ein weiteres Argument der Redaktion war, dass wir unser Stück doch „sowieso“ spielen, dann könne der NDR es doch auch mitschneiden. Ein interessantes Konzept. Vielleicht können wir auf unserer nächsten Tournee in den ICE nach München steigen und dem Kontrolleur sagen: „Wieso sollten wir Fahrkarten lösen, der Zug fährt doch sowieso!?“

Und zu guter Letzt hieß es, diese vom NDR vorgeschlagene unentgeltliche Zusammenarbeit sei ja vielleicht auch nur der Einstieg in eine weitergehende, zukunftsweisende Zusammenarbeit mit dem NDR.
Was soll das für eine Zusammenarbeit sein? Wir entwickeln und finanzieren Kultur und stellen diese dann dem NDR kostenfrei zur Verfügung? Sind wir Sponsoren des NDR?

Selbst wenn wir einmal davon absehen, dass es extrem demütigend ist, als gestandener Künstler und langjähriger NDR-Kooperationspartner auf den Status eines Praktikanten heruntergestuft zu werden, so bleibt immer noch die Frage, was denn nun das Zukunftsweisende und Innovative sein soll, was die NDR-Redaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ zu bieten hat?

Kunst wird aufgezeichnet und gesendet, aber nicht mehr bezahlt?! Das ist genau genommen Medienpiraterie. Der einzige Unterschied zum kriminellen Hacker, der sich unentgeltlich Filme oder Musik herunterlädt, ist, dass der NDR die Künstler nötigen möchte, eine Einverständniserklärung für diesen Kunstraub zu unterschreiben.

Das ist mit uns nicht machbar.

Die unentgeltliche Zurverfügungstellung künstlerischer Arbeit ist ein sehr großer Schritt in eine völlig falsche Richtung.

Unserem Wissen nach ist die Aufgabe des großen NDR-Apparats, den Zuschauern neben Information und Sport auch hochwertiges Unterhaltungsprogramm zu liefern. Dass es innerhalb des NDR-Apparats möglicherweise Notwendigkeiten gibt, Kosten zu minimieren, um dieser Aufgabe auch in Zukunft gerecht werden zu können, können wir uns vorstellen. Aber das kann und darf doch nicht dazu führen, dass das eigentliche Endprodukt, der zentrale Grund, warum Menschen das NDR-Fernsehen einschalten, nämlich die kreative Arbeit vor der Kamera gar nicht mehr bezahlt wird.

Wenn unsere kulturelle Leistung, die Arbeit von freischaffenden Schauspielern, Autoren, Regisseuren, Komponisten und Produzenten nur noch als „weicher Kostenfaktor“ gesehen wird, den man beliebig reduzieren kann, ist das der künstlerische Ausverkauf, an dessen Ende ein gut ausgestatteter NDR-Apparat steht – mit Hobbykünstlern und Laiendarstellern vor der Kamera.

Das können Sie nicht wollen.

Wir haben die Form des Offenen Briefes an Sie gewählt, weil es hier nicht nur um unseren speziellen Einzelfall geht, um eine einzelne missglückte Kooperation im redaktionellen NDR-Tagesgeschäft, sondern um gängige Praxis in einer Vielzahl von Fällen.

Wir sehen hoffnungsvoll und interessiert Ihrer Antwort entgegen, in der Sie sich für eine adäquate Bezahlung der selbständigen Kreativen, Künstler und Kulturschaffenden aussprechen und diesen Worten strukturell Rechnung tragen.

Außerdem verbinden wir mit diesem Offenen Brief die Hoffnung, dass auch andere Künstler eine Zusammenarbeit mit dem NDR zu diesen Null-Konditionen verweigern.

