Erste Tage im Ländle

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waldweg

Ein unglaubliches Panorama – für den Flachländer ungewohnt. Gigantisch. Allerdings brauche ich zwei Versuche, um eine Joggingstrecke zu finden, die mich an Höhenunterschied nicht überfordert.

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home sweet home … für die nächsten drei Wochen

Mein Kollege und ich wohnen im Gästehaus, keine 100 Meter vom Theater entfernt; ein uriges altes Gebäude mit einer Mischung aus Jugendherbergs- und Bauernhauscharme. Zur Stund sind wir die einzigen Gäste, was natürlich extrem komfortabel ist. Man kann laut Text lernen und jeden Tag den Duschraum wechseln, wenn man möchte. Gegenüber gibt es einen Bauernhof mit Milchtankstelle und Apfel-Häusle, ausserdem kriegt man da Kartoffeln und Eier.

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Das Apfel-Häusle

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Die Milchtankstelle

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Und – Simmersfeld hat einen eigenen Michel! Der Fleckenvetter-Michel von Simmersfeld zeichnete sich, soweit ich es verstanden habe, vor allem dadurch aus, dass er seinen Ertrag aus der Landwirtschaft umgehend versoffen hat.

Fleckenvetter-Michel

Ich genieße es sehr, keinen langen Weg zur Arbeit und vor allem sonst keine Termine zu haben. Es fühlt sich tatsächlich ein bißchen an wie bezahlter Urlaub. Dabei arbeiten wir durchaus. Einen Teil des Tages verbringe ich als Sophie in Paris – bis jetzt nur „am Tisch“, ab morgen dann auf der Bühne. Einen Teil des Tages ist bereits Sommer, August in Paris. Der Monat, wo die anderen Pariser im Urlaub sind und die Stadt aus Touristen und Flics besteht. Und auch Sophie ist nur in der Stadt, weil Jean-Emile sie dieses Jahr nicht, wie in den Jahren davor, auf seine Yacht eingeladen hat. Es ist ihr vierzigster Geburtstag und sie ist mutterseelenallein. Ein Zustand, welcher der überaus sinnlichen Frau, die gewohnheitsmäßig von Männern umschwärmt und erobert wird, so katastrophal erscheint, dass sie beschliesst, sich in der Badewanne das Leben zu nehmen. Bedauerlicher- … nein, glücklicherweise produzieren die Vorbereitungen auf dieses letzte Bad einen Wasserschaden in der Wohnung unter ihr und der eigenbrötlerische Nachbar Betrand verhindert durch seinen Auftritt, dass das Stück schon nach wenigen Minuten zu Ende ist. Eine Beziehungskomödie – Boulevard as Boulevard can – nimmt ihren Lauf. Und ich mag diese Sophie, die so emotional und so leidenschaftlich und unmittelbar … ja, so ganz la Parisienne ist. Nach der Probe umgibt mich dann wieder schwarzwäldische Landruhe.

Bis jetzt vermisse Hamburg noch nicht allzu sehr, auch wenn ich nicht davon ausgehe dem Hans-Castorp-Syndrom zu verfallen und statt der geplanten drei Wochen sieben Jahre zu bleiben. Naja, der war ja auch in der Schweiz.

NDR- Norddeutscher Dumping Report

Der im folgenden zitierte offene Brief an den NDR kursiert zur Zeit in den social medias. Ich möchte ihn hier teilen, weil ich genau wie die Kollegen einigermaßen bestürzt bin über die Annahme des NDR – immerhin ein öffentlich-rechtlicher Sender für dessen Bestand wir alle GEZ zahlen und so weiter – man könne Mitschnitte künstlerischer Programme einfach unvergütet senden.

Was ist passiert?
Das Künstlerehepaar Jennifer und Michael Ehnert erhält eine Anfrage vom Norddeutschen Rundfunk mit dem Anliegen, ihr Kabarettprogramm aufzuzeichnen und anschliessend zu senden. Es finden einige Vorbereitungen statt, etwa eine Spielortbesichtigung, wobei das Ehepaar aufgrund vorangegangener Zusammenarbeit mit dem NDR voraussetzt, dass eine Vergütung für den Dreh eingeplant ist, deren Höhe zu verhandeln ist. Bei späteren Verhandlungen ihrer Agentur mit den NDR-Vertretren stellt sich jedoch heraus, dass das vom NDR eingeplante Honorar ganze null Euro beträgt.

Der Argumentation meiner Kollegen in ihrem offenen Brief, mit dem sie auf die Sache reagieren, ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Offener Brief

Hamburg, 17. Januar 2016

Sehr geehrter Herr Marmor,

am 23. Dezember des vergangenen Jahres hat sich die NDR Fernsehredaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ entschieden, unser Kabarett-Schauspiel „Zweikampfhasen“ aufzuzeichnen, um es dann anschließend im NDR-Fernsehen zu senden. Darüber haben wir uns sehr gefreut.

