#ichsteheauffuer

Eine Aktion von  Waldemar Zeiler
Ich stehe auf für
Leidenschaft
Neugier
Empathie
Freiheit
Dreck
und die KUNST
Wofür steht Ihr auf?

Anleitung
– Hänge Dir ein buntes Badehandtuch um Steige auf einen Stuhl, Tisch, eine Mauer o.ä.
– Sage in die Handy-Kamera, für welche Sache Du aufsteht und was dir für eine lebenswerte Zukunft wirklich wichtig ist. Alternativ kannst du ein “aufgestandenes” Foto von dir machen, frisch aus dem Bett.
– Poste Dein Video/Foto mit dem Hashtag
#IchSteheAufFuer auf Twitter, Insta, Facebook, Youtube, LinkedIn, TikTok etc. und leite es an möglichst viele Leute weiter!
– Motiviere drei weitere Personen direkt, ebenfalls aufzustehen.
– Halte das Badehandtuch in den nächsten Wochen bereit für Step 2…

Hallo, Frau Kulturministerin

Heute beschäftigte mich ein Interview mit unserer Kulturministerin Monika Grütters, welches mich zu einem offenen Brief an ebendiese veranlasst hat. Zwar gehöre ich selbst zum Glück zu den Künstler*innen, die nicht nur von der Hamburger Soforthilfe profitiert, sondern auch auf anderen Kanälen Unterstützung erfahren haben. Aber ich kenne Kolleg*innen, die aus einem der genannten Gründe trotz der aktuellen Hilfsangebote bereits jetzt existenzbedrohende wirtschaftliche Sorgen haben. Deshalb möchte ich die Worte, die soeben auch das Emailpostfach von Frau Grütters erreicht haben, an dieser Stelle teilen.

Zum Artikel SPIEGEL Kultur

Werte Frau Grütters,

in einem Interview mit SPIEGEL Kultur sprachen Sie kürzlich über Ihre Einschätzung der Auswirkungen der Coronakrise auf Kultur und Medien. Dabei äussern Sie sich verwundert darüber, dass viele Kulturschaffende die vorhandenen Hilfsangebote des Bundes als lückenhaft wahrnehmen und das Gefühl haben, durchs Raster zu fallen. Ich möchte im Folgenden gerne noch einmal die Perspektive jener Kulturschaffenden darlegen, in der Hoffnung, dass es mir andere Kreative gleichtun und die Lücken der bisherigen staatlichen Hilfsangebote noch einmal im Bundestag diskutiert werden.

Sie erwähnen in Ihren Ausführungen das Soforthilfeprogramm des Bundes, welches „auch und gerade auf die Bedürfnisse des kreativen Milieus abgestimmt“ sei.

Ich möchte vorab betonen, dass die Soforthilfen von Bund und Ländern zweilsohne begrüßenswert sind, schnell und unbürokratisch abgewickelt wurden und eine grundsätzliche Bereitschaft der Regierung signalisieren, die von der Krise betroffenen Freischaffenden und Unternehmerinnen zu unterstützen. Gleichwohl berücksichtigt das Hilfsprogramm die Bedürfnisse kreativer Freischaffender nur bedingt. Zum einen stellt der Bund lediglich Gelder für die sogenannten Betriebsausgaben bereit und ausdrücklich nicht für die Lebenshaltung der Antragstellerinnen. Freischaffende Kunst- und Kulturschaffende haben jedoch oft keine – oder nur geringfügige – Betriebsausgaben. Jedenfalls dann, wenn sie nicht mehr arbeiten, weil sie weder Angestellte beschäftigen noch gewerbliche Räume angemietet haben. Stattdessen fehlt ihnen umso dringender das Geld für ihre Lebenshaltung, das sie aufgrund der Allgemeinverfügungen nun von einem Tag auf den anderen nicht mehr erwirtschaften können. Zum anderen bewegen sich die von den Ländern zur Verfügung gestellten Gelder, die ebendiese Lebenshaltungskosten auffangen sollen, in sehr unterschiedlicher Höhe. In Berlin gibt es 5000 €, in Hamburg 2500 €, in Sachsen lediglich Kredite. Es gibt also in einigen Bundesländern Künstlerinnen, die gar nicht von den Soforthilfen profitieren, weil der Liquiditätsengpass auf sie nicht zutrifft und ihre Landesregierung keine Gelder zur Sicherung des Lebensunterhalts bereitstellt. Zudem handelt es sich bei den Soforthilfen um einmalige (und zu versteuernde) Summen, von denen völlig unklar ist, wie lange sie reichen müssen.

