Paris rockt … und stresst.

Gestern habe ich die erste Shisha meines Lebens geraucht. Ich bin Fan! Es war ein eher guter Tag in Sachen Kommunikation, auch wenn es mir  immernoch Mühe bereitet, einer Kommunikation unter Franzosen zu folgen und beizuwohnen.

Shisha rockt

Ich hatte mir vorgestellt, in wenigen Wochen zumindest als angelernte Französin durchzugehen und mit entwaffnender Leichtigkeit durch die Wirren der hiesigen Redekultur zu flirren. Tatsächlich fühle ich mich noch immer als uneleganter Fremdkörper jeder Unterhaltung und schneide nur zwischen 60 und 90 Prozent des Gesagten mit, je nach Gesamtumständen und Gesprächsthema. Eher niedrigschwellig sind Kleingruppengespräche über die Themen Kultur und Theater oder Liebe, Sex und Beziehung. Hardcore: eine große Gruppe französischer Muttersprachler in einer laut beschallten und überfüllten Bar an einer dicht befahrenen Strasse spricht entweder über ungarische Aussenpolitik oder aber über Medienkram und Persönlichkeiten, die in Deutschland keine Sau kennt – beziehungsweise über international bekannten Medienkram und Persönlichkeiten, deren Namen, von Franzosen ausgesprochen, unverstehbar sind (wie etwa die Bee Gees, Hollywood oder Andy Warhol).
Das Gefühl, kommunikativ unterlegen zu sein, ist mir ausgesprochen fremd und irritiert mich, um nicht zu sagen läßt sich kaum aushalten. Gleichzeitig käme eine Rückkehr zu den eigenen Leisten, wo es sich unbeschwert plaudern und streiten läßt und Schlagabtäusche leichtfüßig über die Lippen flutschen, einer Niederlage gleich, und so überwiegt der Ehrgeiz das Heimweh.

Paris ist zweifellos genial. Die literarsichen Liebeserklärungen aus aller Welt laufen gewiss nicht fehl. Diese monumentalen Plätze und Flaniermeilen, die winzigen ruelles, in denen alte Häuser mit hübschen Fassaden und Retrolaternen stehen und wo das Kopfsteinpflaster für Komfortverlust und romantische Wallungen zugleich verantwortlich ist, die unendlich vielen Bars und Theater und Crêperien und kleinen Läden, die durch die allgemeine Enge und die höhere Intensität an Chaos eine besondere Art der Lebhaftigkeit vermitteln, anders als das bunte Treiben auf den weitaus breiteren und in gewisser Weise sogar aufgeräumteren Strassen Berlins. All das ist großartig und faszinierend. Und gleichzeitig macht es mich fertig, dass einen in Paris das ständige Gefühl von eingeklemmt, umgerannt und blockiert werden begleitet. Völlig egal, ob man auf dem Fahrrad, im Auto, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß unterwegs ist, überall versperren andere Menschen, andere Fahrzeuge und sonstige Hindernisse den Weg. Man kommt nicht voran, und es fehlt einfach überall „space“ – inklusive der Wohnsituation, die hier im Allgemeinen beengter ist, als wir Deutschen das gewohnt sind.

Gleichwohl liefert Paris einen bemerkenswerten kulturellen Overkill. Ich habe noch nie so viele, charmante kleine und große Theater auf so kleiner Fläche gesehen. Diese Orte reihen sich in vielen Strassen wie an einer Perlenkette auf; der Spaziergang von Notre Dame über den Louvre bis hin zum Arc de Triomph ist einfach gigantisch und bei einem Rundgang durch das edle SaintGermain-des-Prés erwähnte unsere Gästeführerin, es gäbe zu jedem einzelnen Gebäude eine historiengeschwängerte Story. Man kann sich nicht satt sehen an der beleuchteten, nächtlichen Seine-Promenade und begegnet überall Menschen, die plaudern wollen und gelegentlich sogar etwas hörenswertes zu erzählen haben.
Natürlich ist es auch sehr international hier, so dass man im Grunde sein Dasein ausschliesslich mit ebenfalls Zugewandereten aus aller Herren Länder verbringen könnte. Das würde das Gefühl des Fremdseins eventuell minimieren.

Ich hingegen bin geneigt, mich mit Franzosen zu umgeben – oder zumindest solchen, die in Paris nicht nur auf der Durchreise sind. Und da wird es dann schon schwieriger, Aufnahme zu finden in schon bestehende Kreise. Gar nicht einmal, weil die Leute unwillig oder arrogant sind, wie manch einer den Parisern nachsagt. Vielmehr erschöpft mich das Aushalten der Tatsache, dass Vertrautheit und Verbindung sich entwickeln müssen und man bis dahin zwangsläufig ein Gefühl von Anstrengung verspürt, erst recht, wenn man in der Sprache limitiert ist und schnell als Ausländer auffällt, während die anderen meist schon zumindest zum Teil vertraut und nahe und verbunden miteinander sind. Auf diese Weise wird wohl besonders intensiv die Einsamkeit spürbar und das Fremdkörpergefühl, welches neue Ufer quasi von Natur aus mit sich bringen.

