Abschied von Barbara Kisseler

Barbara Kisseler zuzuhören war großes Tennis.
Ich mochte unsere Kultursenatorin. Sie hatte die Wortgewalt eines Thomas Mann, den Humor eines Max Goldt und sie Sinnlichkeit von … hm, die Sinnlichkeit steht irgendwie für sich. Vor allem aber vermittelte Frau Kisseler eine glaubwürdige Empathie für ihre Sache, was glaube ich ihre Beliebtheit in Künstlerkreisen am besten erklärt. Wenigen PolitikerInnen spürt man Feuer unterm Hintern an und persönlichen Eifer für ihre Themen. Barbara Kisseler gehörte zu diesen wenigen. Es ist traurig, dass sie nicht mehr dabei ist.

Danke, Frau Kisseler, dass ich Ihnen zuhören durfte.

Nachruf in ZEITonline

Hans-Peter

Hans-Peter-Kurr

Hans-Peter-Kurr

Im Frühjahr 2012 übernahm ich eine Rolle in „Korczak und die Kinder“ am Theater Sehnsucht in Hamburg. Die Hauptrolle spielte Hans-Peter Kurr.
Hans-Peter hatte diese Art zu spielen, die ich „Alte Schule“ nenne: extrem präsent, leidenschaftlich, sehr präzise und obwohl durchaus theatral absolut glaubwürdig. Irgendwie hatte Hans-Peter das Charisma eines großen Schauspielers, ohne Diva zu sein. Ich mochte das. Und ich mochte die Energie, mit der er auf vielen Baustellen gleichzeitig Projekte realisiert, die freie Theaterszene in Hamburg belebt und sich, ziemlich poetisch zuweilen, als Journalist betätigt hat.
Hans-Peter ist vor einigen Tagen mit 78 Jahren gestorben.
Er wird mir fehlen.
Und der Hamburger Theaterlandschaft auch.

 

1984 – Premiereneindrücke

Dieses Jahr erlebe ich die Eigenproduktion des Hamburger Sprechwerks im Zuschauerraum. Gegeben wird „1984 – Ein Alptraum“, nach einer Romanvorlage, die spätestens seit Edward Snowden wieder in aller Munde ist.

Ich habe das Oeuvre von George Orwell tatsächlich in den 80ern gelesen. Es muß 1989 gewesen sein, denn unsere Deutschlehrerin hatte es, soweit ich mich erinnern kann, im Zusammenhang mit den Entwicklungen in Ostdeutschland auf den Lehrplan gepackt. Dunkle Zukunftsvisionen hinsichtlich staatlicher Überwachungsmaßnahmen waberten schon damals durch die kritische Bevölkerung. 18 Jahre Honecker verschafften dahingehenden Befürchtungen auch durchaus Berechtigung. Die technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts, wo ein Klick im Internet reicht, um in Sekundenschnelle potentiell Daten und Informationen durch die ganze Welt zu transferieren, potenzieren aber inzwischen zweifelsohne das Gefühl des Überwachtwerdens. Ich glaube, dass selbst unkritische Menschen sich zunehmend davon befremdet fühlen, die Kontrolle über ihre Privatsphäre verloren zu haben, und die Affaire um Snowden hat kaum einen unberührt zurück gelassen. Dass „1984“ 66 Jahre nach seiner Entstehung aktueller ist denn je, ist deshalb ein Allgemeinplatz, der inzwischen so inflationär formuliert wurde, dass es im Grunde obsolet ist, ihn zu erwähnen.

Die Inszenierung von Konstanze Ullmer ist nah dran am Original, auch wenn die Handlung ins Jahr 2014 transferiert wurde. Eine Entscheidung, die naheliegt und gelungen ist. Die sterile Ästhetik einer kahlen Bühne, auf der kahlköpfige Männer und immerhin normal behaarte Frauen in pragmatischen Einheitsanzügen agieren, vermittelt dieselbe Beklemmung, die ich schon vor über 20 Jahren bei der Lektüre empfunden habe. Ich erlebe entmenschlichte Menschen, die, wenn überhaupt, nur noch in der Theorie eine Sinnlichkeit in sich beherbergen. Einer davon, Winston Smith, ringt zwar um sinnliche Erfahrungen, aber es gelingt eben nicht, sie umzusetzen in einer Welt, in der Sinnlichkeit nicht vorgesehen ist. Die zähe Langsamkeit des ersten Aktes unterstreicht einen Alltag, wo Emotionalität nur noch im Zusammenhang mit patriotischen Parteigesängen und gruppendynamischen Haßtiraden gegen den politischen Feind vorkommt. In dieser Welt freut man sich über jedes Anzeichen durchblitzender Menschlichkeit. Eine Aerobic-Stunde zum Beispiel, wo selbst schlimmster 80er-Trash erlösend erscheint vor dem Hintergrund der ansonsten schablonenhaften, aufoktroierten Lebensrealität ihrer Teilnehmer. Und das im Grunde widerliche öffentliche Schmatzen und Sabbern eines Parteigenossen nimmt man als fast schon erfreuliches Zeichen von Individualität wahr.

