Nouvelle chambre, nouvelle vie!

Die vierte Woche ist angebrochen. Noch könnte es sich wie Urlaub anfühlen, ausser dass ich regelmäßig zur Arbeit gehe und langsam Probleme mit meinem Zeitmanagement bekomme. In den letzten beiden Wochen sind so viele Optionen aufgetaucht, dass ich inzwischen bezweifle, für alle die Kapazitätem zu haben.

Obwohl ausgehen – wie alles – in Paris sehr teuer ist, habe ich an zwei Karaokeabenden teilgenommen, war bei einem Künstlermeetup mit anschliessendem Versacken in einer der günstigeren Pariser Bars (was mich gelehrt hat, dass man immer mit einheimischen Franzosen ausgehen muss, wenn man nicht 7 Euro pro Bier hinlegen will) und auf dem Montmartre. Letzteres diente der Vorbereitung von Gästeführungen in deutscher Sprache. Ein Angebot, das mir auf der Suche nach einem geeigneten Nebenjob in meinem Metier via Facebook angetragen wurde. Allen Belächlern dieses sozialen Netzwerks (und denen, die dort posten, dass sie sich in den 80ern noch die Knie aufgeschlagen und auf der Strasse getobt haben, während die uncoole Jugend von heute nur noch vor elektronischen Spielereien abhängt und das „echte“ Leben gar nicht mehr kennt) sei an dieser Stelle auch mitgeteilt, dass auf dem gleichen Wege Schwartzbrotgold  meinen Weg gekreuzt und mir eine reelle Option auf ein Engagement in Paris beschert hat. Bei Facebook kann man mehr als Kalenderblattsprüche, Smilies und Essensfotos posten, ehrlich.Ach ja, und dann ist da noch Bruno, den ich im Facebook’schen Forum für germanophone Franzosen und Deutsche in Paris aufgegabelt habe. Bruno ist Franzose und Vater eines zweisprachig erzogenen Kindes. Er plant die Eröffnung einer deutsch-französischen Schule und möchte in diesem Kontext mit mir zusammen einen Theaterworkshop organisieren. On top zum Tante Emma Laden und gelegentlichen theatralen Abstechern nach Deutschland scheint mir das alles ein bißchen viel und ich fühle mich jetzt schon überfordert. Irgendwie surreal vor dem Hintergrund, dass ich vor einigen Wochen noch Angst hatte, in Paris vor dem Nichts zu stehen.

Zurück auf den Montmartre. Von Berufs wegen eine Stadt zu präsentieren, die erst seit wenigen Wochen so was ähnliches wie eine Wahlheimat ist, finde ich schon ziemlich cool. Zum Glück ist man ja als Schauspieler bestens damit vertraut, sich in bisher fremde Situationen und Biografien einzufühlen. Und der Montmartre ist auch wirklich bezaubernd, wenn auch hinreichend touristenlastig – aber hey, davon leben wir ja. Ausserdem habe ich auf diese Weise selbst das ein oder andere über Pariser Stadtgeschichte erfahren und weiß jetzt, wo van Gogh gewohnt hat, dass der heilige St Denis seinen eigenen Kopf noch 8 Kilometer gen Norden getragen hat, nachdem er enthauptet wurde, und dass man sein Glück in der Liebe voranbringt, wenn man die Brüste der Dalida-Statue unsittlich berührt.

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Montmartre-Romantik

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Montmartre-Romantik

 

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Der enthauptete St Denis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erste Eindrücke von der Synchronarbeit französischer Kollegen verschaffte mir ein Studiobesuch hier in Paris, der von Hamburg aus organisiert wurde. Ich bin eine der deutschen Stimmen in einem hinreichend populären, mehrteiligen Computerspiel. Auch die Franzosen spielen dieses Spiel, und so konnte ich, bevor ich an die Reihe kam, einer Aufnahme beiwohnen, wo ich die mir so vertrauten Zeilen in der französischen Übersetzung sah und hörte. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Franzosen, anders als wir, jeden englischen Eigennamen ins Französische übersetzen, so dass diesbezüglich keinerlei Zweifel über die Aussprache bestehen. Via Skype wurden dann auch meine Aufnahmen einer Regie unterzogen und ein drolliger Mischmasch an Sprachen durchwaberte den Raum, weil die Techniker mit mir französisch und mit dem Regisseur in Hamburg englisch sprachen, während Hamburg und ich uns wie gewohnt in unserer Muttersprache verständigten. Die französischen Synchronkollegen entpuppten sich im Übrigen ebenfalls als interessierte Zuhörer unserer deutschen Variante des Oeuvres.