Im Gegensatz dazu stellt sich bereits jetzt ein Métro-boulot-dodo-Gefühl ein, was die Routine des Arbeitsalltags betrifft. So ein eher einsilbiger und unflexibler Vollzeitjob ist, wie mir gewahr wird, einigermaßen erschöpfend, und da man viel Lebenszeit damit verbringt, verkleinert er die Zeitfenster für andere Entdeckungen. Inzwischen kann ich keine Würste und Brezeln mehr sehen. Gelegentlich habe ich den Eindruck, dass mir einfach die Energie für andere Aktivitäten fehlt, so erschöpft bin ich nach nur 6 Wochen Otto-Normalverbraucher-Job.

Um mich vom Pariser Overkill zu erholen, habe ich meinen heutigen freien Tag in der campagne verbracht und mich statt mit umherflirrenden Parisern mit Enten und alten nordfranzösischen Bauwerken umgeben – darunter auch ein Theater, das théâtre municipale. Schnuckelig, wenn auch für meine Begriffe zu kalt. In Paris war heute T-Shirt-Wetter und ich war zu dünn angezogen für die nordische Frischluft.

Festzuhalten bleibt, dass diese Herausforderung auch rockt. Es geht noch wohin auf diesem Weg. Und solange bleibe ich hier!

Tout va mieux

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Sechs Wochen nach dem Umzug. Nach anfänglich gutem Lauf stellen sich vereinzelt Frustrationen ein. Alles begann mit dem Vorhaben, ein funktionierendes Bankkonto zu eröffnen. Dieses Unterfangen ist bei der französischen Postbank ein Loriot’sches Szenario, wäre ich Schriftstellerin, würde ich eine Satire daraus machen. Bis heute sind nicht alle Funktionen meines Online-Bankings problemlos nutzbar. Ich erspare meinen Leser/innen die Details, muss aber sagen, dass meine Frustrationstoleranz ihr Limit erreicht hat, nachdem ich in den letzten beiden Wochen vermutlich ein gutes Viertel meiner Lebenszeit dem Schlangestehen bei oder telefonieren mit der Banque Postale geopfert habe.

Mit dieser zunehmenden Verärgerung einhergehend, wurde ich wohl auch in anderen Lebensbereichen ungeduldig und innerlich quengelig. In den letzten Tagen fehlten mir meine Freunde. Keine Frage, dass es nicht weiter erstaunt, wenn man sechs Wochen nach einem Umzug ins Ausland noch keinen Freundeskreis fürs Herz hat; und ja, ich finde es prima, in dieser kurzen Zeit so vielen zum Teil bereichernden, zum Teil unterhaltsamen und zum Teil einfach nur drolligen Menschen begegnet zu sein, berufliche Kontakte geknüpft und amüsante Abende verbracht zu haben. Gleichwohl ereilte mich vor einigen Tagen das erste Mal so eine Sehnsucht nach der persönlichen Gegenwart meiner Freundinnen und Freunde von zu Hause, mes amis proches (wofür mir gerade kein schönes deutsches Pendant einfällt, weil ich das Attribut „eng“ im Zusammenhang mit Freundschaften irgendwie falsch gewählt finde; „nah“ ist schöner, sagt sich aber im Deutschen ja leider nicht). Hinzu kommt, dass ich manchmal frustriert bin, weil mir die französische Sprache immernoch nicht so locker-flockig von der Zunge fliesst, wie ich mir das vorgestellt habe nach anderthalb Monaten. Anders gesagt bemerke ich, dass mir zwar einerseits unheimlich viel neuer Input in Sachen Sprache zuteil wird, ich aber andererseits gerade deswegen häufiger durcheinander gerate als vorher, weil all die Möglichkeiten zwar irgendwo angekommen sind, aber noch nicht da, wo sie sich in spontan gesprochene Sprache transferieren. Ich vermisse die Leichtigkeit beim Sprechen, die ich in meiner Muttersprache als normal empfinde. Intellektuell ist mir im Übrigen klar, dass diese Erwartung im Alter von 40 Jahren unrealistisch ist nach so kurzer Zeit. Emotional geht es mir trotzdem manchmal anders, allein schon, weil ich mich für ein Sprachtalent halte und es bekanntlich besonders schmerzlich ist, das, was man eigentlich kann, plötzlich auch nicht mehr zu können – also, neben den Sachen, die man eh noch nie konnte 😉

Nun, in dieser gedämpften Stimmung also erreichten mich heute verschiedene Anrufe, die mich im Hinblick auf die Ereignisse der letzten Tage versöhnlich gestimmt und meinem Allgemeinbefinden Aufschwung verliehen haben.
Zum einen hat mein heutiges Gespräch mit dem Mitarbeiter der Banque Postale meiner Sprachfrustation entgegen gewirkt, denn ich kam – wenn auch ohne vollumfänglich zufriedenstellendes Ergebnis, was die Wartezeit bis zur endgültigen Problemlösung betrifft – mit dem ermutigenden Gefühl nach Hause, mich für ne Deutsche sehr eloquent beschwert zu haben. Zum anderen gab es verschiedentlich gute Nachrichten aus der Heimat. Da ich inzwischen wieder joggen kann und heute mein freier Tag ist, sehe ich der jetzt anstehenden Bewegungsrunde entspannt entgegen und über die heute nicht ganz so sonnige Wetterlage hinweg.