Mit freundlichen Grüßen

Jennifer & Michael Ehnert

Bestürzend ist der Vorfall vor allem vor dem Hintergrund, dass es allgemein in Mode gekommen ist, die Berechtigung von Vergütung für künstlerische Arbeit respektive ihrer Zurverfügungstellung für Veröffentlichungen aller Art anzuzweifeln. Selbst im Kollegenkreis erlebe ich immer wieder Leute, die die Auffassung vertreten, No-und Low-Budjet Angebote seien unproblematisch, denn immerhin könne der Künstler ja jederzeit nein sagen, wenn er mit den Konditionen nicht einverstanden ist. Letzteres ist zwar korrekt, allerdings würde in keinem anderen professionellen Bereich die Notwendigkeit bestritten, sich (ob als Freiberufler oder Arbeitnehmer) Lobbys zu schaffen, um die gemeinsamen Interessen gegenüber sagen wir „mächtigen“ Auftraggebern stark genug vertreten zu können. Als Individuum wird man der Tendenz zum Dumpingpreis nie effektiv entgegen wirken. Deshalb organisieren sich auch Freelancer in Gewerkschaften und gewerkschaftsähnlichen Verbänden. Unter Künstlern, insbesondere den darstellenden, gibt es derer bis heute zu wenig. Zwar unternehmen Verbände und Initiativen wie der bffs oder art but fair Ansätze in die richtige Richtung, werden aber dabei paradoxerweise sogar aus den eigenen Reihen torpediert oder verheddern sich in internen Streitigkeiten um Kleinkram. Das ist schade, denn eine angemessene Vergütung unserer Arbeit sollte doch ein unstrittiges Anliegen sein.

Ich persönlich wettere übrigens nicht gegen Low-Budjet-Produktionen, an denen keiner der Beteiligten verdient. Ich habe selbst schon Produktionen umgesetzt, die vor dem Hintergrund fehlender oder minimaler Subventionen nur unter der Voraussetzung verwirklicht werden konnten, dass die Beteiligten auf gute Bezahlung verzichten. Andernfalls hätten diese Produktionen schlichtweg nicht stattgefunden. Eine Institution wie der NDR hingegen müßte kaum auf die Ausstrahlung ihres Programms verzichten, wenn sie die beteiligten Künstler bezahlt.

In diesem Sinne gilt meine Solidarität den Zweikampfhasen.

Respirer Paris

Mit dem heutigen Datum kann man eigentlich nichts veröffentlichen, ohne dass der 7. Januar 2015 zumindest Erwähnung findet. Besonders wenn der Schauplatz des Artikels Paris ist, jene Stadt, deren mediale Präsenz im vergangenen Jahr bedauerlicherweise hauptsächlich im Zusammenhang mit terroristisch motivierten Attentaten stand.

Charlie-Hebdo-Cover-full-January-7-2016           On est Charlie. Toujours.

Der folgende Bericht hätte allerdings an jedem anderen Tag veröffentlicht werden können, die Koinzidenz ist zufällig.

Voilà, c’est fait. Mein erstes Vorsprechen im Ausland.

Ich habe lange überlegt, ob ich hinfahre, weil sich nach dem ersten Adrenalinaufkommen, einigen Freudentränchen und einem inneren Tänzchen um mein Handy unmittelbar nach der – in der S-Bahn gelesenen –  Einladungsmail doch große Versagensängste breit gemacht haben. Eine Kettenreaktion von Bedenken läßt mich den Flug nach Paris in allerletzter Minute buchen:
War diese Bewerbung nicht vermessen vor dem Hintergrund meiner nur rudimentär vorhandenen Spielerfahrung in französischer Sprache?
Nicht dass ich am Ende noch am Verständnis der Aufgabenstellung scheitere – angekündigt waren 2 lange Audtion-Tage mit Improvisationsaufgaben rund um Manipulation und Selbstachtung im Zusammenhang mit Radikalisierung und islamistischem Terrorismus. Notiz am Rande: an dieser Stelle fällt mir plötzlich auf, dass sich doch ein thematischer Zusammenhang zum heutigen Datum herstellen läßt.Weiter im Text …
Lohnt der Aufwand in Anbetracht der sehr geringen Erfolgswahrscheinlichkeit, ja, kann ich mir solche Vergnügen überhaupt leisten, wo ich eh in einem monetären Hamsterrad stecke und dem Eindruck unterliege, permanent arbeiten zu müssen, um entspannt meine laufenden Kosten zu decken?
Und überhaupt, Moment mal, was mache ich denn, wenn die mich wollen und ich dann alle Nase lang nach Frankreich muß, um an einem zwar künstlerisch unschlagbaren, aber mäßig bezahlten Probenprozeß teilzunehmen – kann ich mir DAS leisten?

