Neue Frauen braucht das Theater – Unbeschreiblich weiblich in Kiel

Noch bevor ich wieder nach Reims, resp. Flensburg auf die Spruren von Didier Eribon zurückkehre, wird in Kiel die Komödie Unbeschreiblich Weiblich von Petra Wintersteller Premiere haben.

Der Theaterfrachter Lore&Lay wird zeitnah in bespielbarem Zustand sein, ist aber zur Stund noch work in progress, und so fand die erste Leseprobe an Land statt.

Wie der Titel schon nahelegt, befinden wir uns in einem fast ausschliesslich aus Frauen bestehenden Ensemble. Der junge Josh Riese ist der metaphorische Quotenmann in einem ansonten mit Weibern besetzten Team, inklusive Regie und Regieassistenz. Im Übrigen handelt es sich um ein, wie ich finde, ausnahmslos sympathisches Ensemble mit einer Regisseurin, die die richtigen Töne trifft. Tina Wagner wird das Oeuvre inszenieren, und mich ergriff sofort vollumfängliche Begeisterung, als sich abzeichnete, dass da jemand über die gleichen Stellen im Stück gestolpert ist wie ich und ich mit den Einwänden und Änderungsvorschlägen zu hundert Prozent einverstanden bin – hat man ja auch nicht alle Tage.

Das Setting: Vier Frauen mit auffällig unterschiedlichem Naturell begegnen sich auf der Suche nach einem erfüllteren Leben in einem VHS-Kurs des sehr schönen Titels „Unbeschreiblich Weiblich“. Sie durchlaufen, angeleitet von Frauenversteher Erich Schuler, einen – teils drolligen, teils dramatischen- gruppentherapeutischen Prozess, entdecken sich neu und feiern in einem genregerechten Happy End das Leben und sich selbst. Der Humor dieser Liebe-Dich-selbst-Komödie entsteht vor allem durch die Kombi der Charaktere, in denen jede von uns zweifelsohne die ein oder andere Bekannte – uns selbst eingeschlossen – wiedererkennt und die im Zusammenspiel einfach putzig daher kommen. Ein bisschen schwierig finde ich, gerade im Zusammenhang mit Frauen, die Botschaft, dass ein glückliches, erfülltes Leben, sich in erster Linie durch eine möglichst enge Bindung an einen Mann herstellt. Jedenfalls könnte man die Schlußszene dahingehend interpretieren. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass unsere Regisseurin eine schöne Lösung bereit hält, um diese Interpretationsmöglichkeit nicht so sehr als Kernthese ins Zentrum der Inszenierung zu rücken.

Gute sechs Wochen Probenarbeit liegen vor uns, dann wird Lore&Lay das Ergebnis präsentieren. Wer teilhaben möchte:

Unbeschreiblich Weiblich
Premiere am 26. September um 20 Uhr auf dem Theaterfrachter Lore&Lay
mit Jule Nero, Oleksandra Zapolska, Josh Riese, Martina Riese und alternierend Esther Barth/Heidi Klein
Regie: Tina Wagner

Tickets

Rückkehr nach Reims – Theater trifft Soziologie

67795699_2284205241656266_5498730896880041984_oIch habe lange kein Stück mehr gearbeitet, das ein so hohes Maß an Suchen und Verwerfen, an Textanalyse und der Arbeit am Bühnentauglichmachen erfordert hat.

Rückkehr nach Reims (Retour à Reims) ist ein Sachbuch mit autobiographischem Hintergrund. Ein Buch ohne Dialoge, geschrieben in einem, sagen wir, analytisch-intellektuellen Duktus – auch wenn die sehr persönlichen, autobiographischen Schilderungen zum Teil sehr anrührend sind, wenn man das Buch liest. Meine Regisseurin Gabriele Schelle hat ein Bühnenstück daraus gemacht. Ich war und bin erstaunt, wie gut es gelungen ist, aus verschwurbelten Analysen -über Fragen wie die Existenz der Klassengesellschaft, das Wahlverhalten bestimmter Milieus oder die Prägung des Menschen durch Herkunft und Zugehörigkeit zu verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen-  plastische Dialoge zu kreieren. Und doch haben mein Kollege Christian Nisslmüller, die Regisseurin und ich in den letzten Wochen intensiv daran geackert, diese Texte zu unseren zu machen, haben gestrichen, geöffnet, verändert, Bilder ausprobiert, um einzelne Worte, Gesten oder Gänge gerungen und versucht, Didier Eribon, den Autor, zu verstehen.