Gestern bin ich schliesslich vom Banlieu ins 18. Pariser Arrondisement umgezogen, was das nächtlich Ausgehen ungemein erleichtert  – sehr zentral, nicht weit vom Kanal, wo ich joggen kann, wenn mein Fuss wieder hundertprozentig in Ordnung ist, und sympathischen Charakters.
Es ist erstaunlich, wie wenig man für einen gepflegten Alltag ohne allzu große Provisorien braucht. Mich umgibt hier nur etwa ein zwanzigstel meines Hamburger Hausstands. Mehr scheine ich im Alltag offenbar nicht zu benutzen, jedenfalls habe ich bis jetzt nichts vom Rest vermisst.  Das Studentische stört mich bis jetzt nicht. Zudem sind Wohngemeinschaften in Paris auch jenseits der 40 noch üblich, dank der exorbitanten Mietpreise, und so befinde ich mich in guter Gesellschaft. Meine französischen Mitbewohner haben die Studentenzeit auch schon länger hinter sich gelassen und sind beide entspannte Zeitgenossen. Ausserdem gibt es eine große gemeinsame Terrasse, die zur Not auch von meinem Zimmer aus zugänglich ist, wenn ich mir die Mühe mache, aus dem Fenster zu klettern. In meinem eigenen Zimmer wird im Laufe der Zeit zweifelsohne noch Deko dazukommen. Verschiedene persönliche Kleinigkeiten haben aber ihren Weg aus dem hanseatischen Hamburg ins haussmännische Paris gefunden und sorgen dafür, dass sich dieser Ort nach zu Hause und nicht so sehr nach Hotel anfühlt.

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Schlafgemach

 

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Ostflügel mit Canapé und Ankleidebereich

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Westflügel mit Sekretär

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bin da! Das ist Paris!

Ça roule. Nur die romantische Liebe, deren Erfüllung diese Stadt verspricht, hat sich nicht eingestellt. Obwohl ich Dalinas Brüste anweisungsgemäß bedacht habe:

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Erste Tage in Paname

Die ersten anderthalb Wochen sind vergangen. Die Formalitäten sind coolerweise und wider Erwarten fast alle erledigt.

Am simpelsten gestaltete sich der Kauf eines Metropasses. Nach einigem Geplauder mit dem Menschen am Schalter verzichtete dieser auf das „Justificativ de domicile“ – ein Wohnsitznachweis, den man in Frankreich ansonsten für jeden beliebigen Akt des sich Einbürgerns braucht – gab mir das Ding so und rief mir, während ich es über die obligatorische Chipkotrollmaschine gleiten liess, hinterher: „Désormais vous êtes Parisienne“.

Die Franzosen haben kein Einwohnermeldeamt und weisen Wohnsitze daher anhand von Strom-, Gas- oder Telefonrechnungen nach. Kompliziert wird es, wenn man selbst keine solche Rechnung besitzt, weil man der Untermieter von jemand anderem ist. Dann braucht man eine Wohnsitzbestätigung samt Rechnung auf den Namen dieses Hauptmieters oder Besitzers der Wohnung. Inzwischen habe ich so ein Ding, denn nach einigen erfolglosen Besichtigungen sagte ich stante pedes zu, als mir ein Zimmer für 550 Euro im 18e angeboten wurde, erhielt am selben Tag die Schlüssel und ziehe in 2 Wochen ein. Ich habe schon lange nicht mehr in einer Wohngemeinschaft gelebt und bin gespannt, wie lange ich damit zurecht komme. Andererseits trainiert es zweifelsohne mein Sprachvermögen, auch im häuslichen Umfeld mit Franzosen zu tun zu haben und ich habe bei dem Paar, das mich beherbergt, ein bißchen Familienanschluss. Den habe ich in meinem jetzigen Dominzil zwar auch, aber ich gebe zu, dass ich mich extrem darauf freue, zukünftig nur noch 10 Minuten zur Arbeit zu brauchen und abends nicht gegen die Uhr feiern zu müssen. Vor dem Hintergrund der extremen Kälte, die mittlerweile auch Paris erreicht hat, erscheinen mir kurze Wege noch einmal attraktiver.

