Zukunft und Renate Panke

Es wurde zu einem Feedback hinsichtlich der allgemeinen Bloggerzukunft aufgerufen, und ich möchte nicht nur Renate, sondern alle Blogger an meinen Eindrücken teilhaben lassen. Nicht nur, weil ich eh mitteilungsbedürftig bin, sondern weil ich finde, dass Brainstorming besser funktioniert, wenn man die Eindrücke der anderen kennt. Los gehts.

1. Ich finde die Übersichtlichkeit der Blogs eigentlich prima. Ich habe das Gefühl, Ragna und Alexandra und Friedo zu kennen, obwohl ich keinen von denen je persönlich getroffen habe. Und ich habe bereits erlebt, wie witzig das sein kann, wenn man dann jemanden, den man seit Monaten oder Jahren liest, eines Tages tatsächlich live und in Farbe vor sich hat. Das AugusTheater und der Münchner Regisseur Hartmut Nolte sind über meinen Blog auf mich aufmerksam geworden. Und ich bin überzeugt, dass das Bloggen eine andere, viel persönlichere Form der Selbstdarstellung ermöglicht als „nur“ Wie-heiß-ich-wer-bin-ich-was-hab-ich-wo-gespielt-bla-bla. Versuche, die Theaterblogcommunity von dreihundert auf dreitausend Blogger zu puschen, könnten daher eher kontraproduktiv sein.
2. Ich bin trotzdem immer gegen Zensur, und auch wenn ich verstehen kann, Renate, dass die Blogs nie als reine Präsentationsplattform angelegt waren, hätte es in meinen Augen einen blöden Beigeschmack, die entsprechenden Blogs einfach zu löschen. Nicht machen, wenn Ihr mich fragt.
3. Technisch ist das Bausteinsystem fraglos ausbaufähig. So kann ich zum Beispiel mit Safari so gut wie gar nicht formatieren, und auch mit Firefox gibt es manchmal Probleme. Ab und an passiert es, dass plötzlich eine ganz andere Schrift auf meinem Blog erscheint, obwohl ich den Eintrag wie immer gecopied und -pasted habe. Auch könnte die Menüführung ein bißchen benutzerfreundlicher gestaltet sein. es bedarf manchmal zu vieler Klicks, um was nachzuformatieren oder rauszusuchen. Ich kämpfe zum Beispiel immer damit, dass das Herstellen von „Unterrubriken“ relativ kompliziert ist. Man muß eine Seite erstellen, die man dann auf der Hauptseite manuell verlinkt. Das Prozedere dauert ziemlich lange, und ich habe jedes Mal den Eindruck, dass das doch einfacher machbar sein müßte.

Und dass ich es nicht vergesse, Renate: Ich finde es großartig, mit welchem Einsatz Du Dich seit vielen Jahren um die Blogs kümmerst und möchte nicht unerwähnt lassen, dass mir schon mehrfach umgehend Hilfe zuteil wurde, wenn ich ich SOS geschrien habe, weil ich ich mein Paßwort verschusselt, meine Tastatur gefönt oder sonstigen Blödsinn rund um die Computertechnik verbrochen habe. Danke dafür, Du machst einen tollen Job!

Nach der Probe ist vor der Probe

Nach der Probe gönnte ich mir heute den Besuch des gleichnamigen Bergmann-Stücks und sah mir an, was die Kollegen so machen, die es bereits ans Thalia geschafft haben. Verdienterweise hat dies ohne jeden Zweifel Oda Thormeyer. Diese Frau spielt ihre Rolle, eine ehemalige Schauspieldiva, deren Karriere mit samt ihrem Leben dem Alkohol und der Verzweiflung zum Opfer gefallen ist, mit solch höllischer Präsenz, dass es mich in jeder Minute packt, die ich sie auf der Bühne betrachte. Ich habe selten eine Darstellung gesehen, die einer Figur zwischen Hysterie und Wahnsinn so viele Facetten verliehen und trotz zuweilen maximaler Affektiertheit eine in allen Momenten vollumfängliche Glaubwürdigkeit geliefert hat. Eine Hammerleistung, Kollegin Thormeyer. Sie haben mich sehr begeistert! Wenn meine Amanda Wingfield auch nur in zwei Minuten unserer 120minütigen Glasmenagerie den Esprit ihrer Rakel zu transportieren vermag, wäre dies bereits eine geheimnisvolle Verwandlung an der äußersten Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum … Ich hoffe, ich kann das Gesehene in diesem Sinne für meine Darstellung nutzen.