Im zweiten Teil, wenn diese Welt endlich gebrochen wird durch die Liebe zwischen Winston Smith und der jungen Julia, da hätte ich mir mehr Zauber noch zwischen den Figuren gewünscht. Ich hätte gerne noch mehr das Wunder des Menschlichen gespürt, die Wucht und die Kraft, die Sexualität und Emotionen haben, wenn sie nach so langer Zeit einen Platz gefunden haben. Und die Figuren Challington und O’Brien vertrügen im Rahmen ihrer Tarnung als Parteigegner ein Element, das sich spürbar abhebt vom üblichen Gebahren der Entsinnlichten. Jedenfalls habe ich mich gefragt, was ausser ihren Worten in Winston Smith so maximales Vertrauen zu ihnen auslöst, dass er sich ungefiltert vor ihnen outet.

Dennoch gelingt es dem Stück, das im dritten Teil dynamisch und emotional die existentielle Not Winstons erzählt, sein Ringen um Widerstand und sein Scheitern im Angesicht der unaushaltbaren Folter, der er ausgesetzt wird, mich mit Wucht und Beklemmung aus dem Theater zu entlassen. Und mit vielen Fragen im Kopf. Wer ist hier beispielsweise „gut“ und wer ist „böse“? Ist eine Hauptfigur noch sympathisch, die auf den Gedanken, einem Kind für die gute Sache das Gesicht mit Schwefelsäure zu verätzen, weniger zögerlich reagiert als auf die Aussicht, sich zum gleichen Zweck von seiner Geliebten zu trennen? Wie wäre ich selbst in der Lage, mich vor dem Hintergrund brutaler Repression und Entmenschlichung zu positionieren?

In der Nacht träume ich vom Krieg. Ein Alptraum – der Subtitle ist berechtigt. Will man das? Nun ja, Theater darf und kann eben mehr, als tuffig zu unterhalten. Dieser Theaterabend hat Eindrücke in mir ausgelöst, die weit über den Abend hinaus in mir weiterwirken und Bestand haben. Das ist viel und das größte Kompliment ans Ensemble. Danke für dieses Theatererlebnis.

1984 – ein Alptraum Fr 29.8., 20 Uhr, Sprechwerk, Klaus-Groth-Straße 23, Karten kosten 18,30, ermäßigt 11,70 Euro unter T. 24 42 39 30, an der Abendkasse 19, ermäßigt 12,50Euro; weitere Termine 30./31.8., 23. bis 25.9.