Das Justificatif einmal in Händen und froh über das Zimmer, bin ich mit großem Elan losgestratzt, um ein Bankkonto zu eröffnen. Das sei nämlich, so sagte man mir, in Frankreich völlig unkompliziert und einfach. Ich solle einfach ein sogenanntes Nickel-Konto aufmachen. Nickel-Kontos gibt es beim Tabakhändler. Die werden da wie Prepaid-Simkarten vertickt. Man bezahlt 20 €, bekommt so ein fertiges Paket mit einer ec-Karte, Zugangsdaten und Instruktionen ausgehändigt und hat hinterher ein kostengünstiges Online-Konto, für dessen Eröffnung lediglich ein Personalausweis und dieses Justificatif nötig sind. Ich rechnete für dieses Projekt etwa 1 bis 2 Stunden Aufwand ein, hatte jedoch das Pech, zunächst drei Tabakhändler in Folge aufzusuchen, die im Internet zwar noch als Nickel-Partner aufgeführt, aber tatsächlich gar nicht mehr als solche aktiv sind. Der vierte Händler teilte mir mit, dass Nickel-Konten bei ihm wohl eröffnet werden könnten, aber ausgerechnet heute Wartungsarbeiten auf der Nickel-Website stattfänden, so dass erst ab 20 Uhr wieder eine Kontoeröffnung möglich sei. Es war 18 Uhr, und ich dachte mir, 2 Stunden lang kann ich mich sinnvoll beschäftigen, kam also um 20 h wieder. Leider signalisierte der Computer auch um 21 Uhr noch „Maintenance en cours“, so dass ein weiterer Besuch des Ladens am nächsten Tag notwendig wurde. Auf diese Weise wurde die Sache mit dem Bankkonto zur aufwendigsten Erledigung der Woche, aber alles in allem sogar ganz spaßig, weil ich in diesem Rahmen einige putzige Bekanntschaften machte und das Prozedere an sich auch irgendwie absurd anmutet, wenn man den Umgang mit herkömmlichen Bankangestellten gewöhnt ist.

Desweiteren habe ich inzwischen eine französische Handynummer, eine Auslandsflat, einen Nachsendeauftrag bei der Post, einen Arbeitsvertrag und einen Selfiestick. Letzteren erwarb ich auf den berühmten Puces de Saint-Ouen. Am Montag, da war es noch nicht ganz so kalt. Die Idee war, meine Auslandsaktivitäten fotographisch dokumentieren und gleichzeitig belegen zu können, dass ich dabei war. Allerdings gebe ich zu, das Ding nur ein einziges Mal draussen eingesetzt zu haben, weil mich der Peinlichkeitsfaktor bis jetzt noch abschreckt. Aber ich bin sicher, mit der Zeit werde ich zutraulicher.

Mein provisorisches Zimmer in Antony (Mon bordel, wie der Franzose sagen würde)

Mein provisorisches Zimmer in Antony (Mon bordel, wie der Franzose sagen würde)

Aux puces …

Was man auf dem Foto nicht sieht: Dieser bewaffnete, junge Mann ist umgeben von Gemälden geschmeidiger Frauenkörper, die benefalls zum Verkauf angeboten werden.

Was man auf dem Foto nicht sieht: Dieser bewaffnete, junge Mann ist umgeben von Gemälden geschmeidiger Frauenkörper, die ebenfalls zum Verkauf angeboten werden.

der Vorgänger des Imac G3

der Vorgänger des Imac G3

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Frankreichs Antwort auf den Polenmarkt

Frankreichs Antwort auf den Polenmarkt

Hier weiß man nicht so genau ... isses Kunst oder kann es weg ...

Hier weiß man nicht so genau … isses Kunst oder kann es weg …

 

Zu gut gerutscht

Zurück aus dem Schwarzwald verbringe ich letzte Tage in Hamburg, und zwar mit den finalen Vorbereitungen für den Umzug am Samstag. Dies gelingt zur Stund allerdings nur mit der tatkräftigen Unterstützung meines Sohnes, denn mein Rutsch ins neue Jahr gestaltete sich diesmal unfallträchtig. Mit ungeignetem Schuhwerk einem Zug hinterherspurtend rutschte ich … und zwar aus. Die Folge sind ein geschwollener Fuß und dadurch bedingt eingeschränkte Bewegungsfähigkeit.