Direkt anschließend haben dann auch schon die ersten Organisationsschritte stattgefunden: Wir haben mit dem Stadttheater Elmshorn eine schöne Location gefunden und mit Vertretern der NDR-Redaktion eine erste Spielort-Besichtigung vorgenommen. In den ersten Tagen des neuen Jahres kam es dann unverzüglich zu einem Telefonat zwischen unserer Agentur und der Produktionsleitung, um nun auch die vertraglichen Aspekte der Fernsehaufzeichnung zu klären. Da wir in den letzten 16 Jahren schon sieben ähnliche Kooperationen mit dem NDR gemacht hatten, schien es uns bei den anstehenden „Verhandlungen“ nur noch um einzelne Details zu gehen.
Von dem Honorar, das üblicherweise vom NDR für eine solche Theater-Aufzeichnung gezahlt wurde, konnten bisher der Regisseur, der Autor, die Schauspieler, der Komponist und die Produzenten des Stückes wenigstens halbwegs angemessen bezahlt werden.

Das Angebot der NDR-Programmredaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ für die jetzige Aufzeichnung belief sich dann auf 0 (in Worten: null) Euro.

Das hat – um es einmal sachlich auszudrücken – einiges Unverständnis in uns ausgelöst.

Wir möchten jetzt nicht näher auf Kommunikationsversäumnisse eingehen, dass es zum Beispiel seitens der Redaktion gut gewesen wäre, schon bei der ersten Begegnung zu sagen: „Wir möchten euer Programm aufzeichnen, aber dafür nichts bezahlen.“ Beide Seiten hätten sich dann weitere Vorbereitungsarbeiten sparen können, denn natürlich hätten wir solch ein Anliegen sofort zurückgewiesen.

Doch es geht hier um mehr.

Die Argumentation der Redaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ ist nämlich die, Zitat (aus der Erinnerung): „Es hat doch einen Werbeeffekt für Sie, wenn wir Ihr Programm senden!“ – Das ist sicher richtig, gilt aber für BEIDE Seiten. Das heißt wir Künstler bekommen mit der Ausstrahlung unseres Stückes im NDR zwar eine größere Aufmerksamkeit, aber auch der NDR bekommt durch uns Künstler eine Erweiterung seines Portfolios.
Und ob sich dieser mutmaßliche „Werbeeffekt“ für uns Künstler irgendwann auch finanziell auszahlt, ist durchaus fraglich, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass ein NDR-Zuschauer, der sich unser Programm im Fernsehen ansieht, es sich anschließend nicht noch einmal live in einem Theater ansehen wird; wir verlieren also potenzielle, zahlende Theaterzuschauer.

Dieser so genannte „Werbeeffekt“ ersetzt also nicht ein ernst zu nehmendes Honorar. Man käme beim NDR ja auch nicht auf die aberwitzige Idee, Til Schweiger zu fragen, ob er unentgeltlich einen NDR-Tatort-Kommissar spielen möchte, um damit in Zukunft seine Kinofilme besser bewerben zu können. Das ist Quatsch!

Ein weiteres Argument der Redaktion war, dass wir unser Stück doch „sowieso“ spielen, dann könne der NDR es doch auch mitschneiden. Ein interessantes Konzept. Vielleicht können wir auf unserer nächsten Tournee in den ICE nach München steigen und dem Kontrolleur sagen: „Wieso sollten wir Fahrkarten lösen, der Zug fährt doch sowieso!?“

Und zu guter Letzt hieß es, diese vom NDR vorgeschlagene unentgeltliche Zusammenarbeit sei ja vielleicht auch nur der Einstieg in eine weitergehende, zukunftsweisende Zusammenarbeit mit dem NDR.
Was soll das für eine Zusammenarbeit sein? Wir entwickeln und finanzieren Kultur und stellen diese dann dem NDR kostenfrei zur Verfügung? Sind wir Sponsoren des NDR?

Selbst wenn wir einmal davon absehen, dass es extrem demütigend ist, als gestandener Künstler und langjähriger NDR-Kooperationspartner auf den Status eines Praktikanten heruntergestuft zu werden, so bleibt immer noch die Frage, was denn nun das Zukunftsweisende und Innovative sein soll, was die NDR-Redaktion „Planung, Entwicklung, Innovation“ zu bieten hat?

Kunst wird aufgezeichnet und gesendet, aber nicht mehr bezahlt?! Das ist genau genommen Medienpiraterie. Der einzige Unterschied zum kriminellen Hacker, der sich unentgeltlich Filme oder Musik herunterlädt, ist, dass der NDR die Künstler nötigen möchte, eine Einverständniserklärung für diesen Kunstraub zu unterschreiben.

Das ist mit uns nicht machbar.

Die unentgeltliche Zurverfügungstellung künstlerischer Arbeit ist ein sehr großer Schritt in eine völlig falsche Richtung.

Unserem Wissen nach ist die Aufgabe des großen NDR-Apparats, den Zuschauern neben Information und Sport auch hochwertiges Unterhaltungsprogramm zu liefern. Dass es innerhalb des NDR-Apparats möglicherweise Notwendigkeiten gibt, Kosten zu minimieren, um dieser Aufgabe auch in Zukunft gerecht werden zu können, können wir uns vorstellen. Aber das kann und darf doch nicht dazu führen, dass das eigentliche Endprodukt, der zentrale Grund, warum Menschen das NDR-Fernsehen einschalten, nämlich die kreative Arbeit vor der Kamera gar nicht mehr bezahlt wird.