Tout va mieux, je me débrouille.

Business as usual

Nach einer weiteren Woche kehrt fast so etwas wie ein Gefühl des Alltags in der französischen Hauptstadt ein. C’était une semaine enorme, wie der Franzose sagen würde. Neben dem Tante Emma Laden gab es jeden Vormittag und oft auch noch Abends etwas zu tun, so dass ich mich gestern schon am späten Nachmittag mit Migräne ins Bett begab.

Unter anderem habe ich diese Woche meine Montmartre Tour zumindest so vollständig vorbereitet, dass ich sie anständig präsentieren kann. Obwohl ich vermutlich trotzdem die einzige Gästeführerin sein werde, die ihre Stadt schlechter kennt als die Touristen – aber ich habe ja in meinem Beruf gelernt, solche Defizite erfolgreich als Teil des Events zu verkaufen. Am Mittwoch wollte ich mir die Premiere meiner Kolleginnen und Kollegen von Schwarzbrotgold ansehen. Der Besuch endete leider damit, dass mir mitgeteilt wurde, man könne mich nicht mehr reinlassen, der Saal sei pickepackevoll. Man entschuldigte sich aber sehr liebevoll, und die Dame von der Billeterie gab mir ihre Handynummer für den Fall, dass es nächstes Mal Probleme geben sollte, und versprach, im Notfall persönlich für Einlass zu sorgen. An der turbulenten Premierenfeier habe ich hinterher trotzdem teilgenommen und bereue es nicht, gewartet zu haben. Umso gespannter bin ich ausserdem, das Stück zu sehen, über das natürlich an diesem Abend viel geplaudert wurde … „Typisch deutsch“ ist der Titel des Ouevres, und offensichtlich hat das Publikum, ähnlich wie im Theatersport, eine nicht ganz unwesentliche Aufgabe, indem nämlich Orte und Themen des Geschehens teilweise von den Zuschauern bestimmt werden können.

Desweiteren wurde die Eröffnung eines zweiten französischen Bankkontos nötig, weil das Online-Konto, welches ich im Tabac eröffnet hatte, sich als ziemlicher Mist erwies. Auf diese Weise verbrachte ich zwei Vormittage auf der banque postale und warte bis heute auf Bankkarte und Online-Zugang.

Heute scheint in Paris die Sonne, ich fühle mich wieder ausgeruht und voller Tatendrang und werde mich nun auf die Suche nach einem speziellen Ort begeben, den ich zwar aus dem letzten Jahr noch dunkel erinnere, aber nicht mehr exakt orten kann. Allée, je m’en vais.

Grüezi, Schwiiz

Kleine Begeisterungskieckser werden vernehmbar, als der Theaterbus des Regionentheaters die Aare über diese eigenwillige Brücke überquert und ins schweizerische Büren einfährt.
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Was für ein niedliches Städtchen, das sich uns da in winterlicher Schneeromantik präsentiert.

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Im Sommer, so wird uns erzählt, schwimmen die Leute in der Aare (meist angeblich nur in eine Richtung, obwohl es sich offiziell nicht um einen Einbahnfluß handelt). Auch stelle ich mir einen Aufenthalt im Sommer dahingehend schön vor, dass der Dorfplatz ein schöner Ort wäre, um sich die Sonne auf den Pelz brennen zu lassen und mental auf die Vorstellung einzustimmen. Trotzdem finde ich -wenngleich generell eher der Sommertyp- die weiße Schneedecke bezaubernd und wunderbar.

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Im Sommer wird hier geschwommen, im Winter gibt’s an der Aare Kunst im öffentlichen Raum.

Das Kellertheater Lindenhof, wo wir am Abend spielen, steht dieser Herzlichkeit in nichts nach. Es handelt sich um einen höhlenartigen und gleichzeitig sehr warmen Raum, in den man über eine nicht ungefährliche, aber charmant-bucklelige Stiege (wie der Schweizer sagt) gelangt. Auf dieser Bühne fühlt man sich willkommen und wohl. Ausserdem tut sie unserem Stück gut, denn die Enge des Raumes läßt die Dimensionen einer herkömmlichen Pariser Wohnung ausgezeichnet im Schauspieler und vor dem Zuschauerauge entstehen, auch wenn ich vor dem Drehen der Bühne etwas Angst habe, weil ich Sorge habe, ich könnte mit meinen 10 Zentimeter hohen Absätzen an der Bühnenkante umknicken, welche unsere Drehbühne beim umdrehen nur knapp verfehlt. Klappt aber am Ende gut.

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Ankunft im Kellertheater

Ankunft im Kellertheater

Diese verwunschene Treppe führt ....

Diese verwunschene Treppe führt ….

... auf diese sympatische Kammerbühne.

… auf diese sympatische Kammerbühne.

Wir werden von den Betreibern warmherzig empfangen und bekommen ein hervorragendes Catering. Leider kann ich keine Rösti bestellen, weil wir ein wenig gegen die Uhr essen und die Zubereitung der hausgemachten Rösti geraume Zeit in Anspruch nimmt. Nächstes Mal!