Nach dem Rutsch

Nach dem Rutsch

Immerhin ist am Neujahrstag meines Wissens nach kein prominenter Sympathieträger gestorben und das dahingehende 2016-Bashing wird sich hoffentlich in diesem Jahr nicht fortsetzen. Langsam bin ich nämlich in der Tat ein wenig overflashed von Leuten, die im eigenen Jahresrückblick dem Schicksal prominenter, aber ihnen persönlich unbekannten Persönlichkeiten mehr Bedeutung zumessen als ihrem eigenen.

Vor meinem Sturz ins neue Jahr haben wir übrigens eine fulminante Silvestervorstellung gespielt mit voller Hütte und beglücktem Regisseur. Ein wundervoller Jahresausklang! Vier linke Hände ist bereits im Februar wieder auf dem Spielplan, so dass ich bereits in 4 Wochen ein erstes Gastspiel in Deutschland gebe und damit sanft in die berufliche Quasi-Pause geführt werde …

Bonne année à tout le monde, bref:

3. Station: Zurück im schwarzen Wald

Gar nicht so weit weg von Frankreich, nämlich unweit von Straßburg im Schwarzwald, wurde über die Feiertage „Vier linke Hände“ wieder aufgenommen, das Stück, mit dem das Jahr 2016 für mich begann. Auch wenn in allen sozialen Netzwerken das morgen zu Ende gehende Jahr als bitch beschimpft und der Tod diverser Prominenter (von denen manch einer, wie etwa Leonard Cohen, doch immerhin ein stolzes Alter erreicht hatte) zum Anlass genommen wird, 2016 als besonders häßliches Jahr zu brandmarken, war es für mich persönlich ein erlebnisreiches und wundervolles Jahr, und ich finde es schön, es am morgigen Silvesterabend mit dem Werk ausklingen zu lassen, welches mich hat hineingleiten lassen.

Die Geschichte von Sophie und Betrand paßt zwar nicht ganz zur Jahreszeit, spielt sie doch im menschenleeren Paris im Sommermonat August, wo unsere beiden Hauptfiguren als einzige die Sommerfereien zu Hause verbringen. Aber Liebesgeschichten lassen sich auch postsaisonal – um mal eine 2016 prägende Wortwendung zu verwenden – hervorragend erzählen, und es ist eine solche Freude, die Welt dieses Katastrophenpärchens auf der Bühne entstehen zu lassen! Besonders freue ich mich auf die morgige Silvestervorstellung, zu der ich drei besondere Gäste begrüßen darf, unter ihnen meine Mutter. Ein würdiger Abschied von 2016 und wenig später auch vorübergehend von deutschem Boden.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gelungenen Jahreswechsel.

Zur Vorankündigung der Silvestervorstellung.

Wenn zwei Menschen zwei linke Hände haben, macht das „Vier linke Hände“, so lautete auch der Titel der Aufführung des Regionentheaters im Bad Dürrheimer Kurhaus. Dabei ist mit den Händen der beiden Hauptpersonen, Sophie und Bertrand, eigentlich alles in Ordnung. Schwierigkeiten haben sie nur, Herz und Verstand in Einklang zu bringen. | Bild: Martin Gruhler

Wenn zwei Menschen zwei linke Hände haben, macht das „Vier linke Hände“, so lautete auch der Titel der Aufführung des Regionentheaters im Bad Dürrheimer Kurhaus. Dabei ist mit den Händen der beiden Hauptpersonen, Sophie und Bertrand, eigentlich alles in Ordnung. Schwierigkeiten haben sie nur, Herz und Verstand in Einklang zu bringen. | Bild: Martin Gruhler