Kulturwoche auf der Zuschauerbank. Heute: Eine Art Oper

Mein begabter und geschätzter Kollege Thomas Schunke hat morgen mit "einer Art Oper", wie sie im ersten Satz des Stückes genannt wird, Premiere. Ich sah die öffentliche Generalprobe und fazitiere: Es lohnt sich, auch für Nichtoperngänger. Empfehlenswert ist allerdings, sich vorher das Programmheft durchzulesen. Dann erschliesst sich nicht nur das eigenwillige Bühnenbild, welches dem Berliner Holocaustdenkmal nachempfunden ist, sondern auch die Geschichte selbst. Die Gesangsparts sind ohne jeden Zweifel weniger gefällig komponiert als die im letzten Eintrag erwähnten Händel'schen Arien, aber für Operngesang akustisch sehr gut zu verstehen. Die Sänger brillieren übrigens nicht zuletzt durch hervoragende und zum Teil recht anspruchsvolle Sprechszenen. Ich erwähne dies, weil glaubhaftes Schauspiel bei Sängern nicht als selbstverständlich gelten kann. Die bühnenbildnerische Idee, welche vorsieht, dass die Zuschauer inmitten des Geschehens auf Kuben sitzen, wirkt stylisch und die Absicht, man solle sich "eingekesselt" fühlen, geht durchaus auf. Allerdings bringt sie auch mit sich, dass der Zuschauer permanent auf seinem Platz rotiert und trotzdem das Gefühl hat, stets was zu verpassen. Insgesamt wurde mir eindrucksvoll eine Geschichte erzählt, eine grausame Geschichte, welche der Humor ihrer Figuren zu einer berührenden macht. Wer sich an dieser Stelle fragt, worum es geht: Es handelt sich um die von Nina Kupczyk inszenierte Kammeroper "Der Kaiser von Atlantis", zu sehen ab Sonntag, dem 29. November in der Opera Stabile in Hamburg.

Lieber Thomas, get it going! Ihr werdet den Gänsemarkt schon rocken … for sure!

Kulturwoche auf der Zuschauerbank. Heute:Tolomeo

Oder: Wie aus einer Mitfahrgelegenheit ein Opernerlebnis wurde

Alles, was ich bisher über klassische Musik wußte, lernte ich in meiner 8 Jahre dauernden Beziehung mit einem Kompositionsgenie. Bis … ja, bis ich Lotta H und Armin S begegnete. Die beiden begleiteten mich als Mitfahrer auf meinem Weg vom Berliner Synchronatelier in die Hamburger Wahlheimat und beglitten den Ausflug mit der Darbietung einstudierter Arien. Auf diese Weise wurde ich also heute Zuschauerin einer weitgehend unbekannten Händel-Oper, welche übrigens auch noch im nächsten Jahr im Hamburger Opernloft zum besten gegeben wird. Die Inszenierung ist in jeder Hinsicht als farbenfroh zu bezeichnen und überzeugt durch eine gelungene Kombi von unpretenziösem Schauspiel und fabelhaftem Gesang. In einer humorigen Sprecheinlage wird dem weniger opernkundigen Zuschauer erklärt, was der Unterschied zwischen einem Kastraten und einer Hosenrolle ist, und weshalb es ersteren heute nicht mehr gibt. Apropos: Die überwiegend geschmeidigen Gesangsstücke sind auch für ungeübte Ohren sehr gut verträglich und einfach nur schön. Ich verliess den Saal beschwingt und innerlich trällernd.

