Letzte, vorletzte und allerletzte Runden

Die letzten Wochen verbrachte ich in der Kneipe.
Und zwar mit Lutz Hübners Frühwerk Letzte Runde, welches in einer Kneipe spielt und genau dort auch aufgeführt wird. Spätestens seit Gretchen 89ff bin ich Liebhaberin Hübnerscher Sprachakrobatik und war sehr entzückt, als ich von Thomas Flocken (Regie) für die Rolle der Lena angefragt wurde. Lena wurde in irgendeiner Kritik als „verwelkte Lebedame“ bezeichnet, eine vielleicht nicht übermäßig charmante, aber doch irgendwie treffende Beschreibung des Charakters, den ich zur Stund in Lüneburg verkörpere. Eine Lebedame ist sie in jedem Fall. Verwelkt … naja, zumindest in dem Sinne, dass Lena die Lebensmitte überschritten hat und der eigene Alterungsprozess ein einigermaßen präsentes Thema ihres gegenwärtigen Daseins ist. Eines haben alle Figuren auf der Szene gemeinsam – sie alle bewegen sich in einer Zwischenwelt, einer Schnittmenge zwischen Leben und Sterben, wo Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen. Und so treffen hier Figuren vom Mittelalter bis in die Gegenwart aufeinander. Der Ackermann aus dem 14. Jahrhundert, Lena aus den 70er, Belly aus den 80er und Hannes aus den 90er Jahren … ach ja, und ein gewisser Todesengel namens Eszecielle, der heutig wirkt, aber alterslos ist. Sie treffen sich in einer Welt, die trotz des allgegenwärtigen Todes und einer zuweilen trostlosen Atmosphäre – oder gerade deswegen – vor Energie, Aufbruchstimmung und Lebensfreude nur so sprüht. Eine solche Welt symbolisiert die Kneipe von Hannes, dem Wirt, der sich selbst als „ Schoßhund mit Mangel an Gelegenheiten“ bezeichnet und ein wenig antiquiert wirkt in seiner 90er-Jahre Bude mit Spielautomaten, Juke-Box und Sole-Eiern auf dem Tresen. Eine Kneipe, in der wir das Gegenteil der hippen, stylischen Kneipenkultur atmen, die sich heutzutage in bundesdeutschen Großstädten mehr und mehr durchsetzt. Eine Kneipe, wo so ein bißchen Dreck und Abgefucktheit noch ihren Platz finden und wo sich die Menschen gepflegt besaufen, nach sexuellen Abenteuern suchen, die Jukebox anschmeissen und sich zum Tänzchen auffordern. Ein Laden, der zwar kaum Publikum, aber das wilde Leben in sich beherbergt. Ja, eine Kneipe, wie es sie in echt noch gibt – zumindest in der Lüneburger Hasenburg, deren Wirt in echt Harry heißt und ein cooler Typ ist. Nun, Harry hat weitaus mehr Gäste als der arme Hannes, der sich zwischendurch fragt, warum er nicht schon längst pleite gegangen ist. Aber Harry hat, wie Hannes, diesen Charme eines Typen, dem nichts menschliches fremd ist und der für jeden ein offenes Ohr hat. Bei Harry durften wir Kabel legen, Löcher in die Wand bohren, eine Klappe hinter seinem Tresen montieren und vieles mehr, um unseren Bühnenraum zu gestalten. Bei den Proben servierte er uns täglich eine dieser Riesenthermoskannen, voll mit herkömmlichem Filterkaffee und Kaffeesahne – total retro – und wer mochte, bekam Pommes rot-weiß.
Nun sind die Proben vorbei und der Spaß ist auf der Bühne … ähm, auf dem Kneipenparkett, und zwar seit dem 6. Februar.

By the way war diese Produktion auch Gelegenheit, den meistgespielten, deutschen Gegenwartsdramatiker persönlich kennenzulernen. Der hat sich nämlich auch auf den Weg zu Harry gemacht, um sich die Inszenierung anzuschauen. Und ich finde, Lutz Hübner passt, genau wie wir und sein Oeuvre in Harrys Kneipe, wo sich gepflegt betrinken kann. Es war ein Fest, eine allerletzte Runde mit ihm zu drehen und dabei das ein oder andere über die Entstehungsgeschichte dieses leider eher selten aufgeführte Schauspiel zu erfahren.