In der gemütlichen und angenehm beheizten Garderobe befindet sich ein Detail, das nicht nur die Hingabe der Schweizer zu ihren Künstlern, sondern auch ihren Humor widerspiegelt. Die Toiletten befinden sich nämlich ausserhalb des Theaters, was einem Künstler mit schwacher Blase während seines Auftritts zu schaffen machte. Seither gibt es in einem Verschlag innerhalb der Garderobe eine Campingtoilette für die Künstler, die folgendermaßen ausgeschildert ist:

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Das warten auf den Vorstellungsbeginn vertreibe ich mir mit Experimenten rund um meinen Selfiestick.

Sophie und Bertrand warten auf Godot ... ähm, auf den Vorstellungsbeginn.

Sophie und Bertrand warten auf Godot … ähm, auf den Vorstellungsbeginn.

Und so geht Sophie Delassère dann um viertel nach acht wohlgestylt auf ihre One-Woman-Geburtstagsfeier:

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Im zweiten Akt wirkt sie bereits derangierter, immerhin macht ihr der verpeilte, aber auf seltsame Weise nicht ganz unattraktive Nachbar ganz schön zu schaffen.

Nach der Flasche Champagner ...

Nach der Flasche Champagner …

Die warme Atmosphäre des Kellertheaters läßt auch die Zuschauer nicht unberührt. Wir haben eine grandiose Stimmung im Raum, ich habe so gerne für diese Menschen gespielt, die uns lange und warmherzig applaudieren und nach der Vorstellung beglückwünschen und spüren lassen, dass auch sie einen gelungenen Abend mit uns hatten. Da geht mir das Herz auf. An diesem Abend lerne ich ein neues Bier kennen, dessen Falsche (mit einem als Kronenkorken getarnten Schraubdeckelverschluss) ich mir neben ein bißchen Schweizer Schogchi als Andenken mitnehme nach Frankreich: Quöllfrisch.

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Danke ans Kellertheater Lindenhof, für die schöne Vorstellung, aber auch das Drumherum und Eure tatkräftige Unterstützung beim Abbau.
Uf Widerluaga, Schwiiz – und das meine ich wörtlich!!!

A dimanche, Paris

Gare de l'est. A dimanche, Paris!

Gare de l’est.
A dimanche, Paris!

TGV fahren ist super! Geht doppelt so schnell wie auf deutschen Schienen, kostet aber dafür nur die Hälfte. Zudem hat man, selbst auf dem deutschen Handy, einen trillianten Empfang. Allerdings nur solange, bis der Zug deutschen Boden erreicht hat. In diesem Punkt ist unser Vaterland ein Entwicklungsland geblieben.

Zurück in Deutschland fahre ich mit der Bimmelbahn weiter in den Schwarzwald, wo am Abend „Vier linke Hände“ zum besten gegeben wird. Zunächst ist es ja etwas verwirrend, dass man sich überall normal unterhalten kann und sämtliche Beschilderungen in deutscher Sprache verfasst sind, aber nach 20 Minuten habe ich mich wieder vollständig eingelebt und bekomme Anflüge von Heimweh nach Hamburg.

Das abendliche Stück wird mich jedoch zunächst wieder in die französische Hauptstadt zurück katapultieren. Diese ist Ort des Geschehens in der Geschichte rund um Sophie und Bertrand. Lokalitätsmäßig bin ich also ausgezeichnet vorbereitet. Ich freue mich, wieder auf der Bühne zu stehen. So lange Spielpause hatte ich schon lange nicht mehr, und die Bühne im Kurtheater Bad Dürrheim ist schon ebenso vertraut wie das Salzstüble, die einzige ortsansässige Kneipe, die nach Mitternacht noch geöffnet hat. Allerdings ist unser Bühnenbild einer Veränderung unterzogen worden, und zwar um es schweiztauglich zu machen. Am Samstag spielen wir auf einer schnuckligen, kleinen Bühne im schweizerischen Büren und mussten die Drehbühne den dortigen Dimensionen anpassen. Ein dummer Fehler meinerseits sorgt ausserdem am Abend für einen ärgerlich holprigen Einstieg. Ich hatte ein unverzichtbares Requisit vergessen und ärgere mich heute noch, dass mir das passieren konnte. Zum Glück haben wir ein großartiges Publikum, welches so viel Stimmung verbreitet, dass die Spielfreue trotzdem erhalten bleibt. Ins Salzstüble habe ich es an diesem Abend müdigkeitsbedingt trotzdem nicht mehr geschafft. Und das war auch gut so. Mein Kollege berichtete nämlich heute morgen, es sei zu gewesen und er mußte unverrichteter Dinge wieder heimkehren. Der Besuch wurde daher auf heute Abend verschoben.

Nouvelle chambre, nouvelle vie!

Die vierte Woche ist angebrochen. Noch könnte es sich wie Urlaub anfühlen, ausser dass ich regelmäßig zur Arbeit gehe und langsam Probleme mit meinem Zeitmanagement bekomme. In den letzten beiden Wochen sind so viele Optionen aufgetaucht, dass ich inzwischen bezweifle, für alle die Kapazitätem zu haben.

