Amateurgroteske für Deutschland. Und Hamburg hat gewählt.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Kollegen mit einer so opportunistischen Berufsauffassung 1933 auch in einem Wahlwerbespot der NSDAP „mitgespielt“ hätten?

 

„Ob wir nun eine Leiche im Tatort spielen oder einen AfD-Anhänger“, fragt eine der Schauspielerinnen hier so unbedarft, wo sei denn da der Unterschied? Generell spricht selbstverständlich nichts gegen die Darstellung eines AfD-Anhängers. Allerdings bin ich verblüfft, dass diese Kollegen ihren schauspielerischen Beitrag zu Parteiwerbung offenbar einem – vermeintlichen oder tatsächlichen – Auftritt in einer fiktiven TV-Produktion gleichstellen.

Ob dieser Spot von 2013 dazu beigetragen hat, sei mal dahingestellt. Fakt ist, Hamburg hatte Mut zur Dummheit: Mit 6,1 % (nach vorläufiger Hochrechnung) wird die AfD in der Hamburger Bürgerschaft fürderhin ihre Abwegigen Ideen für Deutschland unterbreiten können. Tolle Wurst.

Theater at its best: Stückchen, die das Leben schreibt

Wer hätte gedacht, dass Rechtsradikale einen so hohen Unterhaltungswert haben. Diese Panne erinnert ein bisschen an den Selbstmörder, der beim Sprung von der Siegessäule unterwegs aus Versehen verhungert ist. Die Uraufführung dieses Schwanks aus dem … man traut es sich in dem Kontext gar nicht zu formulieren … ähm, Reich unserer nationalsozialistisch gesinnten Mitbürger hat mich jedenfalls heute Tränen lachen lassen. Gesinnung schützt jedoch vor Thorheit nicht. Quod erat demonstrandum, oder so ähnlich.

Gefunden bei Stern online am 1. Februar 2015 unter der Headline (lesen lohnt sich, ganz großes Tennis!):

Alle stiegen in den falschen Zug zur Demo NPD-Anhänger zu dumm zum Bahnfahren

Augen auf im Schienenverkehr - mit dem linken sieht man besser!

Augen auf im Schienenverkehr – mit dem linken sieht man besser!

 

Dessiner tue

Dessiner tue

„Manche Arschlöcher glauben an Gott, andere Arschlöcher an Allah“ tweeted der Kabarettist Volker Pispers. Das habe aber nichts mit Religion zu tun. Ein einfaches Statement. Ich stimme zu.

Leider sind auch die aufgeklärten Westeuropäer weit davon entfernt, zwischen Islam und islamistischen Extremisten immer zu unterscheiden. Während islamistische Terroristen die Idee einer freien Welt, einer freien Meinung und einer freien Kunst unter dem Deckmantel muslimischer Interessen gewaltsam angreifen, instrumentalisieren nicht minder menschenfeindliche Rassisten den Islamismus als Rechtfertigung für ihre menschenverachtenden Parolen. Noch schlimmer, sogar die Anschläge auf Moscheen, die nach dem Massaker in Paris passiert sind, betrachtet der ein oder andere sogenannte Demokrat als mehr oder minder zwangsläufigen Kollateralschaden, den die Muslime quasi selbst zu verantworten hätten. Auf einer der Demos in Paris sagt eine Muslima im französischen Fernsehen „Es ist vor allem ein Angriff auf uns, die Muslime“.

Im Gegenzug finde ich selbst in meinem persönlichen Umfeld Stimmen die andeuten, die Opfer von Charlie Hebdo hätten sich mit der fortgesetzten Publilkation islamophober Karikaturen ihr eigenes Grab gezeichnet und seien daher nur bedingt zu bedauern. Welch absurde Kettenreaktion menschenfeindlichen Gedankenguts auf allen Seiten. Ich habe mir noch keine abschließende Meinung darüber gebildet, ob die von Charlie Hebdo veröffentlichten Mohammed-Karikaturen in Frequenz und Inhalt als islamophob zu bezeichnen sind oder nicht. Ich kann nachvollziehen, dass sie in der morgenländischen Kultur als offensive – und an mancher Stelle auch überflüssige – Beleidigung wahrgenommen worden sind, neige aber zu der Haltung, dass Kunst weh tun darf. Dass manch einer die kritisierten Karikaturen als geschmacklos wahrnimmt, verstehe ich, menschenverachtend finde ich sie nicht. Welche Haltung man dazu auch immer einnimmt, ist aber eines klar: niemand hat es verdient, abgeschlachtet zu werden.

