Coronablues

Es macht mich so unendlich traurig, dass etwas so wundervolles wie menschliche Nähe auf einmal böse ist und dass man wütend sein muss oder soll oder dieses Gefühl zumindest sehr angesagt ist, wenn andere Menschen sich nahe sind.

Es geht nicht darum, dass man das nicht mal aushalten kann. Dass man sich allein nicht beschäftigen kann, sogar gut, fröhlich und gewinnbringend beschäftigen kann. Auch nicht darum, dass es zur Stund zweifelsohne vernünftig und sinnvoll ist, die Leute weitestgehend zu isolieren.

Ich verbringe auch ohne Corona gerne Zeit allein, brauche das sogar. Ich lebe sehr bewußt in einem Ein-Personen-Haushalt (allerdings unter normalen Umständen auch sehr bewußt mit sehr viel buntem Besuch immer wieder ). Ich habe kein generelles Problem mit dem allein sein und allein Sachen machen.

Das alles ist es nicht. Es ist diese Verdrehung meines Wertesystems, die mich so überrollt, dass ich es zwischendurch gar nicht mehr aushalten kann. Menschen, die sich nahe sind, die fröhlich und friedlich Zeit miteinander verbringen, das war für mich bislang der Inbegriff von Glückseligkeit und Frieden. Auf einmal sind solche Menschen aber Egoisten und Arschlöcher. Das bringt mein Herz gerade nicht zusammen. Das setzt mir wirklich zu. Nicht, weil ich die Regeln falsch finde, sie selbst übertrete oder es mir egal ist, ob Menschen an Corona sterben. Sondern weil es sich einfach so absurd anfühlt, so grausam, so unmenschlich, dass liebevolles Beisammensein neuerdings als unsolidarischer Akt der Selbstsucht wahrgenommen oder sagen wir, nur noch virtuell gewertschätzt wird.

Jeden Morgen wache ich mit diesem Gedanken auf und bin tief traurig. Und spät in der Nacht schlafe ich mit diesem Gedanken ein und bin tief traurig.

Vielleicht habe ich einfach Angst, dass dieser Lifestyle der rein virtuellen Begegnung durch Corona in Mode kommt und zukünftig alles, inklusive der Liebe, nur noch virtuell gelebt wird. Das ist sicher Brainfuck, aber es fühlt sich in letzter Zeit so an.