Zwei letzte Runden gibt es vorläufig noch, nämlich
am 1.März um 17 Uhr und
am 5. März um 19.30 Uhr
Ort des Geschehens: Die HASENBURG / Hasenburg 1 / 21335 Lüneburg
Tickets unter www.schauspielkollektiv.de, bei der LZ Kasse oder an der Abendkasse

Wir freuen uns auf diese allerletzten Runden vor der eventuellen Wiederaufnahme zur allerallerletzten Runde …

ZUR PREMIERENKRITIK

Randnotitz: By the way hatte genau heute vor 8 Jahren, am 29. Februar des Schaltjahres 2012, unsere Inszenierung Gretchen89ff im Hamburger Monsun Theater Premiere. So schließt sich der Kreis. Alle zwei Schaltjahre ein Lutz Hübner … das könnte sich fortsetzen.

Lena (Esther Barth)

Belly (Hendrik Flacke) und Hannes (Jens Rainer Kalkmann)

Eszecielle (Hannah Rebecca Ehlers), Hannes (Jens Rainer Kalkmann) und Lena (Esther Barth)

Belly (Hendrik Flacke) und Lena (Esther Barth)

Lena (Esther Barth) und Belly (Hendrik Flacke)

Eszecielle (Hannah Rebecca Ehlers) und der Hinterbliebene (Andreas Püst)

Neue Frauen braucht das Theater – Unbeschreiblich weiblich in Kiel

Noch bevor ich wieder nach Reims, resp. Flensburg auf die Spruren von Didier Eribon zurückkehre, wird in Kiel die Komödie Unbeschreiblich Weiblich von Petra Wintersteller Premiere haben.

Der Theaterfrachter Lore&Lay wird zeitnah in bespielbarem Zustand sein, ist aber zur Stund noch work in progress, und so fand die erste Leseprobe an Land statt.

Wie der Titel schon nahelegt, befinden wir uns in einem fast ausschliesslich aus Frauen bestehenden Ensemble. Der junge Josh Riese ist der metaphorische Quotenmann in einem ansonten mit Weibern besetzten Team, inklusive Regie und Regieassistenz. Im Übrigen handelt es sich um ein, wie ich finde, ausnahmslos sympathisches Ensemble mit einer Regisseurin, die die richtigen Töne trifft. Tina Wagner wird das Oeuvre inszenieren, und mich ergriff sofort vollumfängliche Begeisterung, als sich abzeichnete, dass da jemand über die gleichen Stellen im Stück gestolpert ist wie ich und ich mit den Einwänden und Änderungsvorschlägen zu hundert Prozent einverstanden bin – hat man ja auch nicht alle Tage.

Das Setting: Vier Frauen mit auffällig unterschiedlichem Naturell begegnen sich auf der Suche nach einem erfüllteren Leben in einem VHS-Kurs des sehr schönen Titels „Unbeschreiblich Weiblich“. Sie durchlaufen, angeleitet von Frauenversteher Erich Schuler, einen – teils drolligen, teils dramatischen- gruppentherapeutischen Prozess, entdecken sich neu und feiern in einem genregerechten Happy End das Leben und sich selbst. Der Humor dieser Liebe-Dich-selbst-Komödie entsteht vor allem durch die Kombi der Charaktere, in denen jede von uns zweifelsohne die ein oder andere Bekannte – uns selbst eingeschlossen – wiedererkennt und die im Zusammenspiel einfach putzig daher kommen. Ein bisschen schwierig finde ich, gerade im Zusammenhang mit Frauen, die Botschaft, dass ein glückliches, erfülltes Leben, sich in erster Linie durch eine möglichst enge Bindung an einen Mann herstellt. Jedenfalls könnte man die Schlußszene dahingehend interpretieren. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass unsere Regisseurin eine schöne Lösung bereit hält, um diese Interpretationsmöglichkeit nicht so sehr als Kernthese ins Zentrum der Inszenierung zu rücken.

Gute sechs Wochen Probenarbeit liegen vor uns, dann wird Lore&Lay das Ergebnis präsentieren. Wer teilhaben möchte:

Unbeschreiblich Weiblich
Premiere am 26. September um 20 Uhr auf dem Theaterfrachter Lore&Lay
mit Jule Nero, Oleksandra Zapolska, Josh Riese, Martina Riese und alternierend Esther Barth/Heidi Klein
Regie: Tina Wagner

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