2. Station: Testphase Paris

Vor dem endgültigen Umzug in zwei Wochen habe ich eine Probewoche im bereits erwähnten Tante Emma Laden in Paris zu absolvieren, die man als quasi bestanden deklarieren kann: Le contrat est fait, der Vertrag ist gemacht. Am Ende des gestrigen Tages wurde ich vom patron, also meinem neuen Arbeitgeber, auf ein deutsches Bier eingeladen – ich glaube, es war ein Wernersgründer – und der Vertrag wurde besiegelt. Ich bin also nun, nach langen Jahren der Freiberuflichkeit (gibt’s dieses Wort??) zum ersten Mal wieder Angestellte und habe mich an die Tatsache zu gewöhnen, dass ich zukünftig fragen muss, bevor ich eventuelle Vorstellungstermine zusage. Wobei sich Monsieur da sehr einsichtig zeigte und versprach, dass im Fall eines Falles eigentlich immer Lösungen gefunden werden. Ausserdem sind die sonstigen Arbeitsbedingungen prima: Ich bekomme dank dieses Festvertrags problemlos eine französische Carte Vitale, so nennt sich diese Chipkarte der Krankenversicherung und ein französisches Bankkonto. Die Arbeitszeiten entsprechen meinem biologischen Rhythmus, denn ich bin für die Nachmittagsschicht eingeteilt, so dass meine Arbeitstage sehr kommod um 14 Uhr beginnen, wenn man auch als Künstler bereits mehr oder weniger ausgeschlafen hat. Und der Laden selbst ist einfach niedlich, mit Quasi-Familienanschluss an ein kleines, internationales und altersgemischtes Team. Da ich nicht die einzige Ausländerin bin – ich befinde mich in Gesellschaft einer Deutsch-Mexikanerin, einer Kasachstanerin und einer Kambodganerin – bin ich guter Hoffnung, dass meine sprachlichen Defizite nicht zur Totalkatastrophe werden, auch wenn es für mich echt neu ist, dass ausgerechnet die Sprache mein Sorgenkind ist. Aber hey, das ist ja auch Teil der Erfahrung, die ich machen wollte mit einem Auslandsjahr. Abegesehen davon, dass ich sicher bin, mir hier relativ schnell einige Feinheiten der Landessprache aneignen zu können, immerhin findet der Alltag hier nicht wie gewohnt in deutscher, sondern in französischer Sprache statt, was den Wortschatz rapide erweitert. Zum Beispiel kann ich jetzt fragen, ob das Verfallsdatum bereits abgelaufen ist und erklären, wie das Lebkuchenhaus zum selber Basteln zu bedienen ist, was nach drei Arbeitstagen ja schonmal ein gutes Ergebnis ist.

Im Moment ist mir am Ende des Tages noch ganz schwindelig und mein Gehirn fühlt sich an wie ein alter Commodore 64, der verzweifelt versucht, zeitgenössische Programme zum Laufen zu kriegen. Ausserdem hoffe ich stets, dass die Kunden nichts fragen, was ich nicht verstehe und keine seltsamen Produktnamen verwenden, die man nur als eingefleischter Franzose kennen kann. Entspannt wird es immer, wenn deutsche Kunden kommen und ich damit glänzen kann, dass ich als einzige akzentfreies Deutsch spreche.

Zweifelsohne wird es mich auch ein bißchen Zeit kosten, mir über die Produkte, die ich zwar als Konsumentin irgendwie kenne, aber über deren Eigenschaften und Besonderheiten ich nicht vollumfänglich informiert bin, ein wenig Hintergrundwissen anzueignen. Immerhin bin ich in der Lage, die Aufschriften auf den Verpackungen zu verstehen und im Zweifel für die Kunden zu übersetzen, was schonmal ein Vorteil ist.

Bref, voili voilou … Schwester Esther goes Tante Emma. Die Erfahrung „Leben im Ausland“ hat begonnen.

Mein neuer Arbeitsplatz

PS: Allerdings frage ich mich gerade, ob die dahingehende Berichterstattung noch als „Theaterblog“ durchgeht. Falls nicht, möge es eben die Lücke im Lebenslauf ansprechend erläutern 🙂

 

Minipremierennachklapp

Eben noch in die Künstlergarderobe, jetzt auf unnserre Showbühnööö ...  Luise Schmelz geb. Hoche

Eben noch in die Künstlergarderobe, jetzt auf unnserre Showbühnööö … Luise Schmelz geb. Hoche

Die Premiere war ein Fest!
Größte Herausforderung: Essensszene im Kostüm. Tatsächlich hat es zwei kleine Soßenflecken abbekommen, deren Entfernung ich versuchte, würdevoll ins Spiel einzubauen.
Blödeste Panne: Kleiner Hustenanfall in einer Schlüsselszene
Persönliches Highlight der Figur: furienartige Attacke der Hausherrin auf die Dienstbotin mittels eines eleganten Regenschirms.