Schließlich siegt der Gedanke, dass kneifen noch viel beschämender wäre. Und let’s face it, wenn man mit 40 nicht langsam mal anfängt, seinen Auslandsplänen ein real existierendes Fundament unterzusetzen, wird ihre Umsetzung nicht unbedingt wahrscheinlicher. Also rufe ich meine Tante in Antony an, kündige mich für den nächsten Tag an und buche einen Flug.

Praktischerweise liefert mir meine französischsprachige Familie die Gelegenheit, schonmal ein bißchen in die französische Sprach- und Redekultur einzusteigen. Überhaupt sehe ich diesen Teil der Familie entfernungsbedingt viel zu selten und finde es prima, Zeit mit ihnen zu verbringen und mich über Zukunkfts- und Familienplanung meiner jungen Cousins updaten zu lassen.

Das Vorsprechen selbst beginnt damit, dass ich mich verlaufe und feststelle, dass die rue Willy Brandt Frankreichs Antwort auf Bielefeld zu sein scheint. Keiner kennt diese Straße – und selbst als ein besonders hilfsbereiter Monsieur sein GPS System bemüht, taucht sie nirgendwo auf.  Dabei hatte ich diesem Schauplatz bereits eine signifikante Bedeutung zugemessen und fühlte mich als Deutsche schon gar nicht mehr ganz so fremd. Als ich mir bereits wünsche, das Vorsprechen möge bei Georges Boisseau stattfinden, durch dessen Strasse ich bis dahin fünf- bis sechsmal marschiert war, lotst mich der vermutlich einzige ortskundige Einwohner Clichys dann doch noch zur richtigen Adresse und es kann losgehen.

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben kein vergleichbares Vorsprechen absolviert. Die Gruppe besteht aus über 30 Personen – in Frankreich wie hier deutlich mehr Frauen als Männer – und die Arbeit miteinander ist sofort superintensiv und irgendwie vertraut. Wenn ich die Kollegen auf der Bühne beobachte, entsteht der Eindruck, sie würden seit Monaten miteinander arbeiten. Ich bin ausnahmslos begeistert über die Intensität, die Glaubwürdigkeit und die Phantasie ihres Spiels. Und ja, ich nehme selbst teil an langen, intensiven Improvisationen, zu zweit, zu dritt und im großen Ensemble. Was ich liefere, ist mit Sicherheit nicht die Performance meines Lebens, denn natürlich bin ich limitiert, was die Sprache betrifft, kann also im Redetempo nicht immer ganz mithalten und lege meine sämtlichen Figuren entsprechend langsamtickend an. Mich nervt später auch ein bißchen, dass ich mich bei der anschliessenden Besprechung eigener Ideen zurück halte, weil ich glaube, die meinen nicht eloquent genug formuliert zu kriegen. Retrospektiv denke ich, ich hätte da mutiger sein können. Aber hey, vor dem Hintergrund all dieser Einschränkungen und meinen vorangegangenen Ängsten ist das Ding – um mit unserem sogenannten Pop-Titanen zu sprechen – hammermäßig gelaufen und ich hatte einige der schönsten Stunden meines Schauspielerlebens. Ehrlich. Das liegt unter anderem an meinen großartigen französischen Kolleginnen und Kollegen, die nicht nur ausnahmslos gute Schauspieler sind, sondern dafür sorgen, dass kein Fremdkörpergefühl entsteht, obwohl ich erwartungsgemäß die einzige nicht in Frankreich sozialisierte Ausländerin bin.