Obwohl ausgehen – wie alles – in Paris sehr teuer ist, habe ich an zwei Karaokeabenden teilgenommen, war bei einem Künstlermeetup mit anschliessendem Versacken in einer der günstigeren Pariser Bars (was mich gelehrt hat, dass man immer mit einheimischen Franzosen ausgehen muss, wenn man nicht 7 Euro pro Bier hinlegen will) und auf dem Montmartre. Letzteres diente der Vorbereitung von Gästeführungen in deutscher Sprache. Ein Angebot, das mir auf der Suche nach einem geeigneten Nebenjob in meinem Metier via Facebook angetragen wurde. Allen Belächlern dieses sozialen Netzwerks (und denen, die dort posten, dass sie sich in den 80ern noch die Knie aufgeschlagen und auf der Strasse getobt haben, während die uncoole Jugend von heute nur noch vor elektronischen Spielereien abhängt und das „echte“ Leben gar nicht mehr kennt) sei an dieser Stelle auch mitgeteilt, dass auf dem gleichen Wege Schwartzbrotgold  meinen Weg gekreuzt und mir eine reelle Option auf ein Engagement in Paris beschert hat. Bei Facebook kann man mehr als Kalenderblattsprüche, Smilies und Essensfotos posten, ehrlich.Ach ja, und dann ist da noch Bruno, den ich im Facebook’schen Forum für germanophone Franzosen und Deutsche in Paris aufgegabelt habe. Bruno ist Franzose und Vater eines zweisprachig erzogenen Kindes. Er plant die Eröffnung einer deutsch-französischen Schule und möchte in diesem Kontext mit mir zusammen einen Theaterworkshop organisieren. On top zum Tante Emma Laden und gelegentlichen theatralen Abstechern nach Deutschland scheint mir das alles ein bißchen viel und ich fühle mich jetzt schon überfordert. Irgendwie surreal vor dem Hintergrund, dass ich vor einigen Wochen noch Angst hatte, in Paris vor dem Nichts zu stehen.

Zurück auf den Montmartre. Von Berufs wegen eine Stadt zu präsentieren, die erst seit wenigen Wochen so was ähnliches wie eine Wahlheimat ist, finde ich schon ziemlich cool. Zum Glück ist man ja als Schauspieler bestens damit vertraut, sich in bisher fremde Situationen und Biografien einzufühlen. Und der Montmartre ist auch wirklich bezaubernd, wenn auch hinreichend touristenlastig – aber hey, davon leben wir ja. Ausserdem habe ich auf diese Weise selbst das ein oder andere über Pariser Stadtgeschichte erfahren und weiß jetzt, wo van Gogh gewohnt hat, dass der heilige St Denis seinen eigenen Kopf noch 8 Kilometer gen Norden getragen hat, nachdem er enthauptet wurde, und dass man sein Glück in der Liebe voranbringt, wenn man die Brüste der Dalida-Statue unsittlich berührt.

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Montmartre-Romantik

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Montmartre-Romantik

 

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Der enthauptete St Denis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erste Eindrücke von der Synchronarbeit französischer Kollegen verschaffte mir ein Studiobesuch hier in Paris, der von Hamburg aus organisiert wurde. Ich bin eine der deutschen Stimmen in einem hinreichend populären, mehrteiligen Computerspiel. Auch die Franzosen spielen dieses Spiel, und so konnte ich, bevor ich an die Reihe kam, einer Aufnahme beiwohnen, wo ich die mir so vertrauten Zeilen in der französischen Übersetzung sah und hörte. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Franzosen, anders als wir, jeden englischen Eigennamen ins Französische übersetzen, so dass diesbezüglich keinerlei Zweifel über die Aussprache bestehen. Via Skype wurden dann auch meine Aufnahmen einer Regie unterzogen und ein drolliger Mischmasch an Sprachen durchwaberte den Raum, weil die Techniker mit mir französisch und mit dem Regisseur in Hamburg englisch sprachen, während Hamburg und ich uns wie gewohnt in unserer Muttersprache verständigten. Die französischen Synchronkollegen entpuppten sich im Übrigen ebenfalls als interessierte Zuhörer unserer deutschen Variante des Oeuvres.

Gestern bin ich schliesslich vom Banlieu ins 18. Pariser Arrondisement umgezogen, was das nächtlich Ausgehen ungemein erleichtert  – sehr zentral, nicht weit vom Kanal, wo ich joggen kann, wenn mein Fuss wieder hundertprozentig in Ordnung ist, und sympathischen Charakters.
Es ist erstaunlich, wie wenig man für einen gepflegten Alltag ohne allzu große Provisorien braucht. Mich umgibt hier nur etwa ein zwanzigstel meines Hamburger Hausstands. Mehr scheine ich im Alltag offenbar nicht zu benutzen, jedenfalls habe ich bis jetzt nichts vom Rest vermisst.  Das Studentische stört mich bis jetzt nicht. Zudem sind Wohngemeinschaften in Paris auch jenseits der 40 noch üblich, dank der exorbitanten Mietpreise, und so befinde ich mich in guter Gesellschaft. Meine französischen Mitbewohner haben die Studentenzeit auch schon länger hinter sich gelassen und sind beide entspannte Zeitgenossen. Ausserdem gibt es eine große gemeinsame Terrasse, die zur Not auch von meinem Zimmer aus zugänglich ist, wenn ich mir die Mühe mache, aus dem Fenster zu klettern. In meinem eigenen Zimmer wird im Laufe der Zeit zweifelsohne noch Deko dazukommen. Verschiedene persönliche Kleinigkeiten haben aber ihren Weg aus dem hanseatischen Hamburg ins haussmännische Paris gefunden und sorgen dafür, dass sich dieser Ort nach zu Hause und nicht so sehr nach Hotel anfühlt.