Wir werden immer ärmer, jeden Tag ein Stück

Ich bin GRIPS-Gängerin der ersten Stunde. Nunja, nicht ganz, denn als das GRIPS Theater vor vierzig Jahren seine erste Spielstätte am Kurfürstendamm bezog, gab's mich noch nicht. Und auch den Hansaplatz habe ich erst in den Achzigern das erste Mal persönlich aufgesucht. Aber zu meinen prägendsten Kindheitserinnerungen gehört neben den obligatorischen friedensbewegten Fredrik-Vahle-Platten und Papas Liedermachersammlung (meine Eltern fühlten sich seinerzeit kommunistischen Ideen zugetan) eine Schallplattenversion von "Mensch Mädchen", welche bereits in den 70er Jahren unseren Haushalt bereichert hat. Seither weiß ich, dass Mädchen die besten Raketen bauen. Der junge Heinz Hoenig als Bruno ist in der Geschichte an der Aufgabe gescheitert, während Ulrike, Gabi und Sabine unter den besorgten Blicken ihrer Eltern die Raumfahrttechnik für sich entdeckt haben. Später hatte ich noch Balle, Malle, Hupe und noch später sahen wir während einer Klassenreise in die Hauptstadt "Eine linke Geschichte" mit Ilona Schulz als Mamas Alter Ego – eine ersprießlich selbstironische Geschichte über studentenbewegte Menschen, die am Ende doch Spießer werden. Die linke Geschichte wird immernoch gespielt, wobei die letzte Szene jeweils dem aktuellen Jahr angepasst wird. In meinen frühen Erwachsenenjahren, die ich in Berlin verbrachte, sah ich das Stück traditionell einmal im Jahr. Genauso wie Linie 1, dessen Uraufführung übrigens an meinem zehnten Geburtstag, kurz nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl stattfand. Heute kann ich die Wilmersdorfer Witwen auswendig schmettern und mein Sohn ist Schlagzeugeleve bei einem Grips'schen Musiker.
Ich selbst hatte leider nie das Vergnügen, dem Ensemble anzugehören, obwohl ich mir bei den Bewerbungsanschreiben für dieses Haus immer mehr Mühe gab als üblich. Vielleicht liegt es ja daran, dass der zum Inventar gehörende Dietrich Lehmann mein Vorsprechen an seiner Schauspielschule annodazumal katastrophal fand und ich mich dummerweise unter meinem richtigen Namen beworben hatte. Allein schon ob der nie aufgegebenen Hoffnung, dieses traumatische Ereignis mit einem irgendwie brillianten Überraschungsauftritt auf den Grips'schen Brettern, so Susan-Boyle-artig, wieder gut zu machen (das wäre dann auch gleich eine verfilmungsreife Vorlage für ein autobiographisches Melodrama mit Happy End) muß das GRIPS Theater überleben.
Abgesehen von dererlei persönlichen Interessen erinnere ich Herrn Wowereit, falls er mitliest, daran, dass die Hauptstadt schließlich sexy bleiben soll. Wenn Sie das GRIPS Theater verhungern lassen, werter Herr Bürgermeister, ist Berlin nur noch "arm, aber". Und wir wollen doch nicht, dass der in die Jahre gekommene Heinz Hoenig in einer Reprise von "Mensch Mädchen" anlässlich der Schliessung des Hauses von der Bühne tönt: "Wir werden immer ärmer, jeden Tag ein Stück …"
Also, mehr Kohle, mehr Grips! Wer dafür ist, hebe die Mouse und klicke hier.

Ein Theater. Mein Theater.

Ich bin seit fünf Jahren am Theater Sehnsucht. In diesem Ensemble habe ich damals in Hamburg angefangen, als verfressener Engel in Wilder Panther, Keks. Es waren turbulente Jahre. Das Theater hatte gerade einen Ensemblewechsel hinter sich und stand vor der Frage, in welche Richtung es sich entwickeln will. Bis dato war das Projekt als reines Suchtpräventionstheater angelegt, als One-Men-Unternehmen des Regisseurs Fred Buchalski, der aufgrund seiner eigenen Suchtkrankheit die Mission der Suchtprävention im Auge hatte. Der Kampf um kommerzielle Vermarktung und entsprechende Strategien, ohne dabei das soziale Ziel Freds aus den Augen zu verlieren, die Verquickung von künstlerischen und administrativen Aufgaben, der Probenprozess selbst und manchmal auch Uneinigkeit über den Fokus unseres Schaffens und kleine Egokämpchen nicht ganz uneitler Künstlerpersönlichkeiten, wie wir es alle sind, hat dieses Ensemble immer wieder an Punkte gebracht, wo fast jemand ausgestiegen ist. Auf der administrativen Seite sind auch diverse Menschen ausgestiegen und neue gekommen. Aber das künstlerische Ensemble, Gosta Liptow, Thomas Fitschen, Alexx Grimm, Sonja Ried, Sophie Turbanski, die Musikerin Kinga Heymann, Fred Buchalski selbst, ach ja, et moi, arbeiten bis heute zusammen. Inzwischen in wechselnder Besetzung in vier unterschiedlichen Produktionen und an der Seite von weiteren, neu hinzugekommenen Schauspielern. Wie wichtig mir dieses Theater ist, wurde mir gestern bewußt, als „Korzcak und die Kinder“ in der Jugendkirche Flottbek Quasi-Premiere hatte. Eine Premiere war es nur für mich, denn die Kollegen hatten das Stück schon mit Kerstin Otto zusammen gespielt, deren Rollen ich übernahm. Ich hatte für diesen Auftritt fünf Probentage und eigentlich kaum Zeit, mich in die Hintergründe dieses sehr ernsten, sehr traurigen und sehr umfassenden Themas hinreichend einzuarbeiten. Das Stück erzählt, in überwiegend berichtender Form, die Geschichte eines jüdischen Kinderarztes, der seine Waisenkinder freiwillig in die Gaskammer vonTreblinka begleitet, weil er sie nicht vor dem Tod zu bewahren vermag. Dass es mir dennoch gelungen ist, meine Rollen – eine deutsche Offiziersfrau, eine jüdische Krankenschwester, die Mutter des Offiziers und die „moderierende“ Schauspielerin – zu leben, verdanke ich einem über viele Jahre gewachsenen Ensemble. Kollegen, die mir und meinem Spiel so viel Vertrauen entgegen gebracht haben, wie ich es selten erlebt habe, und mit denen sich das Zusammenspiel sicher und vertraut anfühlt, so dass ich mich in jeder Minute des Spielens der Geschichte und der Situation hingeben konnte. Es ist für einen Künstler unendlich wertvoll zu erfahren, dass die eigene Arbeit gewertschätzt und verstanden wird. Diese Erfahrung durfte ich gestern machen. Danke Fred! Danke Kollegen! Ich bin froh, dass ich am Theater Sehnsucht geblieben bin.