Wenn unsere kulturelle Leistung, die Arbeit von freischaffenden Schauspielern, Autoren, Regisseuren, Komponisten und Produzenten nur noch als „weicher Kostenfaktor“ gesehen wird, den man beliebig reduzieren kann, ist das der künstlerische Ausverkauf, an dessen Ende ein gut ausgestatteter NDR-Apparat steht – mit Hobbykünstlern und Laiendarstellern vor der Kamera.

Das können Sie nicht wollen.

Wir haben die Form des Offenen Briefes an Sie gewählt, weil es hier nicht nur um unseren speziellen Einzelfall geht, um eine einzelne missglückte Kooperation im redaktionellen NDR-Tagesgeschäft, sondern um gängige Praxis in einer Vielzahl von Fällen.

Wir sehen hoffnungsvoll und interessiert Ihrer Antwort entgegen, in der Sie sich für eine adäquate Bezahlung der selbständigen Kreativen, Künstler und Kulturschaffenden aussprechen und diesen Worten strukturell Rechnung tragen.

Außerdem verbinden wir mit diesem Offenen Brief die Hoffnung, dass auch andere Künstler eine Zusammenarbeit mit dem NDR zu diesen Null-Konditionen verweigern.

Mit freundlichen Grüßen

Jennifer & Michael Ehnert

Bestürzend ist der Vorfall vor allem vor dem Hintergrund, dass es allgemein in Mode gekommen ist, die Berechtigung von Vergütung für künstlerische Arbeit respektive ihrer Zurverfügungstellung für Veröffentlichungen aller Art anzuzweifeln. Selbst im Kollegenkreis erlebe ich immer wieder Leute, die die Auffassung vertreten, No-und Low-Budjet Angebote seien unproblematisch, denn immerhin könne der Künstler ja jederzeit nein sagen, wenn er mit den Konditionen nicht einverstanden ist. Letzteres ist zwar korrekt, allerdings würde in keinem anderen professionellen Bereich die Notwendigkeit bestritten, sich (ob als Freiberufler oder Arbeitnehmer) Lobbys zu schaffen, um die gemeinsamen Interessen gegenüber sagen wir „mächtigen“ Auftraggebern stark genug vertreten zu können. Als Individuum wird man der Tendenz zum Dumpingpreis nie effektiv entgegen wirken. Deshalb organisieren sich auch Freelancer in Gewerkschaften und gewerkschaftsähnlichen Verbänden. Unter Künstlern, insbesondere den darstellenden, gibt es derer bis heute zu wenig. Zwar unternehmen Verbände und Initiativen wie der bffs oder art but fair Ansätze in die richtige Richtung, werden aber dabei paradoxerweise sogar aus den eigenen Reihen torpediert oder verheddern sich in internen Streitigkeiten um Kleinkram. Das ist schade, denn eine angemessene Vergütung unserer Arbeit sollte doch ein unstrittiges Anliegen sein.

Ich persönlich wettere übrigens nicht gegen Low-Budjet-Produktionen, an denen keiner der Beteiligten verdient. Ich habe selbst schon Produktionen umgesetzt, die vor dem Hintergrund fehlender oder minimaler Subventionen nur unter der Voraussetzung verwirklicht werden konnten, dass die Beteiligten auf gute Bezahlung verzichten. Andernfalls hätten diese Produktionen schlichtweg nicht stattgefunden. Eine Institution wie der NDR hingegen müßte kaum auf die Ausstrahlung ihres Programms verzichten, wenn sie die beteiligten Künstler bezahlt.

In diesem Sinne gilt meine Solidarität den Zweikampfhasen.

Respirer Paris

Mit dem heutigen Datum kann man eigentlich nichts veröffentlichen, ohne dass der 7. Januar 2015 zumindest Erwähnung findet. Besonders wenn der Schauplatz des Artikels Paris ist, jene Stadt, deren mediale Präsenz im vergangenen Jahr bedauerlicherweise hauptsächlich im Zusammenhang mit terroristisch motivierten Attentaten stand.

Charlie-Hebdo-Cover-full-January-7-2016           On est Charlie. Toujours.

Der folgende Bericht hätte allerdings an jedem anderen Tag veröffentlicht werden können, die Koinzidenz ist zufällig.

Voilà, c’est fait. Mein erstes Vorsprechen im Ausland.

Ich habe lange überlegt, ob ich hinfahre, weil sich nach dem ersten Adrenalinaufkommen, einigen Freudentränchen und einem inneren Tänzchen um mein Handy unmittelbar nach der – in der S-Bahn gelesenen –  Einladungsmail doch große Versagensängste breit gemacht haben. Eine Kettenreaktion von Bedenken läßt mich den Flug nach Paris in allerletzter Minute buchen:
War diese Bewerbung nicht vermessen vor dem Hintergrund meiner nur rudimentär vorhandenen Spielerfahrung in französischer Sprache?
Nicht dass ich am Ende noch am Verständnis der Aufgabenstellung scheitere – angekündigt waren 2 lange Audtion-Tage mit Improvisationsaufgaben rund um Manipulation und Selbstachtung im Zusammenhang mit Radikalisierung und islamistischem Terrorismus. Notiz am Rande: an dieser Stelle fällt mir plötzlich auf, dass sich doch ein thematischer Zusammenhang zum heutigen Datum herstellen läßt.Weiter im Text …
Lohnt der Aufwand in Anbetracht der sehr geringen Erfolgswahrscheinlichkeit, ja, kann ich mir solche Vergnügen überhaupt leisten, wo ich eh in einem monetären Hamsterrad stecke und dem Eindruck unterliege, permanent arbeiten zu müssen, um entspannt meine laufenden Kosten zu decken?
Und überhaupt, Moment mal, was mache ich denn, wenn die mich wollen und ich dann alle Nase lang nach Frankreich muß, um an einem zwar künstlerisch unschlagbaren, aber mäßig bezahlten Probenprozeß teilzunehmen – kann ich mir DAS leisten?