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Schlafgemach

 

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Ostflügel mit Canapé und Ankleidebereich

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Westflügel mit Sekretär

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bin da! Das ist Paris!

Ça roule. Nur die romantische Liebe, deren Erfüllung diese Stadt verspricht, hat sich nicht eingestellt. Obwohl ich Dalinas Brüste anweisungsgemäß bedacht habe:

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Erste Tage in Paname

Die ersten anderthalb Wochen sind vergangen. Die Formalitäten sind coolerweise und wider Erwarten fast alle erledigt.

Am simpelsten gestaltete sich der Kauf eines Metropasses. Nach einigem Geplauder mit dem Menschen am Schalter verzichtete dieser auf das „Justificativ de domicile“ – ein Wohnsitznachweis, den man in Frankreich ansonsten für jeden beliebigen Akt des sich Einbürgerns braucht – gab mir das Ding so und rief mir, während ich es über die obligatorische Chipkotrollmaschine gleiten liess, hinterher: „Désormais vous êtes Parisienne“.

Die Franzosen haben kein Einwohnermeldeamt und weisen Wohnsitze daher anhand von Strom-, Gas- oder Telefonrechnungen nach. Kompliziert wird es, wenn man selbst keine solche Rechnung besitzt, weil man der Untermieter von jemand anderem ist. Dann braucht man eine Wohnsitzbestätigung samt Rechnung auf den Namen dieses Hauptmieters oder Besitzers der Wohnung. Inzwischen habe ich so ein Ding, denn nach einigen erfolglosen Besichtigungen sagte ich stante pedes zu, als mir ein Zimmer für 550 Euro im 18e angeboten wurde, erhielt am selben Tag die Schlüssel und ziehe in 2 Wochen ein. Ich habe schon lange nicht mehr in einer Wohngemeinschaft gelebt und bin gespannt, wie lange ich damit zurecht komme. Andererseits trainiert es zweifelsohne mein Sprachvermögen, auch im häuslichen Umfeld mit Franzosen zu tun zu haben und ich habe bei dem Paar, das mich beherbergt, ein bißchen Familienanschluss. Den habe ich in meinem jetzigen Dominzil zwar auch, aber ich gebe zu, dass ich mich extrem darauf freue, zukünftig nur noch 10 Minuten zur Arbeit zu brauchen und abends nicht gegen die Uhr feiern zu müssen. Vor dem Hintergrund der extremen Kälte, die mittlerweile auch Paris erreicht hat, erscheinen mir kurze Wege noch einmal attraktiver.

Das Justificatif einmal in Händen und froh über das Zimmer, bin ich mit großem Elan losgestratzt, um ein Bankkonto zu eröffnen. Das sei nämlich, so sagte man mir, in Frankreich völlig unkompliziert und einfach. Ich solle einfach ein sogenanntes Nickel-Konto aufmachen. Nickel-Kontos gibt es beim Tabakhändler. Die werden da wie Prepaid-Simkarten vertickt. Man bezahlt 20 €, bekommt so ein fertiges Paket mit einer ec-Karte, Zugangsdaten und Instruktionen ausgehändigt und hat hinterher ein kostengünstiges Online-Konto, für dessen Eröffnung lediglich ein Personalausweis und dieses Justificatif nötig sind. Ich rechnete für dieses Projekt etwa 1 bis 2 Stunden Aufwand ein, hatte jedoch das Pech, zunächst drei Tabakhändler in Folge aufzusuchen, die im Internet zwar noch als Nickel-Partner aufgeführt, aber tatsächlich gar nicht mehr als solche aktiv sind. Der vierte Händler teilte mir mit, dass Nickel-Konten bei ihm wohl eröffnet werden könnten, aber ausgerechnet heute Wartungsarbeiten auf der Nickel-Website stattfänden, so dass erst ab 20 Uhr wieder eine Kontoeröffnung möglich sei. Es war 18 Uhr, und ich dachte mir, 2 Stunden lang kann ich mich sinnvoll beschäftigen, kam also um 20 h wieder. Leider signalisierte der Computer auch um 21 Uhr noch „Maintenance en cours“, so dass ein weiterer Besuch des Ladens am nächsten Tag notwendig wurde. Auf diese Weise wurde die Sache mit dem Bankkonto zur aufwendigsten Erledigung der Woche, aber alles in allem sogar ganz spaßig, weil ich in diesem Rahmen einige putzige Bekanntschaften machte und das Prozedere an sich auch irgendwie absurd anmutet, wenn man den Umgang mit herkömmlichen Bankangestellten gewöhnt ist.