Übrigens hatten wir nach der gestrigen Vorstellung die Gelegenheit, Peggy Parnass kennenzulernen. Eine clevere Frau, die über hinreichend Selbstbewußtsein und rhetorische Kompetenz verfügt, um Toleranz nicht mit Gutmenschlichkeit zu verwechseln und den Kampf gegen rechts nicht mit Betroffenheitsgesäusel. Von allen Diskutant/innen hat sie wahrscheinlich am allerbesten verstanden, was friedliche Koexistenz sein könnte. Peggy hat ja nach eigener Aussage keinen Internetzugang. Aber vielleicht kann es ihr jemand vorlesen: War cool, Dich kennengelernt zu haben, ich habe Dir gerne zugehört.

Sagen Sie jetzt nichts, Hildegard

Bei uns kann es vorkommen, dass mein fast 12jähriger Sohn meine Reinlichkeitsanweisungen mit den Worten „Ich bade ja schliesslich auch nicht zum ersten Mal“ kommentiert. Worte, die er bei Herrn Müller-Lüdenscheidt geklaut hat. Oder war’s Dr. Kloebner? Egal. Fakt ist, dass meine Familie seit vier Generationen über Loriot lacht und die Unkenntnis der Ortschaften Nether Addlethorpe und Middle Fritham bei meiner Partnerwahl ein Ausschlusskriterium darstellt. Loriot ist und bleibt ganz großes Kino. Selbst die Interpretationen miserabelster Darsteller und unfähigster Regisseure, wie sie die Zuschauer in mancher sogenannten Loriot-Inszenierung verkraften mußten, schaffen es nicht, diesen großartigen Textvorlagen gänzlich den Humor abspenstig zu machen. Die gute Nachricht ist, dass wir in nächster Zeit ganz viel Loriot im deutschen Fernsehen zu sehen bekommen werden. Die schlechte Nachricht ist, dass wir Loriot persönlich erst im nächsten Leben wieder zu sehen bekommen. Vielleicht. Ich werde jetzt einfach noch eine Weile nur hier sitzen und später vielleicht die Ente zu Wasser lassen. Mach’s gut, du dödel du.

Im Bild und live dabei

Liebe Kollegen in Hamburg, Hallo Kampnagel!

Auch ich bin nicht untätig à Paris und immer im Dienst und schliesslich nicht zum Vergnügen hier. Dabei sein ist alles, sagt man … tja, und ich war es. Live dabei bei der Tour de France, wo heute abschliessend in die Pedale getreten worden ist. Voilà!