Gleichzeitig setzte diese Beschäftigung bei uns allen eine Reise in die eigenen Familienstrukturen frei. Rückkehr nach Reims beschreibt die Rückkehr Eribons in seine Heimatstadt und zugleich ins soziale Milieu seiner Herkunft, die „Arbeiterwelt“, wie er sie selbst nennt. Fast dreißig Jahre lang hatte der inzwischen in Paris lebende Intellektuelle seine Eltern und Geschwister nicht besucht. Zu groß erschien ihm die Entfremdung von der Welt, in der er aufgewachsen ist. Erst die Alzheimererkrankung seines Vaters treibt ihn zurück und damit auf die Suche nach seiner Identität. Anders gesagt erkennt er, dass gerade die radikale Abgrenzung von seiner Familie, ja, die Vertuschung seiner Herkunft, die er bislang betrieben hat, eine Befreiung von sozialen Zwängen verhindert. Unwillkürlich entdeckt man als LeserIn – und insbesondere, wenn man sich, wie wir, dem Text künstlerisch nähern und ihn in ein Bühnenstück verwandeln will – Parallelen zu eigenen Kindheitserfahrungen, rekapituliert das eigene Verhältnis zu den Eltern, den Großeltern, den eigenen Abnabelungsprozeß und sein Dasein als Teilchen im Bildungssystem. Bilder, Gedanken und Erinnerungen poppen auf. Und die Frage, was davon wir wohl nach Jahrzehnten eher verklärt wahrnehmen.

Im Grunde liegt mir die Arbeit an intellektuellen Texten. Nachdem ich mein Verkopftsein während der Schauspielausbildung und auch noch danach eher als hinderlich empfand und daran arbeitete, mich zum reinen Emotionsmenschen umzuerziehen, verstehe ich es in letzter Zeit wieder als sinnvolle Begabung, komplizierte Gedanken in verschachtelte Sätze packen und jene Gedankengänge entschlüsseln zu können, die andere in Schachtelsätze transferiert haben. Selbst im französischen Original gelang mir das mit Eribon ganz gut. Und doch ist die Transferarbeit hin zur Emotionalität und Verbildlichung der Bühne, die wir in den letzten Wochen geleistet haben, eine anstrengende. Vier Wochen sind seit der ersten Probe vergangen, und ich habe mir einen Hühnerrhythmus angeeignet. Ich stehe mit den Hühnern auf und schlafe auch meist mit ihnen ein. So erschöpft bin ich oft nach der Arbeit.

Übrigens habe ich tatsächlich seit vier Wochen Hühner um mich. Meine Unterkunft hier ist ein Hof mit sechs Hühnern und einer Katze. Ländliche Idylle also am Abend. Und am Tage konzentrierte Probenatmosphäre in der im Moment quasi ausgestorbenen Pilkentafel, die uns für die Vorproben ganz alleine zur Verfügung steht.

Im Oktober sind Endproben. Und wenn wir Glück haben, hat sich nicht nur die Bemühung der Gehirnwindungen gelohnt, sondern Monsieur Eribon wird sich das Ergebnis unseres Schaffens persönlich in Flensburg ansehen.

10. Oktober | 20.00 h PREMIERE

Rückkehr nach Reims nach Didier Eribon

Bühnenfassung und Regie: Gabriele Schelle

Schauspiel: Christian Nisslmüller und Esther Barth

Theaterwerkstatt Pilkentafel

Pilkentafel 2
24937 Flensburg
T: +49 (0) 461 24901
info@pilkentafel.de

Tickets VVK >>

Neue, alte Perlen

Zurück in Hamburg. Seit Monaten inzwischen.
Ich habe ihn wieder, meinen geliebten Beruf, die vermisste Unvorhersehbarkeit des Daseins, das übliche Chaos und die Grundregel: Wenn ich nur drei Monate lang sehnsüchtig darauf hinarbeite, dass sich IRGENDEIN Kunstschaffender meiner zuwendet, kommt garantiert ein Berg von schönen Aufgaben – die leider in der Kürze der Zeit – wenn überhaupt – nur unter Hochdruck zu bewältigen sind und ein Privatleben überflüssig machen.