Desweiteren habe ich inzwischen eine französische Handynummer, eine Auslandsflat, einen Nachsendeauftrag bei der Post, einen Arbeitsvertrag und einen Selfiestick. Letzteren erwarb ich auf den berühmten Puces de Saint-Ouen. Am Montag, da war es noch nicht ganz so kalt. Die Idee war, meine Auslandsaktivitäten fotographisch dokumentieren und gleichzeitig belegen zu können, dass ich dabei war. Allerdings gebe ich zu, das Ding nur ein einziges Mal draussen eingesetzt zu haben, weil mich der Peinlichkeitsfaktor bis jetzt noch abschreckt. Aber ich bin sicher, mit der Zeit werde ich zutraulicher.

Mein provisorisches Zimmer in Antony (Mon bordel, wie der Franzose sagen würde)

Mein provisorisches Zimmer in Antony (Mon bordel, wie der Franzose sagen würde)

Aux puces …

Was man auf dem Foto nicht sieht: Dieser bewaffnete, junge Mann ist umgeben von Gemälden geschmeidiger Frauenkörper, die benefalls zum Verkauf angeboten werden.

Was man auf dem Foto nicht sieht: Dieser bewaffnete, junge Mann ist umgeben von Gemälden geschmeidiger Frauenkörper, die ebenfalls zum Verkauf angeboten werden.

der Vorgänger des Imac G3

der Vorgänger des Imac G3

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Frankreichs Antwort auf den Polenmarkt

Frankreichs Antwort auf den Polenmarkt

Hier weiß man nicht so genau ... isses Kunst oder kann es weg ...

Hier weiß man nicht so genau … isses Kunst oder kann es weg …

 

Zu gut gerutscht

Zurück aus dem Schwarzwald verbringe ich letzte Tage in Hamburg, und zwar mit den finalen Vorbereitungen für den Umzug am Samstag. Dies gelingt zur Stund allerdings nur mit der tatkräftigen Unterstützung meines Sohnes, denn mein Rutsch ins neue Jahr gestaltete sich diesmal unfallträchtig. Mit ungeignetem Schuhwerk einem Zug hinterherspurtend rutschte ich … und zwar aus. Die Folge sind ein geschwollener Fuß und dadurch bedingt eingeschränkte Bewegungsfähigkeit.

Nach dem Rutsch

Nach dem Rutsch

Immerhin ist am Neujahrstag meines Wissens nach kein prominenter Sympathieträger gestorben und das dahingehende 2016-Bashing wird sich hoffentlich in diesem Jahr nicht fortsetzen. Langsam bin ich nämlich in der Tat ein wenig overflashed von Leuten, die im eigenen Jahresrückblick dem Schicksal prominenter, aber ihnen persönlich unbekannten Persönlichkeiten mehr Bedeutung zumessen als ihrem eigenen.

Vor meinem Sturz ins neue Jahr haben wir übrigens eine fulminante Silvestervorstellung gespielt mit voller Hütte und beglücktem Regisseur. Ein wundervoller Jahresausklang! Vier linke Hände ist bereits im Februar wieder auf dem Spielplan, so dass ich bereits in 4 Wochen ein erstes Gastspiel in Deutschland gebe und damit sanft in die berufliche Quasi-Pause geführt werde …

Bonne année à tout le monde, bref:

3. Station: Zurück im schwarzen Wald

Gar nicht so weit weg von Frankreich, nämlich unweit von Straßburg im Schwarzwald, wurde über die Feiertage „Vier linke Hände“ wieder aufgenommen, das Stück, mit dem das Jahr 2016 für mich begann. Auch wenn in allen sozialen Netzwerken das morgen zu Ende gehende Jahr als bitch beschimpft und der Tod diverser Prominenter (von denen manch einer, wie etwa Leonard Cohen, doch immerhin ein stolzes Alter erreicht hatte) zum Anlass genommen wird, 2016 als besonders häßliches Jahr zu brandmarken, war es für mich persönlich ein erlebnisreiches und wundervolles Jahr, und ich finde es schön, es am morgigen Silvesterabend mit dem Werk ausklingen zu lassen, welches mich hat hineingleiten lassen.

Die Geschichte von Sophie und Betrand paßt zwar nicht ganz zur Jahreszeit, spielt sie doch im menschenleeren Paris im Sommermonat August, wo unsere beiden Hauptfiguren als einzige die Sommerfereien zu Hause verbringen. Aber Liebesgeschichten lassen sich auch postsaisonal – um mal eine 2016 prägende Wortwendung zu verwenden – hervorragend erzählen, und es ist eine solche Freude, die Welt dieses Katastrophenpärchens auf der Bühne entstehen zu lassen! Besonders freue ich mich auf die morgige Silvestervorstellung, zu der ich drei besondere Gäste begrüßen darf, unter ihnen meine Mutter. Ein würdiger Abschied von 2016 und wenig später auch vorübergehend von deutschem Boden.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gelungenen Jahreswechsel.