Die Satire selbst jedenfalls ist nicht getötet worden.
Vive l’art! Es lebe die Kunst!
@David Pope

@David Pope

@Martin Vidberg

@Martin Vidberg

@Ruben L. Oppenheimer

@Ruben L. Oppenheimer

@Magnus Shaw

@Magnus Shaw

 

Weiterlesen

Schwarze Augen, Maria

Nun ist sie da. Karin Beier, die dem Schauspielhaus frischen Atem einhauchen soll, hat am Wochenende ihren Einstand gegeben. Weil der erste Vorhang schon vor Stückbeginn gefallen war, und zwar eisern und mit Kollateralschäden, konnten die  Eröffnungsakteure erst am letzten Samstag statt wie geplant schon im November sieben Stunden rasen. Und so ist wider Erwarten eine andere Veranstaltung Teil der Eröffnungszeremonie geworden, nämlich der Tag der offenen Tür im Haus Lebensbaum, welches man durch ein unauffälliges Tor im Hinterhof eines unspektakulären Sträßchens in Uhlenhorst erreicht. Haus Lebensbaum ist eine Erfindung der Performertruppe „Signa“. Es wurde in einem verlassenen Schulgebäude von annodazumal als Schauplatz der Performance „Schwarze Augen, Maria“ hergerichtet.

Ich war da, sogar länger als sieben Stunden. Ich bin eigentlich kein besonderer Freund überlanger Frontalbespielung. In diesem Fall war aber die ausgedehnte Dauer meines Aufenthalts notwendig, ja, gewinnbringend, für mein Theatererlebnis. Ausserdem handelte es sich nicht um Frontaltheater. Man bewegte sich frei im Haus, konnte pullern, essen, Wodka trinken und sogar rauchen. Spiegel online nennt es „begehbares Unterschichtenfernsehen“. Ich selbst würde das Erlebte als Live-Thriller bezeichnen.

Mit dem Betreten des Gebäudes bin ich mit allen Sinnen in einer anderen Welt – einer Welt aus ranzigem DDR-Charme, sektenartigen Vorgängen, Menschen mit geistigen und körperlichen Gebrechen und Absonderlichkeiten, die teils niedlich, teils bedrohlich einer Art Gruppenwahn frönen und dabei in manchen Momenten sogar sehr alltäglich wirken. Man sieht, riecht, spürt und schmeckt diese Welt. Mit jeder Stunde erschliesst sich ein neues Puzzlestück der gemeinsamen Geschichte der Protagonisten, die wir im Haus Lebensbaum „besuchen“. Mit jeder Minute werde ich weniger Besucherin und immer mehr Teil der Geschichte. Ich überbringe im Auftrag der kleinen Mitzi tote Marienkäfer (ja, echte) an ihre Freundin Kendra, trinke ein Bier mit Oma Brigitte und Wodka mit Maria Maria, begleite eine apathische Bewohnerin aufs Klo, ich windle sie, wasche ihre Hände, trockne sie ab, offeriere ihr einen Sitzplatz. Und dann muß ich erstmal eine rauchen! All diese „Banalitäten“ geschehen in so einer gruseligen Atmosphäre, die Psychofilme auszeichnet … ein mysteriöses Gewaber zwischen Wahnsinn und Alltag, Illusion und Wirklichkeit, dem sich der Held nie entziehen kann, ein geisterhaftes Ambiente und die Andeutung von Geheimnissen …