Kleiner Abriss meiner letzten Wochen:
1. August: Vorsprechen für ein Kriminalstück. (Massencasting … ich verlasse den Raum ohne besondere Hoffnung auf ein positives Ergebnis)
8. August: Testtour für eine neue Altstadttour
9. August: Zusage für das Kriminalstück
10. August: Aufnahme der Vorbereitung
20. August: Anruf aus Cottbus: „Können Sie morgen zum Proben kommen, ich brauche dringend eine Umbesetzung“ – am selben Abend der Versuch, meine Termine so umzuschaufeln, dass ich das machen kann. Ergebnis: Gescheitert.
24. August: Der Text für das Kriminalstück kommt an.
25. August: Anrufe für mehrere Synchronprojekte, die nun die Zeitfenster blocken, die ich am Vortag fürs Text lernen reserviert hatte
29. August: Man informiert mich darüber, dass 2 Tage später Mangel an englischen Guides herrscht. Ob ich denn nicht … na gut, denke ich, bevor es gar niemand macht …
30. und 31. August: Ich arbeite ganztägig und denke, meine Güte, mit der englischen Tour hat man mit mir den Bock zum Gärtner gemacht … zudem muss ich ja noch den Flohmarkt für das anstehende Strassenfest vorbereiten … wie soll das zu schaffen sein?  schlaflose Nächte und Überstunden für die Vorbereitung von Flohmarkt und Altstadttour
1. September: Ich baue früh morgens mit meiner Freundin den Flohmarktstand auf, lasse sie dann dort allein zurück und begebe mich zur englischssprachigen Altstadtführung. Danach zurück zum Flohmarkt und von dort aus ins Synchronatelier …

Business as usual … heute erstmal zur Erholung und Abreaktion Muddy Angel Run!

Angekommen

Während die Hamburger auf Facebook zur Stund einen schwarzen Himmel beklagen oder zumindest vermelden, hier nach wie vor Sommer hart. Ich bin bekanntlich die letzte, der Hitze etwas anhaben kann, aber da es auch nachts nicht abkühlt, gerate selbst ich an meine Grenzen und fiebere ganz besonders auf die im August übliche Urlaubszeit hin, wo ganz Paris brach liegt und man jeden Tag ans Wasser fahren kann.

Bis dahin ist noch der Umzug zu bewältigen, in der Hoffnung, dass der Fahrstuhl in meinem neuen Heim zeitnah repariert wird. Das Teil ist nämlich, wie mir mitgeteilt wurde, seit Wochen ausser Betrieb, und ich ziehe in den siebten Stock. Zudem mache ich mir ein bißchen Sorgen um die rechtzeitige Installation meines Internetanschlusses, weil die angeblich unschlagbar günstige Firma Bouygues ein recht eigenwilliges System der Kundenbetreuung ihr eigen nennt. Sie verfahren nach dem Motto „don’t call us, we call you“. Das Problem dabei ist, dass die mich immer dann zu erreichen versuchen, wenn ich nicht abnehmen kann, weil ich gerade vor einer Gruppe deutscher Touristen stehe und den Montmartre präsentiere … Ruft man die Nummer zurück, erfolgt eine automatische Ansage des Inhalts, dass man mich wegen einer wichtigen Nachricht bezüglich meiner Bestellung zu erreichen versucht habe und bald wieder anrufen würde. Tolle Wurst.