Schließlich siegt der Gedanke, dass kneifen noch viel beschämender wäre. Und let’s face it, wenn man mit 40 nicht langsam mal anfängt, seinen Auslandsplänen ein real existierendes Fundament unterzusetzen, wird ihre Umsetzung nicht unbedingt wahrscheinlicher. Also rufe ich meine Tante in Antony an, kündige mich für den nächsten Tag an und buche einen Flug.

Praktischerweise liefert mir meine französischsprachige Familie die Gelegenheit, schonmal ein bißchen in die französische Sprach- und Redekultur einzusteigen. Überhaupt sehe ich diesen Teil der Familie entfernungsbedingt viel zu selten und finde es prima, Zeit mit ihnen zu verbringen und mich über Zukunkfts- und Familienplanung meiner jungen Cousins updaten zu lassen.

Das Vorsprechen selbst beginnt damit, dass ich mich verlaufe und feststelle, dass die rue Willy Brandt Frankreichs Antwort auf Bielefeld zu sein scheint. Keiner kennt diese Straße – und selbst als ein besonders hilfsbereiter Monsieur sein GPS System bemüht, taucht sie nirgendwo auf.  Dabei hatte ich diesem Schauplatz bereits eine signifikante Bedeutung zugemessen und fühlte mich als Deutsche schon gar nicht mehr ganz so fremd. Als ich mir bereits wünsche, das Vorsprechen möge bei Georges Boisseau stattfinden, durch dessen Strasse ich bis dahin fünf- bis sechsmal marschiert war, lotst mich der vermutlich einzige ortskundige Einwohner Clichys dann doch noch zur richtigen Adresse und es kann losgehen.

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben kein vergleichbares Vorsprechen absolviert. Die Gruppe besteht aus über 30 Personen – in Frankreich wie hier deutlich mehr Frauen als Männer – und die Arbeit miteinander ist sofort superintensiv und irgendwie vertraut. Wenn ich die Kollegen auf der Bühne beobachte, entsteht der Eindruck, sie würden seit Monaten miteinander arbeiten. Ich bin ausnahmslos begeistert über die Intensität, die Glaubwürdigkeit und die Phantasie ihres Spiels. Und ja, ich nehme selbst teil an langen, intensiven Improvisationen, zu zweit, zu dritt und im großen Ensemble. Was ich liefere, ist mit Sicherheit nicht die Performance meines Lebens, denn natürlich bin ich limitiert, was die Sprache betrifft, kann also im Redetempo nicht immer ganz mithalten und lege meine sämtlichen Figuren entsprechend langsamtickend an. Mich nervt später auch ein bißchen, dass ich mich bei der anschliessenden Besprechung eigener Ideen zurück halte, weil ich glaube, die meinen nicht eloquent genug formuliert zu kriegen. Retrospektiv denke ich, ich hätte da mutiger sein können. Aber hey, vor dem Hintergrund all dieser Einschränkungen und meinen vorangegangenen Ängsten ist das Ding – um mit unserem sogenannten Pop-Titanen zu sprechen – hammermäßig gelaufen und ich hatte einige der schönsten Stunden meines Schauspielerlebens. Ehrlich. Das liegt unter anderem an meinen großartigen französischen Kolleginnen und Kollegen, die nicht nur ausnahmslos gute Schauspieler sind, sondern dafür sorgen, dass kein Fremdkörpergefühl entsteht, obwohl ich erwartungsgemäß die einzige nicht in Frankreich sozialisierte Ausländerin bin.

Dieses Gefühl setzt sich bei der gemeinsamen Rückfahrt im RER fort und befeuert meine Lust, hier in Frankreich was zu machen künstlerisch. Inzwischen bin ich auch überzeugt, dass die Fundamente meiner Kommunikationsfähigkeit stabil genug sind, um darauf aufbauen zu können. Ja, ich traue mich sogar am nächsten Tag, in einen längeren Diskurs über Hitler und die Front National einzusteigen. Ich mache nämlich noch ein bißchen die Touristin, mache Selfies, schreibe eine Postkarte an Opa und flaniere durch Paris. Dabei bleibt es als alleinreisende Frau unter 70 ja nie aus, von verschiedensten Männern in Gespräche verwickelt zu werden – mit dem Ziel der Anmache, versteht sich, ils sont des dragueurs quand même, les français. Einer davon schenkt mir eine Rose, ein anderer juchzt entzückt auf, als ich mich als Deutsche entpuppe (beide halten mich zunächst für eine Belgierin). Letzterer teilt mit, dass er eine Schwäche hat für alles, was deutsch ist und begründet das damit, dass Adolf (H)itler zwar Fehler gemacht, aber im Grunde eine prima Alternative zur Omnipotenz jüdischer Machthaber angeboten habe. Ich erspare Euch die Details der folgenden Auseinandersetzung – wäre rahmensprengend und nicht sonderlich amüsant. Nur so viel: Auch solche Gesprächsinhalte sind irgendwie machbar inzwischen, wenn auch mit Luft nach oben, was Stil und Präzision der Argumentationsführung betrifft.