Zur Vorankündigung der Silvestervorstellung.

Wenn zwei Menschen zwei linke Hände haben, macht das „Vier linke Hände“, so lautete auch der Titel der Aufführung des Regionentheaters im Bad Dürrheimer Kurhaus. Dabei ist mit den Händen der beiden Hauptpersonen, Sophie und Bertrand, eigentlich alles in Ordnung. Schwierigkeiten haben sie nur, Herz und Verstand in Einklang zu bringen. | Bild: Martin Gruhler

Wenn zwei Menschen zwei linke Hände haben, macht das „Vier linke Hände“, so lautete auch der Titel der Aufführung des Regionentheaters im Bad Dürrheimer Kurhaus. Dabei ist mit den Händen der beiden Hauptpersonen, Sophie und Bertrand, eigentlich alles in Ordnung. Schwierigkeiten haben sie nur, Herz und Verstand in Einklang zu bringen. | Bild: Martin Gruhler

2. Station: Testphase Paris

Vor dem endgültigen Umzug in zwei Wochen habe ich eine Probewoche im bereits erwähnten Tante Emma Laden in Paris zu absolvieren, die man als quasi bestanden deklarieren kann: Le contrat est fait, der Vertrag ist gemacht. Am Ende des gestrigen Tages wurde ich vom patron, also meinem neuen Arbeitgeber, auf ein deutsches Bier eingeladen – ich glaube, es war ein Wernersgründer – und der Vertrag wurde besiegelt. Ich bin also nun, nach langen Jahren der Freiberuflichkeit (gibt’s dieses Wort??) zum ersten Mal wieder Angestellte und habe mich an die Tatsache zu gewöhnen, dass ich zukünftig fragen muss, bevor ich eventuelle Vorstellungstermine zusage. Wobei sich Monsieur da sehr einsichtig zeigte und versprach, dass im Fall eines Falles eigentlich immer Lösungen gefunden werden. Ausserdem sind die sonstigen Arbeitsbedingungen prima: Ich bekomme dank dieses Festvertrags problemlos eine französische Carte Vitale, so nennt sich diese Chipkarte der Krankenversicherung und ein französisches Bankkonto. Die Arbeitszeiten entsprechen meinem biologischen Rhythmus, denn ich bin für die Nachmittagsschicht eingeteilt, so dass meine Arbeitstage sehr kommod um 14 Uhr beginnen, wenn man auch als Künstler bereits mehr oder weniger ausgeschlafen hat. Und der Laden selbst ist einfach niedlich, mit Quasi-Familienanschluss an ein kleines, internationales und altersgemischtes Team. Da ich nicht die einzige Ausländerin bin – ich befinde mich in Gesellschaft einer Deutsch-Mexikanerin, einer Kasachstanerin und einer Kambodganerin – bin ich guter Hoffnung, dass meine sprachlichen Defizite nicht zur Totalkatastrophe werden, auch wenn es für mich echt neu ist, dass ausgerechnet die Sprache mein Sorgenkind ist. Aber hey, das ist ja auch Teil der Erfahrung, die ich machen wollte mit einem Auslandsjahr. Abegesehen davon, dass ich sicher bin, mir hier relativ schnell einige Feinheiten der Landessprache aneignen zu können, immerhin findet der Alltag hier nicht wie gewohnt in deutscher, sondern in französischer Sprache statt, was den Wortschatz rapide erweitert. Zum Beispiel kann ich jetzt fragen, ob das Verfallsdatum bereits abgelaufen ist und erklären, wie das Lebkuchenhaus zum selber Basteln zu bedienen ist, was nach drei Arbeitstagen ja schonmal ein gutes Ergebnis ist.

Im Moment ist mir am Ende des Tages noch ganz schwindelig und mein Gehirn fühlt sich an wie ein alter Commodore 64, der verzweifelt versucht, zeitgenössische Programme zum Laufen zu kriegen. Ausserdem hoffe ich stets, dass die Kunden nichts fragen, was ich nicht verstehe und keine seltsamen Produktnamen verwenden, die man nur als eingefleischter Franzose kennen kann. Entspannt wird es immer, wenn deutsche Kunden kommen und ich damit glänzen kann, dass ich als einzige akzentfreies Deutsch spreche.

Zweifelsohne wird es mich auch ein bißchen Zeit kosten, mir über die Produkte, die ich zwar als Konsumentin irgendwie kenne, aber über deren Eigenschaften und Besonderheiten ich nicht vollumfänglich informiert bin, ein wenig Hintergrundwissen anzueignen. Immerhin bin ich in der Lage, die Aufschriften auf den Verpackungen zu verstehen und im Zweifel für die Kunden zu übersetzen, was schonmal ein Vorteil ist.

Bref, voili voilou … Schwester Esther goes Tante Emma. Die Erfahrung „Leben im Ausland“ hat begonnen.

Mein neuer Arbeitsplatz

PS: Allerdings frage ich mich gerade, ob die dahingehende Berichterstattung noch als „Theaterblog“ durchgeht. Falls nicht, möge es eben die Lücke im Lebenslauf ansprechend erläutern 🙂