Zu vermelden gibt es, dass ich mich angekommen fühle in der capitale der französischen Chaoten. Ich habe Freunde, Franzosen und Deutsche, die sich um mich sorgen, mir beim Umzug helfen, Kurzreisen, Ausflüge und soirées organisieren und mich darin trainieren, in größerer Gruppe Gesprächsinhalte mitzuschneiden, in denen Abkürzungen wie „p’tit dej“ oder „cinq heure du mat“ vorkommen. Je nach Tagesform gelingen mir auch mal zusammenhängende Wortbeiträge und/oder ein halbwegs gut verpackter Witz, und ich fahre inzwischen weitgehend navigationsfrei mit dem Fahrrad durch die ganze Stadt.

Was das Schinkenschneiden betrifft, schwanke ich täglich zwischen einer gewissen Gewöhnung an ein bürgerliches Berufsleben in einem intellektuell nicht allzu fordernden Metier – zumal ich die kleine Tante-Emma-Familie rund um unseren sympathischen Arbeitgeber lieb gewonnen habe und ich auf diesem Wege immer wieder exotische oder praktische französische Worte lerne, wie zum Beispiel tiret du 6, was man braucht, um den Kunden die Email-Adresse zu nennen – und einem Gefühl von Überdruss und Sehnsucht nach meinem Beruf. Zum Glück bieten mir die Touristenführungen und die Stippvisiten an deutschen Theatern Gelegenheit, meine Kernkompetenzen doch noch irgendwo zum Einsatz zu bringen.

Alles in allem ist die Stimmung gut. Vive la France 🙂

 

Business as usual

Nach einer weiteren Woche kehrt fast so etwas wie ein Gefühl des Alltags in der französischen Hauptstadt ein. C’était une semaine enorme, wie der Franzose sagen würde. Neben dem Tante Emma Laden gab es jeden Vormittag und oft auch noch Abends etwas zu tun, so dass ich mich gestern schon am späten Nachmittag mit Migräne ins Bett begab.

Unter anderem habe ich diese Woche meine Montmartre Tour zumindest so vollständig vorbereitet, dass ich sie anständig präsentieren kann. Obwohl ich vermutlich trotzdem die einzige Gästeführerin sein werde, die ihre Stadt schlechter kennt als die Touristen – aber ich habe ja in meinem Beruf gelernt, solche Defizite erfolgreich als Teil des Events zu verkaufen. Am Mittwoch wollte ich mir die Premiere meiner Kolleginnen und Kollegen von Schwarzbrotgold ansehen. Der Besuch endete leider damit, dass mir mitgeteilt wurde, man könne mich nicht mehr reinlassen, der Saal sei pickepackevoll. Man entschuldigte sich aber sehr liebevoll, und die Dame von der Billeterie gab mir ihre Handynummer für den Fall, dass es nächstes Mal Probleme geben sollte, und versprach, im Notfall persönlich für Einlass zu sorgen. An der turbulenten Premierenfeier habe ich hinterher trotzdem teilgenommen und bereue es nicht, gewartet zu haben. Umso gespannter bin ich ausserdem, das Stück zu sehen, über das natürlich an diesem Abend viel geplaudert wurde … „Typisch deutsch“ ist der Titel des Ouevres, und offensichtlich hat das Publikum, ähnlich wie im Theatersport, eine nicht ganz unwesentliche Aufgabe, indem nämlich Orte und Themen des Geschehens teilweise von den Zuschauern bestimmt werden können.

Desweiteren wurde die Eröffnung eines zweiten französischen Bankkontos nötig, weil das Online-Konto, welches ich im Tabac eröffnet hatte, sich als ziemlicher Mist erwies. Auf diese Weise verbrachte ich zwei Vormittage auf der banque postale und warte bis heute auf Bankkarte und Online-Zugang.

Heute scheint in Paris die Sonne, ich fühle mich wieder ausgeruht und voller Tatendrang und werde mich nun auf die Suche nach einem speziellen Ort begeben, den ich zwar aus dem letzten Jahr noch dunkel erinnere, aber nicht mehr exakt orten kann. Allée, je m’en vais.

Grüezi, Schwiiz

Kleine Begeisterungskieckser werden vernehmbar, als der Theaterbus des Regionentheaters die Aare über diese eigenwillige Brücke überquert und ins schweizerische Büren einfährt.
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Was für ein niedliches Städtchen, das sich uns da in winterlicher Schneeromantik präsentiert.