Den Konkurs ums größte Sympathie- und Unterhaltungspotential gewinnt der Typ mit der Rose, den um das gelungenste Selfie die folgende Aufnahme inklusive selbiger:

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Im Übrigen beobachte ich eine hohe Polizeipräsenz auf den Strassen, passiere auf dem Weg zum Vorsprechen by the way das Stade de France in Saint Denis, wo die Anschläge des 13. November begonnen haben, vermerke entzückt, dass die Touristen-Doppeldecker in Paris noch offen fahren und weniger entzückt, dass sie keine Live-Moderation anbieten wie hier in Hamburg, so dass eine solche als Option für einen Job in der französischen Metropole ausfällt – entdecke aber schließlich eine attraktiv anmutende Alternative: das Théatre de la Huchette.

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Dies ist nicht das Theater, wo ich vorgesprochen habe, aber ein besonders niedliches im Herzen von St Michel

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Begegnungen mit so Uniformierten – les flics, wie der Franzose sie nennt – sind zur Stund Alltag in den Strassen von Paris

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Keine Live-Moderation, aber offenes Dach unf WiFi an Bord sowie einen Getränkeautomaten. Dafür zahlt man aber auch im Vergleich zu unseren Doppeldeckern den doppelten Preis für so eine Rundfahrt. Und nein, ich habe hier keine Stadtrundfahrt gemacht – weder zuhörend, noch sprechend.

Zurück in Hamburg ist es bereits bitterkalt, und während man in Paris noch draußen in den Cafés sitzt, stülpe ich mir am Flughafen Schal, Mütze und Handschuhe über und entscheide mich für einen zweiten Pullover, während ich die Treppen in Richtung Rollfeld hinuntergleite – Willkommen zu Hause.

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Das Rennen um die Rolle in Paris habe ich dieses Mal nicht gemacht. Aber das ist in Ordnung, denn egal welche Kollegin es geworden ist, sie haben es alle verdient. Und ich weiß jetzt, dass ich mich weiter in Richtung Ausland bewerbe.

Amateurgroteske für Deutschland. Und Hamburg hat gewählt.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Kollegen mit einer so opportunistischen Berufsauffassung 1933 auch in einem Wahlwerbespot der NSDAP „mitgespielt“ hätten?

 

„Ob wir nun eine Leiche im Tatort spielen oder einen AfD-Anhänger“, fragt eine der Schauspielerinnen hier so unbedarft, wo sei denn da der Unterschied? Generell spricht selbstverständlich nichts gegen die Darstellung eines AfD-Anhängers. Allerdings bin ich verblüfft, dass diese Kollegen ihren schauspielerischen Beitrag zu Parteiwerbung offenbar einem – vermeintlichen oder tatsächlichen – Auftritt in einer fiktiven TV-Produktion gleichstellen.

Ob dieser Spot von 2013 dazu beigetragen hat, sei mal dahingestellt. Fakt ist, Hamburg hatte Mut zur Dummheit: Mit 6,1 % (nach vorläufiger Hochrechnung) wird die AfD in der Hamburger Bürgerschaft fürderhin ihre Abwegigen Ideen für Deutschland unterbreiten können. Tolle Wurst.

Theater at its best: Stückchen, die das Leben schreibt

Wer hätte gedacht, dass Rechtsradikale einen so hohen Unterhaltungswert haben. Diese Panne erinnert ein bisschen an den Selbstmörder, der beim Sprung von der Siegessäule unterwegs aus Versehen verhungert ist. Die Uraufführung dieses Schwanks aus dem … man traut es sich in dem Kontext gar nicht zu formulieren … ähm, Reich unserer nationalsozialistisch gesinnten Mitbürger hat mich jedenfalls heute Tränen lachen lassen. Gesinnung schützt jedoch vor Thorheit nicht. Quod erat demonstrandum, oder so ähnlich.

Gefunden bei Stern online am 1. Februar 2015 unter der Headline (lesen lohnt sich, ganz großes Tennis!):

Alle stiegen in den falschen Zug zur Demo NPD-Anhänger zu dumm zum Bahnfahren

Augen auf im Schienenverkehr - mit dem linken sieht man besser!

Augen auf im Schienenverkehr – mit dem linken sieht man besser!

 

Dessiner tue

Dessiner tue

„Manche Arschlöcher glauben an Gott, andere Arschlöcher an Allah“ tweeted der Kabarettist Volker Pispers. Das habe aber nichts mit Religion zu tun. Ein einfaches Statement. Ich stimme zu.