Wenn Sie also sagen, die Soforthilfen seien auf das kreative Milieu abgestimmt und gingen „weit über Almosen hinaus“, so trifft das für Bundesländer wie Sachsen gar nicht und für andere Bundesländer, etwa Berlin oder Hamburg, nur dann zu, wenn in spätestens drei Monaten der Kulturbetrieb wieder uneingeschränkt aufgenommen werden kann. Das jedoch scheint nach aktuellem Stand mehr als fraglich. Und so gilt etwa für Hamburg, dass eine Summe von 2500 € zwar die erste Not zu lindern vermag, aber keinesfalls geeignet ist, einen Einnahmeverlust von 100 Prozent, gerechnet auf drei bis vier Monate, hinreichend zu kompensieren. Die Anmerkung, dass beispielsweise in Berlin viele Antragstellerinnen leer ausgingen, weil die Gelder schnell aufgebraucht waren, replizieren sie mit „irgendwann sind die Töpfe natürlich leer“. Ehrlich gesagt erscheint mir diese Replik ein wenig unzureichend als Antwort auf die Frage, wie einer flächendeckenden wirtschaftlichen Not möglichst gerecht entgegengewirkt werden kann.

Und so werden wir auf die sogenannte Grundsicherung verwiesen. Dass diese vielen Kulturschaffenden zumindest nicht gerade erstrebenswert erscheint, ist aus meiner Sicht wenig erstaunlich. Es ist zwar richtig – und sicherlich auch begrüßenswert – dass mit dem Wegfall einer Vermögensprüfung und der Übernahme der reellen Mietkosten eine Erleichterung im Vergleich zu den üblichen Bedingungen erzielt wird. Allerdings ändern sich nach meinem Kenntnisstand weder das Grundprinzip des Aufstockens noch das Prinzip der Bedarfsgemeinschaften. Und so bleibt der Empfang von Grundsicherung an den Umstand geknüpft, dass das Existenzminimum keinesfalls überschritten werden kann – auch dann nicht, wenn den Empfängerinnen noch vereinzelte Einnahmen bleiben oder aufgrund einer Nebentätigkeit erwirtschaftet werden können. Bis auf den fast belanglos zu nennenden Betrag von 160 € werden diese Einnahmen, soweit ich weiß, nach wie vor von der Grundsicherung abgezogen bzw. später verrechnet. Ich weiß nicht, wie viel Geld Sie monatlich benötigen, gehe aber davon aus, dass auch Sie es als durchaus bedrohlich empfänden, von einem Tag auf den anderen auf diese Art der Grundsicherung zurückgeworfen zu werden oder alternativ ihre Altersvorsorge aufbrauchen zu müssen. Auch die sogenannten Bedarfsgemeinschaften bleiben erhalten, so dass etwa ein Künstler, der in Lebensgemeinschaft mit einer Angestellten lebt, Gefahr läuft, seine finanzielle Autonomie vollständig zu verlieren und vollumfänglich von seiner Partnerin abhängig zu sein. Ich finde das Schaffen solcher Abhängigkeiten in keinem Sinne wünschenswert. Verstehen Sie mich nicht falsch, im Vergleich zu vielen anderen Ländern hat Deutschland ein vorbildliches soziales Netz. Das ist mir bewußt, und ich bin wirklich dankbar, dass wir – auch ohne Corona – wenigstens auf die von Ihnen angepriesene Grundsicherung zurückgreifen können, wenn alle wirtschaftlichen Stricke reißen. Dennoch erscheint mir die Alternative eines bedingungslosen Grundeinkommens, wie es demnächst ja aufgrund einer erfolgreichen Petition im Bundestag diskutiert wird, gerechter. Sie würde gewährleisten, dass trotz Krise durch Einnahmen, die eventuell noch erzielt werden können, zumindest die Chance auf eine Übergangszeit jenseits des absoluten Existenzminimums besteht und finanzielle Autonomie auch dann erhalten bleibt, wenn man in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft lebt.