Als Schauspieler läuft man ja von Hause aus sehr im Analysemodus, wenn man Theater konsumiert. Man fragt sich: wie machen die das, wie hätte ich das gemacht, hätte ich das gemacht, waren die darauf vorbereitet, welchen Regeln folgt diese Performance, was ist hier einstudiert und was entsteht gerade … Spätestens nach dem Toilettengang mit der apathischen Bewohnerin entsteht eine interessante Mischperspektive in mir. Ich bin einerseits so involviert, dass sich das Geschehen wie reale Notwendigkeit anfühlt, eben wie ein realer Besuch einer realen Einrichtung. Andererseits meldet sich ab und zu die Schauspielerin in mir zu Wort, die sich fragt, ob die Kollegin, die die apathische Bewohnerin spielt, eine Peinlichkeit dabei empfindet, von mir gewindelt zu werden oder ob die Figur an einem Punkt von ihr Besitz ergriffen hat, wo solche Empfindungen nicht mehr vorkommen, und wie sich das für die Schauspielerin anfühlen würde, wenn beispielsweise ihre Vermieterin zufällig in die Vorstellung käme und ob sie – als Schauspielerin oder als apathische Bewohnerin – mein eigenes peinlich berührt sein wohl spürt. Breiten Raum nimmt auch zeitweise die faszinierende Vorstellung ein, wie das Ensemble unendlich viele Zeichnungen, Malereien an Wänden und auf Papier und die detaillierte Ausstattung der einzelnen Wohnungen angefertigt hat, und dass man sich wahrscheinlich in so einem Probenprozess viel weiter vom „schauspielern“ entfernt als im Rahmen der üblichen Rollengestaltung am Theater, dass man womöglich fast die Identität wechselt. Und dann wäre da noch das Erstaunen darüber, dass tatsächlich sämtliche Besucher von Anfang an mitziehen, dass alle sich total selbstverständlich einlassen auf ein Erlebnis, das sich in manchen Momenten wie Realität und in anderen wie ein Planspiel anfühlt.

Zurück auf der Strasse bin ich crazy. Es fühlt sich an, wie die finale Szene des Psychofilms, wenn die Seelen der Untoten zur Ruhe gebracht wurden und der Held endlich ins Freie tritt, wenn man hinter ihm den Ort des Geschehens in sich zusammen fallen sieht und die Kamera eine friedliche Landschaft einfängt, über der dann der Abspann dahingleitet …

Wählen – Recht oder Pflicht?

Bis 18 Uhr haben wir heute noch die Möglichkeit, unser Wahlrecht wahrzunehmen. Ich gehe wählen. Weil ich der Überzeugung bin, dass eine Beteiligung sinnvoll ist, auch wenn es keine Partei gibt, mit deren Tun ich hundertprozentig einverstanden bin. Weil ich weiß, dass eine Nichtbeteiligung das Ergebnis noch viel weniger in meinem Sinne beeinflußt als die Wahl des geringsten Übels, ein ungültiger Stimmzettel oder ein Kreuz bei der satirischen Antwort auf politische Inhaltsleere, der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiativen. Die Annahme politisch interessierter Nichtwähler, die glauben, mit ihrem Fernbleiben vom Wahlereignis die Politiker abstrafen zu können, läuft fehl. Bestenfalls ändert Nichtwählen überhaupt nichts an den Wahlergebnissen, schlimmstenfalls leistet es dem undemokratischen Gedankengut Radikaler Vorschub, falls ausschliesslich die Demokraten an Stimmen verlieren, während die Radikalen ihr Wahlrecht wahrnehmen. 
 
Vor diesem Hintergrund werden zunehmend Stimmen laut, die eine Wahlpflicht mit der Option der Enthaltung einführen wollen. ZEIT und STERN haben beispielsweise dahingehende Plädoyers veröffentlicht. Grundsätzlich kann ich dem Anliegen folgen. Man wünscht sich, dass die Bürger für ihre Demokratie Verantwortung übernehmen. Beinhaltet aber nicht Demokratie auch das Recht auf Ignoranz und Ablehnung von Freiheiten und Verantwortung?
 
DIE ZEIT spricht von einer Notwendigkeit der Wahlpflicht, weil wir „unseren Anspruch auf Sicherheit, Wohlstand , eine gute Zukunft und damit auch auf Freiheit (verwirken), wenn wir uns nicht aktiv an der Demokratie beteiligen […] Beim Wählen geht es nicht bloß um die Ausübung einer Freiheit, es geht darum, Verantwortung anzuerkennen.„. Dem stimme ich im Sinne eines Aufrufs, wählen zu gehen, uneingeschränkt zu. Aber dürfen wir die Menschen zwingen, einen dahingehenden Anspruch überhaupt aktiv für sich geltend zu machen? Dürfen Freiheit und Verantwortung nicht mit Fug und Recht unausgesprochen abgelehnt werden, indem man die Wahlbeteiligung verweigert? 
 
Meike Winnemuth schreibt im STERN, eine Wahlpflicht würde die Ergebnisse gerechter machen und das teure „Mobilisieren“ der Nichtwähler fiele weg. Nun ist aber Demokratie nicht unbedingt bequem und das mit der Gerechtigkeit sowieso eine Frage der Definition. Die Mobilisierung der Nichtwähler mag eine unangenehme Aufgabe sein, die sich manch einer gerne durch Zwangsmobilisierung von Halse schaffen würde. Demokratie beinhaltet jedoch, dass man mitmachen darf (auch wenn man zum Beispiel dumm, ignorant oder masochistisch ist), aber nicht muß. Auch wenn die Konsequenz einer solchen Nichtbeteiligung nicht im Sinne von uns Demokraten ist. Freiheit ist schließlich auch immer die Freiheit des anders Denkenden. 
 