Aftershow ...

Aftershow …

Ich befinde mich jetzt wieder 21.Jahrhundert, und zwar im Land der Frühaufsteher. Die ersten sind wahrscheinlich bereits aufgestanden, während ich mich hier zufrieden, betrunken und schläfrig in die gute Nacht verabschiede. Ruhen Sie wohl!

Erste Station: Hannover

2 Tage hatten wir Zeit, „Das Tuch des Schweigens“ szenisch einzustudieren. Ein Probenprozeß im Tempo eines Duracell Karnickels, nicht ganz unanstrengend, aber extrem sympathisch, denn die Kollegen sind alle super vorbereitet und die Arbeit macht einfach Spaß – auch wenn ich die kleine Pause gerade sehr geniesse, nachdem der gestrige Arbeitstag keinen Raum für Blogeinträge ließ. In meinem Kostüm erinnere ich mich selbst an Mrs Oleson aus der kleinen Farm. Ein Umstand, den ich erstmal verarbeiten mußte, ist doch mein inneres Selbstbild immernoch eher das einer jugendlichen Schönheit als das der gealterten Matrone, die ich inzwischen bin. Aber hey, das Kleid läßt sich immerhin problemlos schliessen und es sind keine Hungerkuren erforderlich gewesen, um es passend zu machen.

Kostümprobe Hier noch ohne Frisur und Schminke und mit fälschlicherweise heraushängendem

Kostümprobe
Hier noch ohne Frisur und Schminke und mit fälschlicherweise heraushängendem „Lätzchen“ vorne am Bauch, das, wie ich inzwischen erfahren habe, IN den Rock gehört.

Inzwischen sind wir bereits nicht mehr in Hannover, sondern am Spielort im sachsen-anhältischen Burg, wo die Aussentemperaturen deutlich frostiger sind, aber der spielortnahe Italiener ein Traum. Hier offerierte man und gestern Abend eine excellente Mahlzeit zu verdammt fairen Preisen und glänzte durch ebenso witziges wie zuvorkommendes Personal.

Die Figuren im Stück sind übrigens zum Teil authentisch oder abgeleitet von realen Burger Bürgern der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts. Die Geschichte rund um Liebe, Leid und Geschäfte der Tuchmacherfamilie Schmelz  ist allerdings frei erfunden.

Heute Abend begeben wir uns in die Premiere in der Stadthalle in Burg. Möge die Turboproduktion gelingen!

On y va!

Nächste Woche ist Aufbruch.

Zunächst geht es nach Hannover, wo eine exklusive Darbietung (auf Wunsch des Auftraggebers geschrieben und konstruiert) einstudiert wird: DAS TUCH DES SCHWEIGENS, Premiere am 16.12. in der Stadthalle Burg.
Ich freue mich schon auf mein Kostüm und hoffe gleichzeitig, dass es paßt, denn für eine vorherige Anprobe blieb keine Zeit. Zur Not muss ich mich in den verbleibenden anderthalb Tagen reinhungern … Jedenfalls entspricht die Verortung der Handlung ins Tuchmachergeschäft des 19. Jahrhundert sehr meiner Schwäche für die Romantik, die die Klamotte der damaligen Zeit in mir freisetzt. Um ehrlich zu sein, ist dies sogar ein großer Gewinn im Schauspielbusiness, sowas ab und an tragen zu können, ohne ansonsten den Widrigkeiten dieser Epoche ausgesetzt zu sein.

Zweite Station ist dann nochmal Paris, wo ich in der Vorweihnachtswoche meine Einarbeitung im Tante Emma Laden absolviere, bevor ich im Januar endgültig meine Köfferchen und mich selbst dorthin verpflanze. Teile des hiesigen Hausrats sind bereits im Keller verstaut und erste Vorbereitungen für den endgültigen Umzug getroffen, denn ich werde von Paris aus nicht sofort nach Hause zurückkehren. Stattdessen bleiben anderthalb Tage für das obligatorische Weihnachtsintermezzo bei der Familie. Und schliesslich steht am ersten Weihnachtstag meine Gastspielreise in den Schwarzwald an. VIER LINKE HÄNDE wird hier wieder aufgenommen und sowohl Weihnachten als auch Silvester gespielt. Ich freue mich sehr auf diese Art des Abschieds aus Deutschland, zumal ich das Stück liebe und ausserdem Silvesterbesuch bekomme, dem Sophie Delassère zu präsentieren mir eine ganz besonders große Freude sein wird!