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Im Sommer, so wird uns erzählt, schwimmen die Leute in der Aare (meist angeblich nur in eine Richtung, obwohl es sich offiziell nicht um einen Einbahnfluß handelt). Auch stelle ich mir einen Aufenthalt im Sommer dahingehend schön vor, dass der Dorfplatz ein schöner Ort wäre, um sich die Sonne auf den Pelz brennen zu lassen und mental auf die Vorstellung einzustimmen. Trotzdem finde ich -wenngleich generell eher der Sommertyp- die weiße Schneedecke bezaubernd und wunderbar.

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Im Sommer wird hier geschwommen, im Winter gibt’s an der Aare Kunst im öffentlichen Raum.

Das Kellertheater Lindenhof, wo wir am Abend spielen, steht dieser Herzlichkeit in nichts nach. Es handelt sich um einen höhlenartigen und gleichzeitig sehr warmen Raum, in den man über eine nicht ungefährliche, aber charmant-bucklelige Stiege (wie der Schweizer sagt) gelangt. Auf dieser Bühne fühlt man sich willkommen und wohl. Ausserdem tut sie unserem Stück gut, denn die Enge des Raumes läßt die Dimensionen einer herkömmlichen Pariser Wohnung ausgezeichnet im Schauspieler und vor dem Zuschauerauge entstehen, auch wenn ich vor dem Drehen der Bühne etwas Angst habe, weil ich Sorge habe, ich könnte mit meinen 10 Zentimeter hohen Absätzen an der Bühnenkante umknicken, welche unsere Drehbühne beim umdrehen nur knapp verfehlt. Klappt aber am Ende gut.

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Ankunft im Kellertheater

Ankunft im Kellertheater

Diese verwunschene Treppe führt ....

Diese verwunschene Treppe führt ….

... auf diese sympatische Kammerbühne.

… auf diese sympatische Kammerbühne.

Wir werden von den Betreibern warmherzig empfangen und bekommen ein hervorragendes Catering. Leider kann ich keine Rösti bestellen, weil wir ein wenig gegen die Uhr essen und die Zubereitung der hausgemachten Rösti geraume Zeit in Anspruch nimmt. Nächstes Mal!

In der gemütlichen und angenehm beheizten Garderobe befindet sich ein Detail, das nicht nur die Hingabe der Schweizer zu ihren Künstlern, sondern auch ihren Humor widerspiegelt. Die Toiletten befinden sich nämlich ausserhalb des Theaters, was einem Künstler mit schwacher Blase während seines Auftritts zu schaffen machte. Seither gibt es in einem Verschlag innerhalb der Garderobe eine Campingtoilette für die Künstler, die folgendermaßen ausgeschildert ist:

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Das warten auf den Vorstellungsbeginn vertreibe ich mir mit Experimenten rund um meinen Selfiestick.

Sophie und Bertrand warten auf Godot ... ähm, auf den Vorstellungsbeginn.

Sophie und Bertrand warten auf Godot … ähm, auf den Vorstellungsbeginn.

Und so geht Sophie Delassère dann um viertel nach acht wohlgestylt auf ihre One-Woman-Geburtstagsfeier:

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Im zweiten Akt wirkt sie bereits derangierter, immerhin macht ihr der verpeilte, aber auf seltsame Weise nicht ganz unattraktive Nachbar ganz schön zu schaffen.

Nach der Flasche Champagner ...

Nach der Flasche Champagner …

Die warme Atmosphäre des Kellertheaters läßt auch die Zuschauer nicht unberührt. Wir haben eine grandiose Stimmung im Raum, ich habe so gerne für diese Menschen gespielt, die uns lange und warmherzig applaudieren und nach der Vorstellung beglückwünschen und spüren lassen, dass auch sie einen gelungenen Abend mit uns hatten. Da geht mir das Herz auf. An diesem Abend lerne ich ein neues Bier kennen, dessen Falsche (mit einem als Kronenkorken getarnten Schraubdeckelverschluss) ich mir neben ein bißchen Schweizer Schogchi als Andenken mitnehme nach Frankreich: Quöllfrisch.