Leider sind auch die aufgeklärten Westeuropäer weit davon entfernt, zwischen Islam und islamistischen Extremisten immer zu unterscheiden. Während islamistische Terroristen die Idee einer freien Welt, einer freien Meinung und einer freien Kunst unter dem Deckmantel muslimischer Interessen gewaltsam angreifen, instrumentalisieren nicht minder menschenfeindliche Rassisten den Islamismus als Rechtfertigung für ihre menschenverachtenden Parolen. Noch schlimmer, sogar die Anschläge auf Moscheen, die nach dem Massaker in Paris passiert sind, betrachtet der ein oder andere sogenannte Demokrat als mehr oder minder zwangsläufigen Kollateralschaden, den die Muslime quasi selbst zu verantworten hätten. Auf einer der Demos in Paris sagt eine Muslima im französischen Fernsehen „Es ist vor allem ein Angriff auf uns, die Muslime“.

Im Gegenzug finde ich selbst in meinem persönlichen Umfeld Stimmen die andeuten, die Opfer von Charlie Hebdo hätten sich mit der fortgesetzten Publilkation islamophober Karikaturen ihr eigenes Grab gezeichnet und seien daher nur bedingt zu bedauern. Welch absurde Kettenreaktion menschenfeindlichen Gedankenguts auf allen Seiten. Ich habe mir noch keine abschließende Meinung darüber gebildet, ob die von Charlie Hebdo veröffentlichten Mohammed-Karikaturen in Frequenz und Inhalt als islamophob zu bezeichnen sind oder nicht. Ich kann nachvollziehen, dass sie in der morgenländischen Kultur als offensive – und an mancher Stelle auch überflüssige – Beleidigung wahrgenommen worden sind, neige aber zu der Haltung, dass Kunst weh tun darf. Dass manch einer die kritisierten Karikaturen als geschmacklos wahrnimmt, verstehe ich, menschenverachtend finde ich sie nicht. Welche Haltung man dazu auch immer einnimmt, ist aber eines klar: niemand hat es verdient, abgeschlachtet zu werden.

Die Satire selbst jedenfalls ist nicht getötet worden.
Vive l’art! Es lebe die Kunst!
@David Pope

@David Pope

@Martin Vidberg

@Martin Vidberg

@Ruben L. Oppenheimer

@Ruben L. Oppenheimer

@Magnus Shaw

@Magnus Shaw

 

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Schwarze Augen, Maria

Nun ist sie da. Karin Beier, die dem Schauspielhaus frischen Atem einhauchen soll, hat am Wochenende ihren Einstand gegeben. Weil der erste Vorhang schon vor Stückbeginn gefallen war, und zwar eisern und mit Kollateralschäden, konnten die  Eröffnungsakteure erst am letzten Samstag statt wie geplant schon im November sieben Stunden rasen. Und so ist wider Erwarten eine andere Veranstaltung Teil der Eröffnungszeremonie geworden, nämlich der Tag der offenen Tür im Haus Lebensbaum, welches man durch ein unauffälliges Tor im Hinterhof eines unspektakulären Sträßchens in Uhlenhorst erreicht. Haus Lebensbaum ist eine Erfindung der Performertruppe „Signa“. Es wurde in einem verlassenen Schulgebäude von annodazumal als Schauplatz der Performance „Schwarze Augen, Maria“ hergerichtet.

Ich war da, sogar länger als sieben Stunden. Ich bin eigentlich kein besonderer Freund überlanger Frontalbespielung. In diesem Fall war aber die ausgedehnte Dauer meines Aufenthalts notwendig, ja, gewinnbringend, für mein Theatererlebnis. Ausserdem handelte es sich nicht um Frontaltheater. Man bewegte sich frei im Haus, konnte pullern, essen, Wodka trinken und sogar rauchen. Spiegel online nennt es „begehbares Unterschichtenfernsehen“. Ich selbst würde das Erlebte als Live-Thriller bezeichnen.

Mit dem Betreten des Gebäudes bin ich mit allen Sinnen in einer anderen Welt – einer Welt aus ranzigem DDR-Charme, sektenartigen Vorgängen, Menschen mit geistigen und körperlichen Gebrechen und Absonderlichkeiten, die teils niedlich, teils bedrohlich einer Art Gruppenwahn frönen und dabei in manchen Momenten sogar sehr alltäglich wirken. Man sieht, riecht, spürt und schmeckt diese Welt. Mit jeder Stunde erschliesst sich ein neues Puzzlestück der gemeinsamen Geschichte der Protagonisten, die wir im Haus Lebensbaum „besuchen“. Mit jeder Minute werde ich weniger Besucherin und immer mehr Teil der Geschichte. Ich überbringe im Auftrag der kleinen Mitzi tote Marienkäfer (ja, echte) an ihre Freundin Kendra, trinke ein Bier mit Oma Brigitte und Wodka mit Maria Maria, begleite eine apathische Bewohnerin aufs Klo, ich windle sie, wasche ihre Hände, trockne sie ab, offeriere ihr einen Sitzplatz. Und dann muß ich erstmal eine rauchen! All diese „Banalitäten“ geschehen in so einer gruseligen Atmosphäre, die Psychofilme auszeichnet … ein mysteriöses Gewaber zwischen Wahnsinn und Alltag, Illusion und Wirklichkeit, dem sich der Held nie entziehen kann, ein geisterhaftes Ambiente und die Andeutung von Geheimnissen …