Vor diesem Hintergrund hoffe ich, dass der Diskurs um staatliche Hilfen hiermit nicht geschlossen ist, sondern der Dialog mit uns freischaffenden Künstlerinnen, resp. unserer Interessensvertretungen, fortgesetzt wird und eine grundsätzliche Offenheit der Bundesregierung für die Nachjustierung der genannten Lücken und Probleme besteht.

Corona als Chance – Teil 2

Ich wollte ich meine freie Zeit ja sinnvoll nutzen und mit viel Liebe und Aufwand einen Beitrag für diese Castingchallenge #wirspielenzusammen produzieren, die gerade durch alle sozialen Netzwerke flimmert.
Hätte ich mal vorher die Regeln gelesen. Die Teile dürfen nur 30 Sekunden dauern, nicht geschnitten werden und müssen im Querformat eingereicht werden. Fail!
Damit sich aber trotzdem noch Publikum einfindet, kommt das Produkt meines Schaffens jetzt hier ins Netz. Arbeitstitel „Fehlversuch“

Corona als Chance – Teil 1 Körperertüchtigung

Die erste Schockstarre ist vorbei.
Der Frühling ist da.
Und entgegen der Resignation meines letzten Eintrags soll mir nun die unverhoffte Freizeit für all die schönen Dinge dienen, die ich im normalen Alltag zu wenig unterbringe. Hier der Versuch einer Dokumentation. Heute: Körperertüchtigung.

Letzte, vorletzte und allerletzte Runden

Die letzten Wochen verbrachte ich in der Kneipe.
Und zwar mit Lutz Hübners Frühwerk Letzte Runde, welches in einer Kneipe spielt und genau dort auch aufgeführt wird. Spätestens seit Gretchen 89ff bin ich Liebhaberin Hübnerscher Sprachakrobatik und war sehr entzückt, als ich von Thomas Flocken (Regie) für die Rolle der Lena angefragt wurde. Lena wurde in irgendeiner Kritik als „verwelkte Lebedame“ bezeichnet, eine vielleicht nicht übermäßig charmante, aber doch irgendwie treffende Beschreibung des Charakters, den ich zur Stund in Lüneburg verkörpere. Eine Lebedame ist sie in jedem Fall. Verwelkt … naja, zumindest in dem Sinne, dass Lena die Lebensmitte überschritten hat und der eigene Alterungsprozess ein einigermaßen präsentes Thema ihres gegenwärtigen Daseins ist. Eines haben alle Figuren auf der Szene gemeinsam – sie alle bewegen sich in einer Zwischenwelt, einer Schnittmenge zwischen Leben und Sterben, wo Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen. Und so treffen hier Figuren vom Mittelalter bis in die Gegenwart aufeinander. Der Ackermann aus dem 14. Jahrhundert, Lena aus den 70er, Belly aus den 80er und Hannes aus den 90er Jahren … ach ja, und ein gewisser Todesengel namens Eszecielle, der heutig wirkt, aber alterslos ist. Sie treffen sich in einer Welt, die trotz des allgegenwärtigen Todes und einer zuweilen trostlosen Atmosphäre – oder gerade deswegen – vor Energie, Aufbruchstimmung und Lebensfreude nur so sprüht. Eine solche Welt symbolisiert die Kneipe von Hannes, dem Wirt, der sich selbst als „ Schoßhund mit Mangel an Gelegenheiten“ bezeichnet und ein wenig antiquiert wirkt in seiner 90er-Jahre Bude mit Spielautomaten, Juke-Box und Sole-Eiern auf dem Tresen. Eine Kneipe, in der wir das Gegenteil der hippen, stylischen Kneipenkultur atmen, die sich heutzutage in bundesdeutschen Großstädten mehr und mehr durchsetzt. Eine Kneipe, wo so ein bißchen Dreck und Abgefucktheit noch ihren Platz finden und wo sich die Menschen gepflegt besaufen, nach sexuellen Abenteuern suchen, die Jukebox anschmeissen und sich zum Tänzchen auffordern. Ein Laden, der zwar kaum Publikum, aber das wilde Leben in sich beherbergt. Ja, eine Kneipe, wie es sie in echt noch gibt – zumindest in der Lüneburger Hasenburg, deren Wirt in echt Harry heißt und ein cooler Typ ist. Nun, Harry hat weitaus mehr Gäste als der arme Hannes, der sich zwischendurch fragt, warum er nicht schon längst pleite gegangen ist. Aber Harry hat, wie Hannes, diesen Charme eines Typen, dem nichts menschliches fremd ist und der für jeden ein offenes Ohr hat. Bei Harry durften wir Kabel legen, Löcher in die Wand bohren, eine Klappe hinter seinem Tresen montieren und vieles mehr, um unseren Bühnenraum zu gestalten. Bei den Proben servierte er uns täglich eine dieser Riesenthermoskannen, voll mit herkömmlichem Filterkaffee und Kaffeesahne – total retro – und wer mochte, bekam Pommes rot-weiß.
Nun sind die Proben vorbei und der Spaß ist auf der Bühne … ähm, auf dem Kneipenparkett, und zwar seit dem 6. Februar.