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Danke ans Kellertheater Lindenhof, für die schöne Vorstellung, aber auch das Drumherum und Eure tatkräftige Unterstützung beim Abbau.
Uf Widerluaga, Schwiiz – und das meine ich wörtlich!!!

A dimanche, Paris

Gare de l'est. A dimanche, Paris!

Gare de l’est.
A dimanche, Paris!

TGV fahren ist super! Geht doppelt so schnell wie auf deutschen Schienen, kostet aber dafür nur die Hälfte. Zudem hat man, selbst auf dem deutschen Handy, einen trillianten Empfang. Allerdings nur solange, bis der Zug deutschen Boden erreicht hat. In diesem Punkt ist unser Vaterland ein Entwicklungsland geblieben.

Zurück in Deutschland fahre ich mit der Bimmelbahn weiter in den Schwarzwald, wo am Abend „Vier linke Hände“ zum besten gegeben wird. Zunächst ist es ja etwas verwirrend, dass man sich überall normal unterhalten kann und sämtliche Beschilderungen in deutscher Sprache verfasst sind, aber nach 20 Minuten habe ich mich wieder vollständig eingelebt und bekomme Anflüge von Heimweh nach Hamburg.

Das abendliche Stück wird mich jedoch zunächst wieder in die französische Hauptstadt zurück katapultieren. Diese ist Ort des Geschehens in der Geschichte rund um Sophie und Bertrand. Lokalitätsmäßig bin ich also ausgezeichnet vorbereitet. Ich freue mich, wieder auf der Bühne zu stehen. So lange Spielpause hatte ich schon lange nicht mehr, und die Bühne im Kurtheater Bad Dürrheim ist schon ebenso vertraut wie das Salzstüble, die einzige ortsansässige Kneipe, die nach Mitternacht noch geöffnet hat. Allerdings ist unser Bühnenbild einer Veränderung unterzogen worden, und zwar um es schweiztauglich zu machen. Am Samstag spielen wir auf einer schnuckligen, kleinen Bühne im schweizerischen Büren und mussten die Drehbühne den dortigen Dimensionen anpassen. Ein dummer Fehler meinerseits sorgt ausserdem am Abend für einen ärgerlich holprigen Einstieg. Ich hatte ein unverzichtbares Requisit vergessen und ärgere mich heute noch, dass mir das passieren konnte. Zum Glück haben wir ein großartiges Publikum, welches so viel Stimmung verbreitet, dass die Spielfreue trotzdem erhalten bleibt. Ins Salzstüble habe ich es an diesem Abend müdigkeitsbedingt trotzdem nicht mehr geschafft. Und das war auch gut so. Mein Kollege berichtete nämlich heute morgen, es sei zu gewesen und er mußte unverrichteter Dinge wieder heimkehren. Der Besuch wurde daher auf heute Abend verschoben.

Zu gut gerutscht

Zurück aus dem Schwarzwald verbringe ich letzte Tage in Hamburg, und zwar mit den finalen Vorbereitungen für den Umzug am Samstag. Dies gelingt zur Stund allerdings nur mit der tatkräftigen Unterstützung meines Sohnes, denn mein Rutsch ins neue Jahr gestaltete sich diesmal unfallträchtig. Mit ungeignetem Schuhwerk einem Zug hinterherspurtend rutschte ich … und zwar aus. Die Folge sind ein geschwollener Fuß und dadurch bedingt eingeschränkte Bewegungsfähigkeit.

Nach dem Rutsch

Nach dem Rutsch

Immerhin ist am Neujahrstag meines Wissens nach kein prominenter Sympathieträger gestorben und das dahingehende 2016-Bashing wird sich hoffentlich in diesem Jahr nicht fortsetzen. Langsam bin ich nämlich in der Tat ein wenig overflashed von Leuten, die im eigenen Jahresrückblick dem Schicksal prominenter, aber ihnen persönlich unbekannten Persönlichkeiten mehr Bedeutung zumessen als ihrem eigenen.