Als Schauspieler läuft man ja von Hause aus sehr im Analysemodus, wenn man Theater konsumiert. Man fragt sich: wie machen die das, wie hätte ich das gemacht, hätte ich das gemacht, waren die darauf vorbereitet, welchen Regeln folgt diese Performance, was ist hier einstudiert und was entsteht gerade … Spätestens nach dem Toilettengang mit der apathischen Bewohnerin entsteht eine interessante Mischperspektive in mir. Ich bin einerseits so involviert, dass sich das Geschehen wie reale Notwendigkeit anfühlt, eben wie ein realer Besuch einer realen Einrichtung. Andererseits meldet sich ab und zu die Schauspielerin in mir zu Wort, die sich fragt, ob die Kollegin, die die apathische Bewohnerin spielt, eine Peinlichkeit dabei empfindet, von mir gewindelt zu werden oder ob die Figur an einem Punkt von ihr Besitz ergriffen hat, wo solche Empfindungen nicht mehr vorkommen, und wie sich das für die Schauspielerin anfühlen würde, wenn beispielsweise ihre Vermieterin zufällig in die Vorstellung käme und ob sie – als Schauspielerin oder als apathische Bewohnerin – mein eigenes peinlich berührt sein wohl spürt. Breiten Raum nimmt auch zeitweise die faszinierende Vorstellung ein, wie das Ensemble unendlich viele Zeichnungen, Malereien an Wänden und auf Papier und die detaillierte Ausstattung der einzelnen Wohnungen angefertigt hat, und dass man sich wahrscheinlich in so einem Probenprozess viel weiter vom „schauspielern“ entfernt als im Rahmen der üblichen Rollengestaltung am Theater, dass man womöglich fast die Identität wechselt. Und dann wäre da noch das Erstaunen darüber, dass tatsächlich sämtliche Besucher von Anfang an mitziehen, dass alle sich total selbstverständlich einlassen auf ein Erlebnis, das sich in manchen Momenten wie Realität und in anderen wie ein Planspiel anfühlt.

Zurück auf der Strasse bin ich crazy. Es fühlt sich an, wie die finale Szene des Psychofilms, wenn die Seelen der Untoten zur Ruhe gebracht wurden und der Held endlich ins Freie tritt, wenn man hinter ihm den Ort des Geschehens in sich zusammen fallen sieht und die Kamera eine friedliche Landschaft einfängt, über der dann der Abspann dahingleitet …

Wählen – Recht oder Pflicht?

Bis 18 Uhr haben wir heute noch die Möglichkeit, unser Wahlrecht wahrzunehmen. Ich gehe wählen. Weil ich der Überzeugung bin, dass eine Beteiligung sinnvoll ist, auch wenn es keine Partei gibt, mit deren Tun ich hundertprozentig einverstanden bin. Weil ich weiß, dass eine Nichtbeteiligung das Ergebnis noch viel weniger in meinem Sinne beeinflußt als die Wahl des geringsten Übels, ein ungültiger Stimmzettel oder ein Kreuz bei der satirischen Antwort auf politische Inhaltsleere, der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiativen. Die Annahme politisch interessierter Nichtwähler, die glauben, mit ihrem Fernbleiben vom Wahlereignis die Politiker abstrafen zu können, läuft fehl. Bestenfalls ändert Nichtwählen überhaupt nichts an den Wahlergebnissen, schlimmstenfalls leistet es dem undemokratischen Gedankengut Radikaler Vorschub, falls ausschliesslich die Demokraten an Stimmen verlieren, während die Radikalen ihr Wahlrecht wahrnehmen. 
 
Vor diesem Hintergrund werden zunehmend Stimmen laut, die eine Wahlpflicht mit der Option der Enthaltung einführen wollen. ZEIT und STERN haben beispielsweise dahingehende Plädoyers veröffentlicht. Grundsätzlich kann ich dem Anliegen folgen. Man wünscht sich, dass die Bürger für ihre Demokratie Verantwortung übernehmen. Beinhaltet aber nicht Demokratie auch das Recht auf Ignoranz und Ablehnung von Freiheiten und Verantwortung?
 
DIE ZEIT spricht von einer Notwendigkeit der Wahlpflicht, weil wir „unseren Anspruch auf Sicherheit, Wohlstand , eine gute Zukunft und damit auch auf Freiheit (verwirken), wenn wir uns nicht aktiv an der Demokratie beteiligen […] Beim Wählen geht es nicht bloß um die Ausübung einer Freiheit, es geht darum, Verantwortung anzuerkennen.„. Dem stimme ich im Sinne eines Aufrufs, wählen zu gehen, uneingeschränkt zu. Aber dürfen wir die Menschen zwingen, einen dahingehenden Anspruch überhaupt aktiv für sich geltend zu machen? Dürfen Freiheit und Verantwortung nicht mit Fug und Recht unausgesprochen abgelehnt werden, indem man die Wahlbeteiligung verweigert? 
 