By the way war diese Produktion auch Gelegenheit, den meistgespielten, deutschen Gegenwartsdramatiker persönlich kennenzulernen. Der hat sich nämlich auch auf den Weg zu Harry gemacht, um sich die Inszenierung anzuschauen. Und ich finde, Lutz Hübner passt, genau wie wir und sein Oeuvre in Harrys Kneipe, wo sich gepflegt betrinken kann. Es war ein Fest, eine allerletzte Runde mit ihm zu drehen und dabei das ein oder andere über die Entstehungsgeschichte dieses leider eher selten aufgeführte Schauspiel zu erfahren.

Zwei letzte Runden gibt es vorläufig noch, nämlich
am 1.März um 17 Uhr und
am 5. März um 19.30 Uhr
Ort des Geschehens: Die HASENBURG / Hasenburg 1 / 21335 Lüneburg
Tickets unter www.schauspielkollektiv.de, bei der LZ Kasse oder an der Abendkasse

Wir freuen uns auf diese allerletzten Runden vor der eventuellen Wiederaufnahme zur allerallerletzten Runde …

ZUR PREMIERENKRITIK

Randnotitz: By the way hatte genau heute vor 8 Jahren, am 29. Februar des Schaltjahres 2012, unsere Inszenierung Gretchen89ff im Hamburger Monsun Theater Premiere. So schließt sich der Kreis. Alle zwei Schaltjahre ein Lutz Hübner … das könnte sich fortsetzen.

Lena (Esther Barth)

Belly (Hendrik Flacke) und Hannes (Jens Rainer Kalkmann)

Eszecielle (Hannah Rebecca Ehlers), Hannes (Jens Rainer Kalkmann) und Lena (Esther Barth)

Belly (Hendrik Flacke) und Lena (Esther Barth)

Lena (Esther Barth) und Belly (Hendrik Flacke)

Eszecielle (Hannah Rebecca Ehlers) und der Hinterbliebene (Andreas Püst)

Premiere eines Denkstücks

So nennt die Journalistin Stefanie Oeding unser Oeuvre, die eine sehr schöne Premierenkritik im Flensburger Tageblatt veröffentlicht hat. Mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht hinzufügen. Lesen Sie selbst:

FLENSBURGER TAGEBLATT vom 12.10.2019

Rückkehr nach …

… Reims, heißt es im Stück. Für mich persönlich ist es erst einmal eine Rückkehr ins norddeutsche Flensburg. Das Genre betreffend geht es von der leichten Komödie zurück ins (französische) Arbeitermilieu – oder vielmehr den philosophischen Diskurs über soziale Herrschaft und soziale Scham.
In Kiel vertritt mich derweil meine Kollegin Heidi Mercedes Gold, deren Lola ich letzte Woche bereits live erleben durfte. Ja, ich hatte die einmalige Chance, das eigene Stück aus den Zuschauerreihen zu betrachten, weil Heidis Premiere auf einen Tag gelegt wurde, wo hier in Flensburg für die Schauspieler frei war.

Inzwischen liegen die Endproben fast hinter uns. Heute Abend wird sich zeigen, ob die GP dieses Oeuvres stressfreier anläuft als die letzte dieser Art in Kiel. Da das Theater hier aber direkt hinter dem Gästehaus liegt, in dem meine Kollegen und ich untergebracht sind, bin ich zuversichtlich, dass das klappt und ich pünktlich und ungestresst erscheinen kann. Morgen starten wir dann in die ersten Vorstellungen:

RÜCKKEHR NACH REIMS
nach dem gleichnamigen Buch von Didier Eribon
Bühnenfassung und Regie: Gabriele Schelle
Schauspiel: Christian Nisslmüller und Esther Barth

Premiere: 10. Oktober 2019 , 20 Uhr / Theaterwerkstatt Pilkentafel in Flensburg

Weitere Vorstellungen: 11.10., 12.10., 17.10., 18.10., 19.10.