Vor meinem Sturz ins neue Jahr haben wir übrigens eine fulminante Silvestervorstellung gespielt mit voller Hütte und beglücktem Regisseur. Ein wundervoller Jahresausklang! Vier linke Hände ist bereits im Februar wieder auf dem Spielplan, so dass ich bereits in 4 Wochen ein erstes Gastspiel in Deutschland gebe und damit sanft in die berufliche Quasi-Pause geführt werde …

Bonne année à tout le monde, bref:

3. Station: Zurück im schwarzen Wald

Gar nicht so weit weg von Frankreich, nämlich unweit von Straßburg im Schwarzwald, wurde über die Feiertage „Vier linke Hände“ wieder aufgenommen, das Stück, mit dem das Jahr 2016 für mich begann. Auch wenn in allen sozialen Netzwerken das morgen zu Ende gehende Jahr als bitch beschimpft und der Tod diverser Prominenter (von denen manch einer, wie etwa Leonard Cohen, doch immerhin ein stolzes Alter erreicht hatte) zum Anlass genommen wird, 2016 als besonders häßliches Jahr zu brandmarken, war es für mich persönlich ein erlebnisreiches und wundervolles Jahr, und ich finde es schön, es am morgigen Silvesterabend mit dem Werk ausklingen zu lassen, welches mich hat hineingleiten lassen.

Die Geschichte von Sophie und Betrand paßt zwar nicht ganz zur Jahreszeit, spielt sie doch im menschenleeren Paris im Sommermonat August, wo unsere beiden Hauptfiguren als einzige die Sommerfereien zu Hause verbringen. Aber Liebesgeschichten lassen sich auch postsaisonal – um mal eine 2016 prägende Wortwendung zu verwenden – hervorragend erzählen, und es ist eine solche Freude, die Welt dieses Katastrophenpärchens auf der Bühne entstehen zu lassen! Besonders freue ich mich auf die morgige Silvestervorstellung, zu der ich drei besondere Gäste begrüßen darf, unter ihnen meine Mutter. Ein würdiger Abschied von 2016 und wenig später auch vorübergehend von deutschem Boden.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gelungenen Jahreswechsel.

Zur Vorankündigung der Silvestervorstellung.

Wenn zwei Menschen zwei linke Hände haben, macht das „Vier linke Hände“, so lautete auch der Titel der Aufführung des Regionentheaters im Bad Dürrheimer Kurhaus. Dabei ist mit den Händen der beiden Hauptpersonen, Sophie und Bertrand, eigentlich alles in Ordnung. Schwierigkeiten haben sie nur, Herz und Verstand in Einklang zu bringen. | Bild: Martin Gruhler

Wenn zwei Menschen zwei linke Hände haben, macht das „Vier linke Hände“, so lautete auch der Titel der Aufführung des Regionentheaters im Bad Dürrheimer Kurhaus. Dabei ist mit den Händen der beiden Hauptpersonen, Sophie und Bertrand, eigentlich alles in Ordnung. Schwierigkeiten haben sie nur, Herz und Verstand in Einklang zu bringen. | Bild: Martin Gruhler

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Eben noch in die Künstlergarderobe, jetzt auf unnserre Showbühnööö ...  Luise Schmelz geb. Hoche

Eben noch in die Künstlergarderobe, jetzt auf unnserre Showbühnööö … Luise Schmelz geb. Hoche

Die Premiere war ein Fest!
Größte Herausforderung: Essensszene im Kostüm. Tatsächlich hat es zwei kleine Soßenflecken abbekommen, deren Entfernung ich versuchte, würdevoll ins Spiel einzubauen.
Blödeste Panne: Kleiner Hustenanfall in einer Schlüsselszene
Persönliches Highlight der Figur: furienartige Attacke der Hausherrin auf die Dienstbotin mittels eines eleganten Regenschirms.

Aftershow ...

Aftershow …

Ich befinde mich jetzt wieder 21.Jahrhundert, und zwar im Land der Frühaufsteher. Die ersten sind wahrscheinlich bereits aufgestanden, während ich mich hier zufrieden, betrunken und schläfrig in die gute Nacht verabschiede. Ruhen Sie wohl!