Der Befürchtung der beiden ZEIT-Autoren, dass unsere Demokratie durch die zunehmende Nichtwählerschaft „entkernt und  letzten Endes der Anarchie und dem totalen Verlust von Gemeinschaft“ zugeführt würde, sehe ich übrigens relativ entspannt entgegen. Ich glaube daran, dass im Falle eines Zusammenbruchs des derzeitigen Parteiensystems – den ich nicht einmal zeitnah prognostizieren würde – im positiven Sinne eine Neugestaltung stattfinden kann, an der sich dann auch frustrierte, aber generell politisch interessierte Nichtwähler eventuell wieder beteiligen würden. 
 
Trotzdem, ich freue mich, wenn Sie freiwillig wählen gehen! 

Der Kick. Eine theatrale Dokumentation.

Im Jahr 2002 ist ein 16jähriger Jugendlicher nach dem Vorbild des Bordsteinkicks aus „American History X“  von seinen Kumpels brutal ermordet worden. Die Tat geschah in einem kleinen Ort, wo der Dokumentarfilmer und Psychologe Andres Veiel gelegentlich seinen Urlaub verbrachte. Veiel ist den Umständen nachgegangen, die zu einer so extremen Eskalation  geführt haben. Aus seinen Interviews und Recherchen entstand ein Theaterstück, in dessen Verlauf die psychologischen Begleitumstände deutlich werden. Die Wortbeiträge von Tätern, Eltern, einem Freund des Opfers, Staatsanwaltschaft, Ausbildern und Dorfbewohnern bebildern die Köpfe der Zuschauer und lassen die Welt der Figuren spürbar werden.

ju_szene_kick_3

Erst kommt das Fressen … kleine Moralpredigt an die grüne Partei

Zugegeben beschränkte sich mein politisches Engagement in den letzten Jahren auf die gelegentliche Teilnahme an Anti-Atom-Demos, einen offenen Brief an den Berliner Bürgermeister in Sachen mehr Geld für (das) GRIPS und eine Protestaktion zur Reaktivierung der Hamburger Opera Stabile. Immerhin bin ich aber formal noch grünes Parteimitglied und fühle mich grünen Ideen sogar prinzipiell zugetan.

Die Lektüre einer Stellenausschreibung der GAL-Fraktion Altona, wo ein/e Pressesprecher/in gesucht wird, hinterläßt jedoch bei mir die Frage, wie ernst die Grünen ihre Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt in den eigenen Reihen eigentlich nehmen.

Da beklagen die Grünen auf Bundesebene die Verweigerung zum Marktzugang und unfaire Preise beim Handel mit den sogenannten Entwicklungsländern, schreiben aber ihrerseits eine Position aus, welche zwar die Qualifikation einer vollausgebildeten Arbeitskraft erfordert, jedoch bezahlt ist wie ein Hilfsarbeiterjob. Die Definition von Fairness im Zusammenhang mit dem innerländischen Arbeitsmarkt scheint also dehnbar. Auf 400-Euro-Basis, heißt es, sollen Pressemitteilungen erstellt, Material zusammengestellt und Pressegespräche durchgeführt werden. Es soll professionell auf politische Ereignisse reagiert und en passant noch die Website betreut werden. Vorausgesetzt wird unter anderem „Erfahrung im professionellen Umgang mit Journalisten, Sicherheit im Formulieren von Pressemitteilungen“ sowie die „Kenntnis der Altonaer Politiklandschaft“. Dahingehende Kenntnisse sind zweifelsohne ’ne prima Sache und für die Tätigkeit als Pressesprecher überaus sinnvoll. Eine Vergütung solcher Qualitäten als geringfügige Beschäftigung führt jedoch die Forderung nach „fairen Löhnen“ ad absurdum.