Vorankündigung „Rückkehr nach Reims“, Flensburger Tageblatt vom 8.10.2019

Neue Frauen braucht das Theater – Unbeschreiblich weiblich in Kiel

Noch bevor ich wieder nach Reims, resp. Flensburg auf die Spruren von Didier Eribon zurückkehre, wird in Kiel die Komödie Unbeschreiblich Weiblich von Petra Wintersteller Premiere haben.

Der Theaterfrachter Lore&Lay wird zeitnah in bespielbarem Zustand sein, ist aber zur Stund noch work in progress, und so fand die erste Leseprobe an Land statt.

Wie der Titel schon nahelegt, befinden wir uns in einem fast ausschliesslich aus Frauen bestehenden Ensemble. Der junge Josh Riese ist der metaphorische Quotenmann in einem ansonten mit Weibern besetzten Team, inklusive Regie und Regieassistenz. Im Übrigen handelt es sich um ein, wie ich finde, ausnahmslos sympathisches Ensemble mit einer Regisseurin, die die richtigen Töne trifft. Tina Wagner wird das Oeuvre inszenieren, und mich ergriff sofort vollumfängliche Begeisterung, als sich abzeichnete, dass da jemand über die gleichen Stellen im Stück gestolpert ist wie ich und ich mit den Einwänden und Änderungsvorschlägen zu hundert Prozent einverstanden bin – hat man ja auch nicht alle Tage.

Das Setting: Vier Frauen mit auffällig unterschiedlichem Naturell begegnen sich auf der Suche nach einem erfüllteren Leben in einem VHS-Kurs des sehr schönen Titels „Unbeschreiblich Weiblich“. Sie durchlaufen, angeleitet von Frauenversteher Erich Schuler, einen – teils drolligen, teils dramatischen- gruppentherapeutischen Prozess, entdecken sich neu und feiern in einem genregerechten Happy End das Leben und sich selbst. Der Humor dieser Liebe-Dich-selbst-Komödie entsteht vor allem durch die Kombi der Charaktere, in denen jede von uns zweifelsohne die ein oder andere Bekannte – uns selbst eingeschlossen – wiedererkennt und die im Zusammenspiel einfach putzig daher kommen. Ein bisschen schwierig finde ich, gerade im Zusammenhang mit Frauen, die Botschaft, dass ein glückliches, erfülltes Leben, sich in erster Linie durch eine möglichst enge Bindung an einen Mann herstellt. Jedenfalls könnte man die Schlußszene dahingehend interpretieren. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass unsere Regisseurin eine schöne Lösung bereit hält, um diese Interpretationsmöglichkeit nicht so sehr als Kernthese ins Zentrum der Inszenierung zu rücken.

Gute sechs Wochen Probenarbeit liegen vor uns, dann wird Lore&Lay das Ergebnis präsentieren. Wer teilhaben möchte:

Unbeschreiblich Weiblich
Premiere am 26. September um 20 Uhr auf dem Theaterfrachter Lore&Lay
mit Jule Nero, Oleksandra Zapolska, Josh Riese, Martina Riese und alternierend Esther Barth/Heidi Klein
Regie: Tina Wagner

Tickets

Rückkehr nach Reims – Theater trifft Soziologie

67795699_2284205241656266_5498730896880041984_oIch habe lange kein Stück mehr gearbeitet, das ein so hohes Maß an Suchen und Verwerfen, an Textanalyse und der Arbeit am Bühnentauglichmachen erfordert hat.