Bis dahin beschäftigen mich die letzten Vorstellungen mit Theater auf Tour, ein Besuch der noch nicht eröffneten, aber -tadaa- inzwischen fertig gebauten, umstrittenen Elbphilharmonie und die finale Stadtrundfahrtsmoderation am kommenden Montag.
Der Anblick meiner kahlen Hamburger Wohnung fühlt sich ein wenig seltsam an und die Vorstellung, ihr ein ganzes Jahr lang fern zu bleiben, ist schon jetzt nicht ganz wehmutsbefreit. Aber hey, no risk no fun, und ein Zurück gibt es zum jetzigen Zeitpunkt eh nicht mehr. Ich vermelde also vorfreudige Zufriedenheit mit meinem Zeitmanagement und …

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Tschaka!

Ich bin das Glückskind der Woche.

Seit meiner Rückkehr aus Paris geht es Schlag auf Schlag. Gestern erreichte mich ein Anruf von einer Synchronfirma, deren unverhoffter Auftrag mir noch vor meinem Umzug mit wenig Aufwand eine vierstellige Summe bescheren wird. Rettung in letzter Sekunde vor dem Hintergrund der plötzlich so völlig ungewiss gewordenen Jobsituation im nächsten Jahr. Dieses Geld, sagte ich zu mir und meinem ramponierten Nervenkostüm, verschafft mir trotz allem ein Zeitfenster von ein paar Wochen für den Fall, dass meine einzige sichere Einnahmequelle die von heute auf morgen zum Kleinstjob degradierte Stelle als Theaternounou für deutsch lernende Teenager bleibt.

Puh.

Aber hey, noch bevor der dahingehende Rausch verflogen war, anders gesagt, vor der Erkenntnis, dass auch vierstellige Summen kein ganzes Auslandsjahr finanzieren, heute erneut eine Email aus dem Tante Emma Laden in Paris. Und zwar des Inhalts, dass der Job früher frei würde als erwartet, und ob ich denn nicht baldmöglichst bezahlterweise zur Einarbeitung aufschlagen könne. Meinen dichten Terminkalender betrachtend sah ich mir die Anstellung schon durch die Lappen gehen und ich wurde fast zur besorgten Bürgerin. Ich meine, ich brauche diesen Job! Abgesehen von exorbitanten Mieten, ist bereits ein kleines Bier in der Capitale mit einer Investition von mindestens 5 Euronen verbunden und kein Alkohol ist auch keine Lösung. Mein Adrenalinspiegel lief den ganzen Tag auf Hochtouren, und ich  entdeckte schliesslich ein Zeitfenster von einer Woche, der Woche vor Weihnachten. Da sind keine Vorstellungen und keine anderen verbindlichen Termine. Ich schlug also vor, diese eine Woche vorbei zu kommen und im Januar anzufangen. Und siehe da, aus „um Gottes Willen, keine Künstler“ wurde so ’ne Art „Herzlich willkommen“ (wörtlich: „cool“).

Doppel-puh.

Und nochmal Anlauf genommen für den bevorstehenden Marathon, denn neben den Vorstellungen der Vorweihnachtssaison, der Einarbeitung in Paris, dem heiligen Abend mit der Familie und der Rückkehr in den Schwarzwald zu Weihnachts- und Silvestervorstellungen, wollen auch noch Kisten gepackt und die Hamburger Wohnung für meine Zwischenmieter auf Vordermann gebracht werden.