Was, liebe Parteifreunde, nützt die Festlegung eines gesetzlichen Mindestlohnes, wenn attraktive Jobs in der Praxis als Praktikantenstellen ausgeschrieben und auf dieser Ebene dann auch vergütet werden? Die Tatsache, dass immer mehr Menschen nicht mehr von ihren Einnahmen leben können, obwohl sie (zum Teil hoch-) qualifizierte Arbeit leisten, ist nicht zuletzt diesem Vorgehen zu verdanken. Dass sich die grüne Partei in diese Form der Arbeitsmarktpolitik einreiht, läßt mich glatt darüber nachdenken, ob der Vorschlag der PARTEI, der sozialen Ungerechtigkeit durch DVBT-Empfang für Hartz IV-Empfänger entgegenzuwirken, nicht doch einleuchtender erscheint …

Mit Herz und Opera: Die stabile den Freien

Die Opera stabile ist eine Art Experimentierbühne der Hamburger Staatsoper. Jedenfalls soll sie das sein. Faktisch wird aber das wohlsubventionierte Haus derzeit wenig bespielt. Böse Zungen behaupten sogar, der experimentelle Charakter der wenigen Werke, die aktuell dort zu sehen sind, sei nicht einmal besonders ausgeprägt. Ob das zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Ich selbst habe nur eine einzige Oper in der stabile gesehen, Nina Kupczyks Interpretation des „Kaisers von Atlantis“, welche für meinen Geschmack durchaus experimentierfreudig ausgefallen ist und mich (nicht allein deshalb) zu begeistern vermochte. So oder so ist aber zumindest die Quantität der Vorstellungen ausbaufähig. Deswegen ruft die Initiative „freie Opera stabile“ dazu auf, diese Bühne für freie Künstler zu öffnen, damit diese ihre Projekte dort präsentieren können. Unsere Kultursenatorin und Künstlerin der Worte, Barbara Kisseler, will, dass freie Kunst in Hamburg Raum hat und gesehen wird. Den Austausch zwischen institutionalisierten und freien Kunstschaffenden halten Kulturpolitiker ohnedies für eine erstrebenswerte Angelegenheit. Der finanzielle Spielraum, ihn zu ermöglichen, ist da allerdings angesichts der kostenträchtigen Elbphilharmonie beklagenswert gering. Und so könnte solch ein Ort der künstlerischen Vielfalt in der stabile entstehen, wenn die Freien die Lücken füllen, welche der aktuelle Spielplan zweifelsohne hergibt.
Am Donnerstag, den 10. Mai soll die kleine Schwester der Staatsoper symbolisch reanimiert werden. EAT.PLAY.LOVE. findet die Idee einer Wiederbelebung durch die freie Kunst super und beteiligt sich als ehrenamtliches Pflegepersonal. Wie gut, dass mein Kollege und Gretchen-Regisseur eine Vergangenheit als Krankenpfleger zu beklagen hat und durch sportlichen Ehrgeiz wieder in die alte Pflegerhose passt. Ich selbst verfüge dank eines Spaßgeschenks meiner Freundinnen über ein Schwester-Esther-Outfit. Das Grüppchen der Demonstranten ist überschaubar. Aber die Herzdruckmassage mit zwei Bügeleisen hat zumindest die Herzen der Abendblatt-Kulturjournalisten höher schlagen lassen. Wir bekommen zwei Artikel in der Freitagsausgabe. Und ich das Covershooting für die Facebookpräsenz der Initiative. Eines der Protestplakate darf ich mitnehmen. Es wird künftig das Bühnenbild von Gretchen 89ff bereichern. Welche Erfolge der Einsatz der freien Notärzte noch so hat, bleibt offen. Im Moment ist der Zustand der Patientin nach wie vor verschlossen, aber immerhin stabil.

Freies Pflegepersonal im Einsatz für das Herz der Kulturinstitutionen

Schwester Esther auf der Intensivstation

Untergangsstatistik

Kleiner statistischer Ausflug zum Thema Untergang. Wie das statistische Bundesamt unter der Rubrik „Zahl der Woche“ mitteilt, sind im Jahr 2007 351 Menschen bei Unfällen durch Ertrinken oder Untergehen gestorben.

Worin allerdings der Unterschied zwischen Ertrinken und Untergehen besteht, wird nicht näher erklärt. Fürs Ergebnis dürfte es unwesentlich sein, ob jemand lediglich ertrunken oder aber zusätzlich auch noch untergegangen ist. Wobei umgekehrt der Tod durch Untergehen ein Ertrinken voraussetzt. Oder? Fakt ist, dass 70% der Personen über 45 Jahre alt waren, und zwar unabhängig davon, ob ertrunken und/oder untergegangen wurde. Im Untergangsensemble sind 70 % der Personen noch unter 35, was wahrscheinlich daran liegt, das Bruno Ganz doch nicht mitspielt.