Meike Winnemuth schreibt im STERN, eine Wahlpflicht würde die Ergebnisse gerechter machen und das teure „Mobilisieren“ der Nichtwähler fiele weg. Nun ist aber Demokratie nicht unbedingt bequem und das mit der Gerechtigkeit sowieso eine Frage der Definition. Die Mobilisierung der Nichtwähler mag eine unangenehme Aufgabe sein, die sich manch einer gerne durch Zwangsmobilisierung von Halse schaffen würde. Demokratie beinhaltet jedoch, dass man mitmachen darf (auch wenn man zum Beispiel dumm, ignorant oder masochistisch ist), aber nicht muß. Auch wenn die Konsequenz einer solchen Nichtbeteiligung nicht im Sinne von uns Demokraten ist. Freiheit ist schließlich auch immer die Freiheit des anders Denkenden. 
 
Der Befürchtung der beiden ZEIT-Autoren, dass unsere Demokratie durch die zunehmende Nichtwählerschaft „entkernt und  letzten Endes der Anarchie und dem totalen Verlust von Gemeinschaft“ zugeführt würde, sehe ich übrigens relativ entspannt entgegen. Ich glaube daran, dass im Falle eines Zusammenbruchs des derzeitigen Parteiensystems – den ich nicht einmal zeitnah prognostizieren würde – im positiven Sinne eine Neugestaltung stattfinden kann, an der sich dann auch frustrierte, aber generell politisch interessierte Nichtwähler eventuell wieder beteiligen würden. 
 
Trotzdem, ich freue mich, wenn Sie freiwillig wählen gehen! 

Der Kick. Eine theatrale Dokumentation.

Im Jahr 2002 ist ein 16jähriger Jugendlicher nach dem Vorbild des Bordsteinkicks aus „American History X“  von seinen Kumpels brutal ermordet worden. Die Tat geschah in einem kleinen Ort, wo der Dokumentarfilmer und Psychologe Andres Veiel gelegentlich seinen Urlaub verbrachte. Veiel ist den Umständen nachgegangen, die zu einer so extremen Eskalation  geführt haben. Aus seinen Interviews und Recherchen entstand ein Theaterstück, in dessen Verlauf die psychologischen Begleitumstände deutlich werden. Die Wortbeiträge von Tätern, Eltern, einem Freund des Opfers, Staatsanwaltschaft, Ausbildern und Dorfbewohnern bebildern die Köpfe der Zuschauer und lassen die Welt der Figuren spürbar werden.

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Erst kommt das Fressen … kleine Moralpredigt an die grüne Partei

Zugegeben beschränkte sich mein politisches Engagement in den letzten Jahren auf die gelegentliche Teilnahme an Anti-Atom-Demos, einen offenen Brief an den Berliner Bürgermeister in Sachen mehr Geld für (das) GRIPS und eine Protestaktion zur Reaktivierung der Hamburger Opera Stabile. Immerhin bin ich aber formal noch grünes Parteimitglied und fühle mich grünen Ideen sogar prinzipiell zugetan.

Die Lektüre einer Stellenausschreibung der GAL-Fraktion Altona, wo ein/e Pressesprecher/in gesucht wird, hinterläßt jedoch bei mir die Frage, wie ernst die Grünen ihre Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt in den eigenen Reihen eigentlich nehmen.

Da beklagen die Grünen auf Bundesebene die Verweigerung zum Marktzugang und unfaire Preise beim Handel mit den sogenannten Entwicklungsländern, schreiben aber ihrerseits eine Position aus, welche zwar die Qualifikation einer vollausgebildeten Arbeitskraft erfordert, jedoch bezahlt ist wie ein Hilfsarbeiterjob. Die Definition von Fairness im Zusammenhang mit dem innerländischen Arbeitsmarkt scheint also dehnbar. Auf 400-Euro-Basis, heißt es, sollen Pressemitteilungen erstellt, Material zusammengestellt und Pressegespräche durchgeführt werden. Es soll professionell auf politische Ereignisse reagiert und en passant noch die Website betreut werden. Vorausgesetzt wird unter anderem „Erfahrung im professionellen Umgang mit Journalisten, Sicherheit im Formulieren von Pressemitteilungen“ sowie die „Kenntnis der Altonaer Politiklandschaft“. Dahingehende Kenntnisse sind zweifelsohne ’ne prima Sache und für die Tätigkeit als Pressesprecher überaus sinnvoll. Eine Vergütung solcher Qualitäten als geringfügige Beschäftigung führt jedoch die Forderung nach „fairen Löhnen“ ad absurdum.

Was, liebe Parteifreunde, nützt die Festlegung eines gesetzlichen Mindestlohnes, wenn attraktive Jobs in der Praxis als Praktikantenstellen ausgeschrieben und auf dieser Ebene dann auch vergütet werden? Die Tatsache, dass immer mehr Menschen nicht mehr von ihren Einnahmen leben können, obwohl sie (zum Teil hoch-) qualifizierte Arbeit leisten, ist nicht zuletzt diesem Vorgehen zu verdanken. Dass sich die grüne Partei in diese Form der Arbeitsmarktpolitik einreiht, läßt mich glatt darüber nachdenken, ob der Vorschlag der PARTEI, der sozialen Ungerechtigkeit durch DVBT-Empfang für Hartz IV-Empfänger entgegenzuwirken, nicht doch einleuchtender erscheint …