Rückkehr nach Reims (Retour à Reims) ist ein Sachbuch mit autobiographischem Hintergrund. Ein Buch ohne Dialoge, geschrieben in einem, sagen wir, analytisch-intellektuellen Duktus – auch wenn die sehr persönlichen, autobiographischen Schilderungen zum Teil sehr anrührend sind, wenn man das Buch liest. Meine Regisseurin Gabriele Schelle hat ein Bühnenstück daraus gemacht. Ich war und bin erstaunt, wie gut es gelungen ist, aus verschwurbelten Analysen -über Fragen wie die Existenz der Klassengesellschaft, das Wahlverhalten bestimmter Milieus oder die Prägung des Menschen durch Herkunft und Zugehörigkeit zu verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen-  plastische Dialoge zu kreieren. Und doch haben mein Kollege Christian Nisslmüller, die Regisseurin und ich in den letzten Wochen intensiv daran geackert, diese Texte zu unseren zu machen, haben gestrichen, geöffnet, verändert, Bilder ausprobiert, um einzelne Worte, Gesten oder Gänge gerungen und versucht, Didier Eribon, den Autor, zu verstehen.

Gleichzeitig setzte diese Beschäftigung bei uns allen eine Reise in die eigenen Familienstrukturen frei. Rückkehr nach Reims beschreibt die Rückkehr Eribons in seine Heimatstadt und zugleich ins soziale Milieu seiner Herkunft, die „Arbeiterwelt“, wie er sie selbst nennt. Fast dreißig Jahre lang hatte der inzwischen in Paris lebende Intellektuelle seine Eltern und Geschwister nicht besucht. Zu groß erschien ihm die Entfremdung von der Welt, in der er aufgewachsen ist. Erst die Alzheimererkrankung seines Vaters treibt ihn zurück und damit auf die Suche nach seiner Identität. Anders gesagt erkennt er, dass gerade die radikale Abgrenzung von seiner Familie, ja, die Vertuschung seiner Herkunft, die er bislang betrieben hat, eine Befreiung von sozialen Zwängen verhindert. Unwillkürlich entdeckt man als LeserIn – und insbesondere, wenn man sich, wie wir, dem Text künstlerisch nähern und ihn in ein Bühnenstück verwandeln will – Parallelen zu eigenen Kindheitserfahrungen, rekapituliert das eigene Verhältnis zu den Eltern, den Großeltern, den eigenen Abnabelungsprozeß und sein Dasein als Teilchen im Bildungssystem. Bilder, Gedanken und Erinnerungen poppen auf. Und die Frage, was davon wir wohl nach Jahrzehnten eher verklärt wahrnehmen.

Im Grunde liegt mir die Arbeit an intellektuellen Texten. Nachdem ich mein Verkopftsein während der Schauspielausbildung und auch noch danach eher als hinderlich empfand und daran arbeitete, mich zum reinen Emotionsmenschen umzuerziehen, verstehe ich es in letzter Zeit wieder als sinnvolle Begabung, komplizierte Gedanken in verschachtelte Sätze packen und jene Gedankengänge entschlüsseln zu können, die andere in Schachtelsätze transferiert haben. Selbst im französischen Original gelang mir das mit Eribon ganz gut. Und doch ist die Transferarbeit hin zur Emotionalität und Verbildlichung der Bühne, die wir in den letzten Wochen geleistet haben, eine anstrengende. Vier Wochen sind seit der ersten Probe vergangen, und ich habe mir einen Hühnerrhythmus angeeignet. Ich stehe mit den Hühnern auf und schlafe auch meist mit ihnen ein. So erschöpft bin ich oft nach der Arbeit.

Übrigens habe ich tatsächlich seit vier Wochen Hühner um mich. Meine Unterkunft hier ist ein Hof mit sechs Hühnern und einer Katze. Ländliche Idylle also am Abend. Und am Tage konzentrierte Probenatmosphäre in der im Moment quasi ausgestorbenen Pilkentafel, die uns für die Vorproben ganz alleine zur Verfügung steht.

Im Oktober sind Endproben. Und wenn wir Glück haben, hat sich nicht nur die Bemühung der Gehirnwindungen gelohnt, sondern Monsieur Eribon wird sich das Ergebnis unseres Schaffens persönlich in Flensburg ansehen.

10. Oktober | 20.00 h PREMIERE

Rückkehr nach Reims nach Didier Eribon

Bühnenfassung und Regie: Gabriele Schelle

Schauspiel: Christian Nisslmüller und Esther Barth

Theaterwerkstatt Pilkentafel

Pilkentafel 2
24937 Flensburg
T: +49 (0) 461 24901
info@pilkentafel.de

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