STEFAN KOLONSKO, BERLIN:
DER UNTERGANG 2 © STEFAN KOLONSKO
EIN STARKES STÜCK THEATER OHNE BRUNO GANZ

Hamburg. Walsrode. Venedig.

Hamburg: Nun ist es passiert. Virginia Woolf hat keine Regisseurin mehr. Lange Geschichte. Das sagt mein Sohn immer, wenn er die näheren Umstände nicht benennen oder erläutern mag. Lange Geschichte also, deren Details zum Teil bestimmt als absurdes Theater durchgehen, aber trotzdem nicht hierher gehören. Ich bin erschöpft, erledigt, halte die Entscheidung für falsch. Wir haben ohne Regie zu proben angefangen. Und als dann eine Regie da war, habe ich endlich begriffen, wofür Regisseure eigentlich da sind. Ich habe die Knilche oft genug als überflüssig bezeichnet. Und sie belieben ja auch zu nerven, wenn sie andauernd die Szene unterbrechen, weil du zu weit vorne stehst oder der Übergang unsauber ist oder was weiß ich, während du dich gerade gefragt hast , wie sich deine Figur eigentlich in den Zehen fühlt, emotional ganz großes Kino erlebt hast und richtig schön drin warst. Deswegen wird die Notwendigkeit einer Regie üblicherweise erst dann klar, wenn kein Regisseur mehr da ist. Und dann hat ein Schauspieler große Sehnsucht nach jemandem, der Struktur reinbringt, von aussen draufschaut, Bilder baut, die Sachen wiederholbar macht, fixiert, den Aktivismus ordnet, den einen ausbremst, den anderen in Bewegung bringt, festlegt, wo der Fokus hin soll. Hält man ja alles für selbstverständlich. Ist es aber nicht. Ich will meine Regisseurin zurück.

Walsrode: Heute abend läutet mein Dinnerkrimi-Ensemble mit zwei gepflegten Morden die Spielzeitpause ein. Hinter den Kulissen kämpfen die Dine-and-Crime-Macher in den eigenen Reihen. Und zwar um ihre Anerkennung als ganz große Theatermacher. Einige Kollegen haben sich angeblich "in der Überzeugung eingerichtet, es handle sich bei einem Dinnertheater um Theater zweiter Klasse". Ich bin unsicher, ob ich mich angesprochen fühlen soll. Ich spiele gerne Dinnershows und finde, dass man sich für die Produktion guter Unterhaltung unter keinen Umständen schämen muß. Das macht allerdings, by the way, ein Dinnerkrimistück trotzdem zu keinem Faust. Macht ja nichts. Das Geschäft läuft wie geschnitten Brot. Dinnerformate werden vom Zuschauer goutiert. Und das ist natürlich nicht nur eine prima Daseinsberechtigung, sondern auch schön, weil man mit dem Gefühl rausgeht, den Leuten Spaß beschert zu haben.

Venedig: Die 54.Biennale öffnet heute ihre Pforten. Hier versuchen die Macher jenseits der Unterhaltungsfrage nicht nur Gerhard Richter und andere mehr oder weniger prominente kunstinterne Skeptiker, sondern auch die letzten Kulturbanausen "draussen" zu überzeugen, dass der Kindergeburtstagsquatsch von Christoph Schlingensief mit Kunst zu tun hat. Schlingensief rockt den deutschen Pavillion. Ich hätte gerne gewusst, wie er es findet. Naja, in Wirklichkeit weiß ich nichtmal, wie ich es finde, weil ich auf rudimentäre Zusammenfassungen in der deutschen Presse angewiesen bin. Die Rede ist neben Filmmaterial über das Operndorf und so und dem Budenzauber mit der Kirche von einer Bespielung des deutschen Pavillions, bei der ich gerne mitgewirkt hätte. Ich hätte auch wieder der-die-das gesungen wie in Duisburg damals – zumal ich da ja seit 25 Jahren übe. Meine liebe kleine Schwester hört seit ihrem dritten oder vierten Lebensjahr täglich Sesamstrassenkassetten. Ich finde es jedenfalls schön, dass Christoph dabei ist und dass das 'Leben selbst', wie Elke Heidenreich den Knaben mit Fug und Recht betitelt hat, noch nicht wirklich tot ist! Denn tot, sagt Brecht, ist ein Mensch erst, wenn niemand mehr an ihn denkt. Und das ist gut so.