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She She Pops 7 Schwestern

Jetzt habe ich sie auch gesehen.
Sie sind zu siebt, weil die drei aus "dem Buch" (welches als solches auch mitspielt im Stück) um die vier Darsteller/innen ergänzt werden. Es gibt also Mascha, Olga und Irina. Und es gibt Johanna, Ilia, Lisa und Sebastian. Und dann gibt es André, die Kinder und uns, "die Besucher". Die Performance ist überwiegend bewegtes Bild auf Leinwand. Jedes Zimmer des Prosowschen Hauses hat seine eigene: Küche, Salon, Kinderzimmer, Terasse, Flur und …hm, was war das für ein Zimmer? Büro? Gelegentlich bespielt jemand die Besucher draussen, also die Bühne.
Es geht um Rollenbilder, Elternschaft, Arbeit, Einsamkeit, das Lebensgefühl jenseits der vierzig. Zum Beispiel lernen wir ganz am Anfang, dass es mit vierzig zu spät ist für Flechtfrisuren und Scherpen. Also, schnell nochmal Haare wachsen lassen! Später gibt es so ne Art Podiumsdiskussion über Rollenbilder und eine neue Art der Kinderzeugung wird diskutiert. Also, jenseits von heterosxuellen Beziehungsmodellen oder so ähnlich. Wie das genau gehen soll, habe ich vergessen, ist aber auch egal im Grunde. Ging wohl eher um den Gaga-Faktor. Jedenfalls unkonventionell. Und kollektiv.
Was ich an der Erzählart unbedingt mag, ist die gelungene trashige, heutige, humorige Präsentation Tschechow'scher (und nichttschechow'scher) Ideen plus die Atmosphäre russischer Melancholie, die ich tatsächlich spüren und schmecken und riechen konnte. Heutig sein, jetzt, hier, Hamburg und trotzdem die Figuren des Originals eingefangen. Ja, das ist in meinen Augen wirklich geglückt.
Im letzten Akt werden die Kinder, zwei- bis vierjährig, nach Moskau geschickt. Drolliges Finale. "So, zieht Euch mal alle an. Wir machen nämlich einen Ausflug. Ja. Ehrlich gesagt, wir machen einen Ausflug für immer. … Wo es langgeht, ja, das ist ganz einfach. Ihr geht einfach immer geradeaus, und ganz wichtig, nicht zurück, ja, also, nicht zurück. Ich komme nicht mit. Ihr geht alleine. Ihr müßt einfach raus. … Ja, raus aus dem Haus und raus aus den Strukturen. Wenn Euch jemand fragt, wo Ihr hin wollt, was sagt Ihr denn dann? …. Ja, raus. Raus aus den Strukturen. Genau. Das ist nämlich wichtig für Euch. …. Nein, die Mama bleibt hier. Die Mama ist nämlich ein Teil genau dieser Struktur, aus der Ihr ja raus sollt. Ihr müßt Eure eigenen Entscheidungen treffen, das ist wichtig. Wichtig für Euch. Kannst Du schon Solidarität sagen? Solidarität? Nein … na gut, Moskau, kannst Du schon Moskau sagen?" "Moskau" "Sehr schön. Wenn Euch jemand fragt, wo Ihr hin wollt, dann sagt Ihr einfach, nach Moskau, alles klar?"
Am Ende, standing Ovations trotz offenbar eher mieser Kritiken im Vorfeld.
Mich hat das Stück durchaus berührt.
Ich hätte die Darsteller gerne mehr live gesehen.
Aber ich mochte die Themen und die Art, wie sie reflektiert wurden. Und diese Frauen, diese Menschen um die vierzig, die gepflegt verzweifelt und gepflegt ironisch ihre Rollen spielen. Als Eltern, als Katzenbesitzerinnen und als Jobinhaber. Die Maskenbälle veranstalten, Geschenke basteln, Liebesbriefe verfassen, sich fragen wie erfülltes Dasein geht.
Diese Figuren sind sehenswert. Aktuell. Projektionsfläche. Und kurzweilig.
Kurzweilig. Muß man mit Tschechowfiguren erstmal hinkriegen.