To be continued …

Paris, j’arrive

Auf diesem Blog noch nicht zur Erwähnung gekommen, aber schon seit längerem in Planung und Vorbereitung: Ein verspätetes Auslandsjahr in Paris. Zwischen heute und meinem Umzug liegen noch ganze 7 Wochen. Wochen voll mit Auftritten, Orgakram und Touristenbespaßung. All das fühlt sich gerade surreal an, zumal bei der Firma, die mich in Paris engagiert hat, Vollchaos herrscht und die mir versprochene Arbeitszeit sich wohl auf das Niveau eines Minijobs reduzieren wird. 7 Wochen vor dem bevorstehenden Umzug ist diese Info natürlich ein Super-GAU, aber auch mal wieder hausgemacht, weil ich in der mir eigenen Naivität nicht hinreichend auf schriftliche Festschreibung der Konditionen geachtet habe.

Anyway. Ich marschierte jedenfalls daraufhin in einen germanophonen Laden, von dem ich zufällig gelesen hatte, dass da Mitarbeiter gesucht werden und plauderte mit dem äusserst sympathischen Besitzer. Der war zunächst sehr skeptisch, weil er wohl die Erfahrung gemacht hat, dass Künstler als Arbeitnehmer schnell abspringen, sobald sie (wieder) in der eigenen Domaine Arbeit finden. In Deutschland würde ich es inzwischen tatsächlich als Abstieg empfinden, Jobs völlig ausserhalb des Kreativen machen zu müssen.
Für meine Zeit in Frankreich fühlt es sich gut an, da besteht aber die Herausforderung ja mehr darin, mit der neuen Sprache umzugehen. Sollte ich im Handumdrehen akzentfreies Französisch lernen, wird sich diese Haltung möglicherweise ändern. Jedenfalls
fand Monsieur Même mich offenbar als Personality drollig genug, um sich auf ein längeres Gespräch einzulassen und konstatierte, dass er kaum Deutsche kenne, die gut französisch sprechen und ich deswegen womöglich trotzdem eine interessante Partie sein könnte. Ich solle ihm meine Vita zukommen lassen und er würde sich melden. Heute kam dann eine freundlich und persönlich formulierte Replik, in der mir mitgeteilt wird, dass ich für den im Januar frei werdenden Job in Betracht komme.
Das ist zwar noch keine feste Zusage, aber vor dem Hintergrund, dass seine erste Reaktion sinngemäß “um Gottes Willen, keine Künstler” lautete, schonmal ganz schön gut. Jedenfalls hat die Lektüre dieser Antwort den Spiegel meiner Glückshormone für den heutigen Tag auf ein exorbitantes Niveau steigen lassen, zumal ich diesen Kerl von Anfang an mochte und intuitiv große Lust bekam, mit ihm zu arbeiten.
Es gibt ein Video mit Phillippe Même, dem sympathischen Tante-Emma-Händler, auf Youtube (in französischer Sprache, aber ich glaube, auch wenn man die Worte nicht versteht, kriegt man einen Eindruck)

Die letzten Tage, die ich in Paris verbrachte, habe ich jenseits der Jobfrage weitere Entdeckungen rund um das Leben in der Capitale gemacht.

So habe ich zum Beispiel festgestellt, dass man Dank Internet unglaublich schnell Kontakte in Paris (und wahrscheinlich überall) knüpfen kann. Ich war bei einem workshopartigen Meeting rund um Polyamorie und unkonventionelle Lebensformen, in kiezigem Ambiente, bei einem Verein, der for-free-Angebote für in Paris lebende Ausländer organisiert und bei einem deutsch-französischen Stammtisch.

Man sollte seinen Alkohol- und Zigarettenkonsum entweder einstellen oder reduzieren, wenn man in Paris lebt, ein Bier kostet durchschnittlich 5 €, eine Schachtel Zigaretten 7 €.

Des weiteren ist es sehr zeitsparend, abends den letzten RER noch zu erwischen, wenn man wie ich im Banlieue wohnt,  aber auch beruhigend zu wissen, dass man zumindest nicht bis zum ersten des Folgetages warten muss, um zurück zu kommen. Eine Nachtbusfahrt ermöglicht Ausländern wie mir ausserdem, mit dem stolzen Gefühl zurück zu kehren, den richtigen Nachtbus gefunden und dank der liebvollen Wegbeschreibung des Busfahrers von der Nachtbusstation (die 10 Minuten Fußmarsch von der RER Station entfernt liegt) nach Hause gefunden zu haben.

Ein großer Bonus französischer Bushaltestellen: Es gibt USB-Anschlüsse zum Aufladen des Handys

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Alles in allem freue ich mich auf Januar. Paris est une fête!