Dieses Gefühl setzt sich bei der gemeinsamen Rückfahrt im RER fort und befeuert meine Lust, hier in Frankreich was zu machen künstlerisch. Inzwischen bin ich auch überzeugt, dass die Fundamente meiner Kommunikationsfähigkeit stabil genug sind, um darauf aufbauen zu können. Ja, ich traue mich sogar am nächsten Tag, in einen längeren Diskurs über Hitler und die Front National einzusteigen. Ich mache nämlich noch ein bißchen die Touristin, mache Selfies, schreibe eine Postkarte an Opa und flaniere durch Paris. Dabei bleibt es als alleinreisende Frau unter 70 ja nie aus, von verschiedensten Männern in Gespräche verwickelt zu werden – mit dem Ziel der Anmache, versteht sich, ils sont des dragueurs quand même, les français. Einer davon schenkt mir eine Rose, ein anderer juchzt entzückt auf, als ich mich als Deutsche entpuppe (beide halten mich zunächst für eine Belgierin). Letzterer teilt mit, dass er eine Schwäche hat für alles, was deutsch ist und begründet das damit, dass Adolf (H)itler zwar Fehler gemacht, aber im Grunde eine prima Alternative zur Omnipotenz jüdischer Machthaber angeboten habe. Ich erspare Euch die Details der folgenden Auseinandersetzung – wäre rahmensprengend und nicht sonderlich amüsant. Nur so viel: Auch solche Gesprächsinhalte sind irgendwie machbar inzwischen, wenn auch mit Luft nach oben, was Stil und Präzision der Argumentationsführung betrifft.

Den Konkurs ums größte Sympathie- und Unterhaltungspotential gewinnt der Typ mit der Rose, den um das gelungenste Selfie die folgende Aufnahme inklusive selbiger:

Selfie rose

Im Übrigen beobachte ich eine hohe Polizeipräsenz auf den Strassen, passiere auf dem Weg zum Vorsprechen by the way das Stade de France in Saint Denis, wo die Anschläge des 13. November begonnen haben, vermerke entzückt, dass die Touristen-Doppeldecker in Paris noch offen fahren und weniger entzückt, dass sie keine Live-Moderation anbieten wie hier in Hamburg, so dass eine solche als Option für einen Job in der französischen Metropole ausfällt – entdecke aber schließlich eine attraktiv anmutende Alternative: das Théatre de la Huchette.

Théatre

Dies ist nicht das Theater, wo ich vorgesprochen habe, aber ein besonders niedliches im Herzen von St Michel

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Begegnungen mit so Uniformierten – les flics, wie der Franzose sie nennt – sind zur Stund Alltag in den Strassen von Paris

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Keine Live-Moderation, aber offenes Dach unf WiFi an Bord sowie einen Getränkeautomaten. Dafür zahlt man aber auch im Vergleich zu unseren Doppeldeckern den doppelten Preis für so eine Rundfahrt. Und nein, ich habe hier keine Stadtrundfahrt gemacht – weder zuhörend, noch sprechend.

Zurück in Hamburg ist es bereits bitterkalt, und während man in Paris noch draußen in den Cafés sitzt, stülpe ich mir am Flughafen Schal, Mütze und Handschuhe über und entscheide mich für einen zweiten Pullover, während ich die Treppen in Richtung Rollfeld hinuntergleite – Willkommen zu Hause.

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Das Rennen um die Rolle in Paris habe ich dieses Mal nicht gemacht. Aber das ist in Ordnung, denn egal welche Kollegin es geworden ist, sie haben es alle verdient. Und ich weiß jetzt, dass ich mich weiter in Richtung Ausland bewerbe.

Amateurgroteske für Deutschland. Und Hamburg hat gewählt.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Kollegen mit einer so opportunistischen Berufsauffassung 1933 auch in einem Wahlwerbespot der NSDAP „mitgespielt“ hätten?

 

„Ob wir nun eine Leiche im Tatort spielen oder einen AfD-Anhänger“, fragt eine der Schauspielerinnen hier so unbedarft, wo sei denn da der Unterschied? Generell spricht selbstverständlich nichts gegen die Darstellung eines AfD-Anhängers. Allerdings bin ich verblüfft, dass diese Kollegen ihren schauspielerischen Beitrag zu Parteiwerbung offenbar einem – vermeintlichen oder tatsächlichen – Auftritt in einer fiktiven TV-Produktion gleichstellen.

Ob dieser Spot von 2013 dazu beigetragen hat, sei mal dahingestellt. Fakt ist, Hamburg hatte Mut zur Dummheit: Mit 6,1 % (nach vorläufiger Hochrechnung) wird die AfD in der Hamburger Bürgerschaft fürderhin ihre Abwegigen Ideen für Deutschland unterbreiten können. Tolle Wurst.