An alle, die im nächsten Jahr mal in Hamburg sind: Geht dahin, es lohnt sich!

Kulturwoche auf der Zuschauerbank. Heute:

Schade um den schönen Sex – Ein Vorleseerlebnis

 

Raider heißt jetzt Twix, und aus dem Nachtasyl wurde die Zentrale. Zum Glück ohne stylische Verschlimmbesserungen. Nach wie vor sitzt man in kuschelig-schummriger Wohnzimmeratmosphäre und kann, wenn man Glück hat, lesens- und/ oder betrachtenswerten Autoren lauschen, die Highlights aus ihren Werken vortragen. Gestern: Simon Borowiak. Sehr cooler Typ, dessen Schlagfertigkeit spontan genauso gut funktioniert wie schwarz auf weiss, und darüber hinaus der erste mir bekannte Mensch, der Inhalte wie suizidale Gedanken, Psychosen und depressive Verstimmungen so humorig zu verwursten weiß, dass die Beschäftigung mit derartigem plötzlich ein ganz großer Spaß wird. Als Teaser eine kleine Kostprobe, welche ich hoffentlich aus der Erinnerung heraus einigermaßen korrekt zitiere:

"Ich habe keine Tränen mehr

Und auch keinen Geschlechtsverkehr

Für beides gilt: Der Tank ist leer"

Angekommen

Nun hat Hamburg mich an der Backe und ich eine großzüge Zweiraumwohnung in Winterhude, welche man 13 Tage nach dem Umzug als sowas wie eingerichtet bezeichnen kann. Von der Theaterfront gibt es zu berichten, dass meine Ankunft, die bislang primär von mit mäßigem Erfolg gekrönten Versuchen, mich als Heimwerkerin zu betätigen, geprägt war, seither von einem Theaterbesuch in Altona und einer Auftaktvorstellung in Schenefeld begleitet wurde.

Im Monsun Theater gab man ein Werk von Carsten Brandau mit dem Titel "Hier". An sich war ich hauptsächlich gekommen, um mich mit der Regisseurin bekannt zu machen, die sozusagen profilaktisch auf Schauspielersuche für Projekte in spe ist und sah der Vorstellung völlig jenseits bestimmter Erwartungen entgegen. Und auch wenn jene demnach ohnehin nicht hätten enttäuscht werden können, sei gesagt, dass das Gesamtkunstwerk, was man mir und den 8 Mitzuschauern bot, als großes Theater bezeichnet werden darf. Der Plot ist im Grunde profanen Inhalts, glänzt aber durch präzise, wortgewaltige und dennoch mundgerechte Sprache und den verschachtelten Aufbau in der Erzählung, der nachdem man sich 20 Minuten eingesehen hat, spannend zu verfolgen ist. Die vier Schauspieler on stage vermittelten mir neben gelungen gezeichneten Figuren, dass sie Spaß haben auf der Bühne und wußten gekonnt mitzureissen in die Welt des verunfallten Sven und die Frage, wie alles kam. Für die Regisseurin sollte dieses Werk hinreichend Referenz darstellen, um mit ihr arbeiten zu wollen und der dritten Staffel, welche – leider ist mir entfallen wann – am Hamburger Monsun Theater zu sehen sein wird, wünsche ich volles Haus und empfehle den Lesern: geht dahin!

Apropos volles Haus: Dem diesjährigen Debut von "Wilder Panther, Keks", meinem aktuellen Wirkungsfeld, war ein solches beschert und selbst der sonst auch gerne mal kritikaffine Regisseur zeigte sich mit dem Ergebnis zufrieden. Die Tatsache, dass ich über die Dauer des Aufenthalts am Spielort nur eine Zigarette konsumierte – und nicht einmal eine selbst mitgebrachte – mag möglicherweise als Kollalteralerfolg der Suchtprävention bezeichnet werden, die unser Theater sich als Ziel auf die Fahnen geschrieben hat.