Zu She She Pop

Zu Adrian Antons Bericht auf Theaterblogs

Nimm Abschied und gesunde

Heute wäre Papa 61 Jahre alt geworden. Ist er aber nicht. Mein Vater starb noch vor seinem sechzigsten Geburtstag am 11. März 2009.
Ohne jeden Zweifel hat sich mein ganzes Lebensgefühl mit diesem Ereignis dramatisch verändert. Anders als zum Beispiel bei Mama und Oma hat sich meine Verzweiflung zuerst nicht einmal in einem Gefühl nicht auszuhaltender Trauer geäussert. Mir kam das Ganze eher surreal vor, zumal sich ein direktes Vermissen vor dem Hintergrund, dass ich Papa auch lebenderweise oft nur zwei, drei mal im Jahr persönlich gesehen habe, erst sehr viel später eingestellt hat. Stattdessen bekam ich zwei Monate nach seinem Tod, wie mir später klar wurde, Panikattacken. Ich hatte also plötzlich mit Herzrasen, Schwindel, Taubheitsgefühlen in den Gliedern und allen möglichen denkbaren Vorboten des zeitnahen Todes zu tun, ohne dass es eine ersichtliche Ursache dafür gab. Schwer zu beschreiben, wie sich das anfühlt. Im Film würde wahrscheinlich das Bild verschwimmen, Teile hin und her wackeln und wagnerartiges eingespielt. Jedenfalls habe ich vom Hirntumor bis zur Akromegalie in den letzten zwei Jahren die Symptome fast aller lebensbedrohlichen Krankheiten gegoogelt und mich auf mindestens zwanzig davon testen lassen. Ergebnislos, bis auf etwas zu wenig Eisen, dafür aber zu viel Cortisol bin ich kerngesund.
Bis dahin lebte ich in dem Gefühl, es dauert ewig und erlebte Krankheit, wenn überhaupt eher als lästig, denn als wirklich bedrohlich. Und dann plötzlich die zum ersten Mal spürbare Erkenntnis, dass auch mein Dasein endlich ist und es unzählige saublöde Umstände gibt, die dieses Ende unerwünschterweise beschleunigen könnten. Natürlich war mir das schon vorher klar, aber es fühlte sich eben nicht so an. Um also mein Risiko zu minimieren, habe ich sogar das Rauchen eingestellt, was als mindestens so überraschend bezeichnet werden kann, wie wenn Hella von Sinnen heterosexuell wird oder Edmund Stoiber den Linken beitritt. Ich hoffte, mit dieser Maßnahme die übertriebene Angst vor einem vorzeitigen Tod in den Griff zu kriegen, verdoppelte ausserdem mein Sportpensum, trat den Weightwatchers bei und wurde quasi ein personifiziertes Gesundheitsprogramm. Allerdings nicht im Herzen, gottseidank. Die Gesundheitspolizei, diese lasterfreien Allroundabstinenzler und Genußfeinde, sind mir bis heute wesensfremd, darauf lege ich Wert. Ich betrachte mein diesbezügliches Tun eher als Mittel zum Zweck ohne übergeordnete Philosophie. Nun, wenigstens befürchte ich seither keine Herzinfarkte mehr. Jedenfalls keine allzu zeitnahen. Dafür kann ich mein Wohlfühlgewicht neuerdings nur noch mit ausgesprochen intensiver Selbstkasteiung erreichen, was schade ist. Und ich soll noch launischer geworden sein als früher.
Immer wenn jemand stirbt, selbst wenn’s nur mal wieder irgendein Prominenter ist, den ich gar nicht persönlich kannte, packt mich diese Endlichkeitserkenntnis und ich habe überhaupt das Gefühl, dass in letzter Zeit ganz schön viele Leute sterben. Manchmal stelle ich mir vor, wie sich dies oder jenes Ereignis so gestaltet hätte, wäre Papa noch mit von der Partie und dass er jetzt im Himmel mit Christoph Schlingensief und Karl Marx diskutiert und Joints mit John Lennon raucht (was überhaupt bestimmt viel mehr Spaß macht, wenn man eh schon hin ist). Ja, und dass er sich fürchterlich darüber wundert, dass es doch ein Leben nach dem Tod gibt, wo er sich doch sicher war, dass man das ausschliessen kann. Manchmal frage ich mich, ob auf seinem Renault jetzt, nach Japan, wieder ein Atomkraft-nein-danke-Sticker kleben würde und wie er als ganz alter Mann ausgesehen hätte. Und manchmal vermisse ich den Kerl ganz schön doll.
Das erhoffte Lebensgefühl von früher hat sich nicht wieder eingestellt. Ich habe nie wieder diese Ewigkeitsgefühl empfunden, mit dem ich gelebt habe, als mein Vater noch da war. Wenn ich so alt werde wie Papa, bleiben mir 23 Jahre. Ganz schön kurz. Also wünsche ich mir einfach, dass es ein Jenseits gibt und dass man da dann alle wieder sieht und viel Spaß hat.
Happy Birthday, Papa.
Bis später, im Himmel – oder anderswo.